Braucht man nach einer Zusammenstellung von Bruce Soords live während der Pandemie im Netz gestreamten Solosongs, einem umfassenden THE PINEAPPLE THIEF-Livealbum und einem immer noch fesselnden aktuellen Studiowerk nun auch noch eine Compilation von neu aufgenommenen Stücken der Band? Ja und nein…
Letzteres sagen nicht ganz zu Unrecht Menschen, die Musik in ihrer ursprünglichen Aufnahmeform hören möchten, denn so waren Songs in der Regel ursprünglich gedacht - und falls nicht, haben sich ihre Substanz und Bedeutung von ihren Schöpfern unabhängig verselbständigt. Andererseits ergibt eine Neuinterpretation gerade in THE PINEAPPLE THIEFs Fall Sinn, weil die Gruppe in der Vergangenheit klanglich nicht immer optimal in Szene gesetzt war und dieser Tage mit einem Drummer gesegnet ist, der vermutlich sogar mäßige Kompositionen zu echten Hinhörern macht.
Gemeint ist King-Crimson-Taktgeber Gavin Harrison, der wie zu erwarten auch den gar nicht so heimlichen Star des Projekts "Give It Back" darstellt. Das anfangs lässige und später brisante ´Wretched Soul" - ursprünglich von "10 Stories Down" (2004) - zeigt bereits seine flinken Füße, und die Vibrafon-Ballade ´Build A World´ von der gleichnamigen 2013er EP bringt er auf unvorhergesehene Weise zum Grooven.
Von Harrisons Künsten abgesehen besticht die Kompilierung dadurch, dass Soord und Co. das ausgesuchte Materiel erheblich umstrukturiert haben. ´Start Your Descent´ etwa (ebenfalls von "10 Stories Down") klingt nun deutlich ungezwungener nach einem Leisetreter, den sich auch Radiohead in jüngerer Zeit hätten erlauben können, derweil ´Warm Seas´ von "All the Wars" (2012) eigentlich schon damals wie eine Mischung aus Marillion zur Jahrtausendwende und Tool hätte klingen sollen.
FAZIT: Ein Dutzend im neuen Glanz erstrahlende Stücke aus dem umfangreichen Katalog der britischen New-Artrock-Instanz THE PINEAPPLE THIEF - "Give It Back" zeigt, was erfahrene Musiker aus solider kompositorischer Grundsubstanz herausholen können, wenn sie ihrer Anfänge mit Leidenschaft gedenken und obendrein einen Ausnahme-Schlagzeuger im Kader haben. Gavin Harrison macht am Ende des Tages auch den Hauptreiz dieser Neuaufnahmen aus, nachdem man über einige in ihrer Atmosphäre umgedeutete Nummern gestaunt hat. <img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/1bc581abc7d441d7961f171e9c3433bf" width="1" height="1" alt="">
Erschienen auf www.musikreviews.de am 06.05.2022
Jon Sykes
Bruce Soord
Bruce Soord
Steve Kitch
Gavin Harrison
Kscope / Edel
60:25
13.05.2022