Manchmal sagt schon der Blick auf ein Cover mehr über die Musik dahinter aus, als andersweitig zu erwarten ist. Das gilt im Grunde seit Jahrzehnten schon für THE TREMOLO BEER GUT, die skandinavische Antwort auf so etwa alle Surf-Rock-Helden der Vergangenheit. Denn die Musik auf „You Can't Handle“, ihrem bereits 5. Studio-Album, ist genauso herrlich „Sixties-Gitarren-Instrumental-Surf-Rock“-Retro wie's uns das Cover verheißt und die motivisch gänzlich identischen Cover der Vorgängeralben, deren letztes bereits 13 Jahre zurückliegt, gleichermaßen verhießen.
<iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/yDQBQcm0bnc" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe>
THE TREMOLO BEER GUT gelten völlig zurecht in Dänemark als die beste Instrumental-Band, welche mit ihrem Spy-Surf-Western-Garagenrock intensiv wie eine Kombination aus THE SHADOWS plus deren DDR-Entsprechung DIE SPUTNIKS – die man unbedingt auch als 'Nicht-Ossi' kennen sollte – sowie TITO & TARANTULA und BEACH BOYS ohne Gesang klingen. Und das bereitet von der ersten Minute der LP – also so viel Retro muss sein (Wer's nicht braucht, der nehme die CD oder wähle die schnöde Download-Variante.) – riesige Freude und klingt zugleich wie eine Zeitreise speziell in die Mittsechziger, als dieser britische Gitarren-dominierte Sound groß angesagt war, seine SHADOWs warf und jede Menge Nachahmer fand.
Wiederum wie die vorherigen vier Scheiben im Studio in Malmö eingespielt, dürfen sich neben den vier Stamm-Musikern auch jede Menge extrem namhafte Gäste auf „You Can't Handle“ beweisen und zeigen, dass sie trotz des verneinenden Album-Titels diesen Garagen- und Surf-Rock bestens 'händeln' können. Als da wären beispielsweise Jon Spencer von THE BLUES EXPLOSION, Sune Rose Wagner von THE RAVEONETTES, Cristina Martinez von BOSS HOG, Evan D. Foster von THE SONICS und, und, und…
<iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/nyo-GD9y4ls" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe>
Spannend und neu war der Prozess, wie die Aufnahmen entstanden. Denn bis dahin, eingesperrt durch die Zwänge rund um das Covid-Virus, begegneten sich die Musiker gänzlich unvorbereitet im Malmöer Studio und entwickelten erst dort gemeinsam jedes einzelne Stück, stimmten alle Akkorde und Melodien ab, betraten daraufhin den Live-Raum des Studios, probten, arrangierten und spielten dann endgültig den Titel gemeinsam unter Live-Atmosphäre ein.
Sogar dem erst kürzlich verstorbenen Ennio Morricone gedachten sie dabei, indem sie mit „Memento Morricone“, eine deutlich an „Spiel mir das Lied vom Tod“ erinnernde Nummer im Western-Flair, die LP-A-Seite abschlossen.
Aber auch dass während der Aufnahmen in Malmö eine extreme Hitzewelle ausgebrochen war und stellenweise sogar die komplette Studio-Technik zum Abkühlen zeitweise ausgeschaltet werden musste, förderte die Kreativität des dänischen Quartetts, sodass sie dieser Erfahrung in „Hot! Hot! Heatwave!“ gedachten. Und mit der einzigen Cover-Version auf der LP, „Gnossienne No. 1 (I Can't Get No)“, setzten sie gleich noch ERIK SATIE ein kleines Denkmal.
Nachdem alle Stücke eingespielt waren, fügten dann THE TREMOLO BEER GUT in einer weiteren Aufnahmesession noch zusätzliche Gitarren, etwas (Sprech-)Gesang (einmal sogar in russischer Sprache), Orgeln, Glockenspiele, Vibraphone, Harmonika, Kontrabass, Schlagzeug und sogar ein Theremin sowie knarrende Türgeräusche hinzu. Die speziellen Gast-Beiträge dazu wurden ihnen dann noch aus aller Welt von den beteiligten Musikern zugeschickt, damit auf typisch Sixties-Sound-Art die beeindruckend klingende Endabmischung vorgenommen werden konnte.
Am Ende springt dabei eine echt geile Surfrock-Scheibe samt Western-Filmmusik- und Sixties-Brit-Gitarren-Flair heraus. Macht Spaß ohne Ende und lässt einen mal für eine gute halbe Stunde lang diesen ganzen Corona-Scheiß vergessen. Und wenn dieser Corona-Scheiß dann irgendwann mal vorbei ist, lebt wenigstens diese Musik garantiert weiter. Mit nachhaltiger, vielleicht sogar süchtig machender Wirkung.
<iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/VRmivk9cSBA" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe>
FAZIT: Nach 13 Jahren Wartezeit gibt’s endlich wieder ein lautstarkes Sixties-Instrumental-Rock-Lebenszeichen der dänischen Surf-Garage-Cinema-Band THE TREMOLO BEER GUT, die noch dazu für ihr „You Can't Handle“-Album viele namhafte Gäste hinzuholten. Klingt, als würden THE SHADOWS aus Kopenhagen kommen, um nach einem halben Jahrhundert noch einmal ihren britischen Gitarren-Surf-Rock im frischen Sixties-Ear-Look zu präsentieren.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 02.05.2021
Sunding
Jengo, The Great Nalna
Yebo
Crunchy Frog/Membran
36:13
16.04.2021