Man braucht sich nicht mehr großartig über den Stellenwert des Progressive-Metal-Meilensteins "Metropolis Pt. 2: Scenes From A Memory" in der jüngeren Musikgeschichte auszulassen. Als sich der Jahrestag der Veröffentlichung von DREAM THEATERs Gesellenstück 2019 zum 20. Mal jährte, war dies der mit ihrem jüngsten Studioalbum wiedererstarkten Gruppe aus dem US-Bundesstaat New York eine weitere Weltreise wert, deren Ende in London im Februar 2020 kurz vor dem Corona-Lockdown nun in konservierter Form vorliegt.
Die Band hat sich mal wieder das Dreier-Format dafür ausgesucht … und während einige Schönheitsfehler von früheren Live-Alben behoben wurden, sind andere geblieben, wenn auch wie gesagt eben Kleinigkeiten. Der wesentliche Schwachpunkt von "Distant Memories: Live in London" besteht eigentlich nur in der klanglichen Unterbelichtung von Frontmann James LaBrie, was aber auch damit zusammenhängen könnte, dass seine Stimme über die Jahre hin bekanntermaßen an Glanz eingebüßt hat.
Andererseits wirkt der Mitschnitt aus dem Apollo Theater deshalb umso authentischer, und was soll man noch über die handwerklichen Fähigkeiten dieser Ausnahmeband sagen? Schlagzeuger Mike Mangini ist längst genauso fest mit den drei Kernmitgliedern verschweißt wie Organist Jordan Rudess, der schließlich auch maßgeblich dafür verantwortlich zeichnete, dass "Scenes …" ein Geniestreich wurde.
Dementsprechend ist seine Performance am Keyboard nicht mehr wegzudenken, und DREAM THEATER pfeifen zu diesem Anlass sowieso darauf, tiefer in ihre eigene Vergangenheit vorzustoßen; was vor Rudess geschaffen wurde, findet auf "Distant Memories" schlicht und ergreifend nicht statt. Der Knalleffekt vieler vermeintlich vertrauter Tracks, die auf der Setlist stehen, ist indes überraschend laut.
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Davon abgesehen, dass man überdeutlich gut erkennt, wie stark die noch aktuelle Studioofferte "Distance Over Time" wirklich ist, streifen DREAM THEATER nicht bloß ihre Schuhe ab, sondern bieten "Metropolis: Pt. 2" vergleichsweise spritzig dar, auch wenn sie sich ihrem konservativen Publikum insofern anbiedern, als nichts in merklichem Ausmaß umarrangiert wurde.
Das Material kommt originalgetreu, aber mit spürbarer Verve zur Aufführung, wobei sich der Tasten-Zauberer zwischendurch dann doch zu dieser oder jener improvisatorischen Einlage hinreißen lässt. Allein wegen des Instrumentals 'The Dance of Eternity" als absehbarem Höhepunkt lohnt sich diese Konzert-Nachlese auf jeden Fall, doch der ungeheuer starke Groover 'Fall Into the Light' sowie die dramatischen Longtracks 'A Nightmare to Remember' und 'Pale Blue Dot' haben neben dem Ohrwurm 'Untethered Angel' gleich zu Beginn ebenfalls eine Menge für sich. So oder so …
FAZIT: "Distant Memories" ist eine Fan-Veranstaltung und als Live-Album kein Release, den man sich als Unbedarfter in Sachen DREAM THEATER zulegen sollte, denn die drei Tonträger füllende Show, bei der sich die Band prima aufgelegt zeigte, bildet nur einen Ausschnitt ihrer Karriere ab. <img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/f1411b9977a44a28b1a67f266cb3b3fe" width="1" height="1" alt="">
Erschienen auf www.musikreviews.de am 21.11.2020
John Myung
James LaBrie
John Petrucci
Jordan Rudess
Mike Mangini
Inside Out / Sony
159:49
27.11.2020