Nach ihrer gemeinsamen Zeit bei OCTOPUS gründeten Jennifer und Win Kowa 1981 THE RADIO. Anfangs zu viert unterwegs, schrumpfte die Band 1982 zum Trio. Obwohl über 400 Auftritte im Laufe der Jahre zusammen kamen veröffentlichten THE RADIO zu Lebzeiten lediglich die EP „THE RADIO-active“. Drei weitere rare Studioaufnahmen (mit KRAANs Helmut Hattler am Bass) finden sich als Bonus auf „Live in Haldern 1985 & 1986“.
Musikalisch bieten THE RADIO stadiontauglichen melodischen Rock mit Prog-, New Wave- und NDW-Einflüssen. Letzteres Richtung SPLIFF, nicht Fräulein Menke. Das Sound-Design entspricht den Vorlieben der 80er, der Gitarrensynthesizer wird strapaziert, die Keyboards zelebrieren leichte Käsigkeit mit spitzen Tönen. Der Bass pluckert schmatzend und immerhin sind die Drums echt. Jennifer Kowas voluminöse Rockstimme pusht das Material eine Liga höher. Die plumpe Wiederholungstat „Icebox“ kann sie allerdings auch nicht retten.
Der Sound der Liveproduktion geht halbwegs in Ordnung, ist aber kein State Of The Art, selbst für Mitte der 80er nicht, da er zu flach und verhallt ist. Aber wir haben schon weit Schlimmeres auf offiziellen Veröffentlichungen gehört. Hörbar bleibt vor allem die Power von Band und Frontfrau, beachtlich wie großformatig das Trio stellenweise klingt. Das richtet sich zwischen den bereits erwähnten SPLIFF, den CARS und „Abacab“-GENESIS gekonnt ein.
Textlich werden die üblichen (Problem)-Felder des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts behandelt. Die Sehnsucht nach „Peace and Harmony“ gepaart mit der Angst vor Atomwaffen („Harmony“), Überbevölkerung („The World Is Overcrowded“, unfreiwillig komisch drei Jahrzehnte später mit 3,14 Milliarden mehr Menschen auf dem Erdenrund), Isolation, die sehr kirmesmäßig zu sein scheint („Icebox“) und von der gewünscht wird, sie Richtung Tanzhalle zu verlassen. „Footloose“ grüßt schön. Der Inhalt von „New York“ ist selbsterklärend. Herz-Schmerz mit Pep als Abschluss des Live-Teils.
Der gesamte Auftritt besitzt nostalgischen Charme, den Jennifer Kowa jederzeit mit Inbrunst rüberbringt. Fehlt nur ein Saxophon fürs wahre 80er Feeling.
Die drei Bonustracks aus dem Studio zeigen THE RADIO als gewiefte AOR-Adepten, die sich genügend Funkyness (auch dank Helmut Hattlers Bass) bewahrt haben, um nicht im modderigen Sumpf, der diese Musikrichtung umgibt, unterzugehen.
FAZIT: „Live in Haldern 1985 & 1986“ ist eine sympathische Veröffentlichung für tolerante Menschen mit Hang zu den schnöselig-rockigen 80ern. Handwerklich gibt es wenig, bis auf den mediokren Live-Klang, zu mäkeln. Es gibt weit schlechtere Musik, die seinerzeit mehr im Licht der Öffentlichkeit stand. Für viel Akzeptanz sorgt Sängerin Jennifer Kowa, die auch heute noch, allerdings mit einem smoothigen Folk-Blues-Rock-Derivat ("Slowdown"), stimmliche Klasse beweist. Win Kowa verlegte sich später auf meist angenehm chillige Musik mit langen Instrumentalparts und gelegentlichen Gesangseinlagen, unter anderem von Jennifer Kowa. Pendelt zwischen Ambient, mittleren PINK FLOYD, Café Del Mar-Weltmusik und New Age.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 23.12.2022
Jennifer Kowa, Hellmut Hattler
Jennifer Kowa
Win Kowa, Jennifer Kowa
Wolfgang „Mu“, Romano Cunsolo, Fritz Randow
Win Kowa (Guitarsynthesizer, Moog Taurus Pedal)
Sireena Records/Broken Silence
54:37
14.10.2022