Wenn ein neues DRITTE-WAHL-Album ansteht, ist immer ein bisschen Feierstimmung in Verzug, denn die seit 32 Jahren bestehende Band waren, sind und - das schon einmal vorne weg - bleiben eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Musikbetrieb. Dabei müssen die Rostocker auf "3D" gar nichts Wesentliches an ihrem Szene-übergreifenden Sound ändern, sondern einfach nur wie gewohnt Songs schreiben.
Der eröffnende Antreiber 'Ikarus' und das ähnlich getaktete 'Ohne mich' repräsentieren gewissermaßen die beiden Hauptsäulen des Stils des Quartetts - leicht melancholisch und schwungvoll, aber eher leise einerseits, ruppig und praktisch Deutschpunk in Reinkultur andererseits, was auch für die Texte gilt; Frontmann und Kopf Gunnar Schröder zählt bekanntermaßen zu den besten einheimischen Lyrikern im einheimischen Indie-Bereich.
Ungeachtet dessen, dass der Vorgänger "10" chartete, nehmen DRITTE WAHL einmal mehr kein Blatt vor den Mund, sondern äußern sich mit viel Wortwitz und zu keiner Zeit mit besserwisserisch moralisierend erhobenem Zeigefinger zu Missständen in Gesellschaft und Politik - mal humorvoll und mal mit aufrichtiger Wut wie während 'Brennt alles nieder', einem aufrüttelnden Bekenntnis gegen Rechtsextremismus.
Bei alledem hat die Band zusammen mit Produzent Jörg Umbreit erneut zahlreiche klangliche Spitzfindigkeiten eingebaut, nicht nur Computer-Gedudel in der Klavierballade 'Elektro Merten' oder einen Jahrmarktsmusik-Part im Walzertakt in der Vorab-Auskopplung 'Was zur Hölle …?!'. Chorische Gesangsarrangements und flinke Riffs oder melodische Leads zeugen unterdessen sowohl von DRITTE WAHLs langjähriger Songwriting-Erfahrung als auch jener Liebe für Metal, die ihnen schon immer zu eigen war.
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Letztere macht beispielsweise 'Fabelhafte Voraussetzung' im Grunde zu einem Thrash-Track (mit spacigem Synthesizer am Ende wohlgemerkt), wohingegen das auf pfiffige Weise Geschlechterrollen kritisierende 'Schöne Frau mit Geld' oder der Singalong 'Warm anziehen' gewissermaßen 1990er Melodic Hardcore aus dem Effeff verkörpern.
FAZIT: Etwas über 50 Minuten DRITTE WAHL, wie man sie kennt und liebt - "3D" hebt scharf alle Vorzüge der Deutschrock-Institution hervor und lässt die ganze Frei.Wild-Blase mitsamt ihrem nationalromantischen Kumpel-Märtyrer-Pathos so was von alt aussehen. <img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/9181dd6c277441c08309a95b77ddaea2" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 14.09.2020
Dritte Wahl Records / Indigo
50:43
18.09.2020