<b>Wie sehr doch ein Album polarisieren kann, darf bestens bei „Kosmonautik Pilgrimage“ von ANCHOR AND BURDEN nachverfolgt werden, denn <a href="http://musikreviews.de/reviews/2023/Anchor-And-Burden/Kosmonautik-Pilgrimage/" target="_blank" rel="nofollow">während es unseren Chefredakteur begeisterte</a>, holt es unser Redakteur Dominik wieder auf den Boden seiner Tatsachen zurück. Darum hier viel Freude beim Lesen der zweiten Review zu den pilgernden Kosmonauten.</b>
Des einen Leid ist eines andern Freud und darum wird diese wilde Abfahrt namens „Kosmonautik Pilgrimage“ sicher nicht jedem bekommen und bei dem einen oder anderen Hörer für flaue Gefühle in der Magengegend sorgen. Das liegt vor allem daran, dass die oft und gerne krude dahinmäandernden Soundspielereien keinen sofort erkennbaren roten Faden aufweisen, dafür aber allerlei Haken schlagen.
Trotzdem lohnt es sich, dem Material zuzuhören, denn was hier auf instrumentaler Ebene geleistet wird, ist schon beachtlich. Da wäre z.B. das Schlagzeug, das nicht mit krummen Takten und rhythmischen Schlenkern geizt und doch stets melodiedienlich arbeitet. Vielleicht ist dieser abrundende Eindruck aber auch den gerne und häufig schräg dahinschrammelnden Saitentönen geschuldet.
Allerdings muss ANCHOR AND BURDEN ein großer Pluspunkt zugestanden werden: Sie arbeiten aufeinander sehr gut abgestimmt. Egal wie fiepsig mancher Ton umherquäkt, im größeren Kontext des Stücks ergibt jeder Break, jedes Soundschnipsel einen Sinn.
Vielfach klingen die Stücke wie freie Improvisationen, deren Ziel lediglich ein gemeinsamer Anfang und ein ebensolches Ende sind. Was dazwischen passiert ist erstmal egal. Daraus ergeben sich (w)irre Gitarrenläufe und sonor umherwabernde Soundscapes, die mitunter anstrengen und auf Anhieb auch nicht viel mehr als Fragezeichen beim Hörer hinterlassen, mit der Zeit aber ein interessantes Eigenleben entwickeln.
Das liegt vor allem daran, dass die Musiker sich sämtlicher Scheuklappen entledigen und doch den Anspruch haben, miteinander anstatt gegeneinander zu musizieren.
Insofern ist „Kosmonautik Pilgrimage“ ein Album instrumentaler Extreme. Das technische Niveau der Musiker ist ohne Zweifel beachtlich, wenn auch die Emotionen ein wenig auf der Strecke bleiben. Aber die stehen bei experimentellem Progressive-Jazz-Rock sowieso nicht zwingend im Mittelpunkt.
FAZIT: ANCHOR AND BURDEN sind ohne Zweifel instrumentale Könner, denen kein Takt zu krumm ist. Das hat zur Folge, dass „Kosmonautik Pilgrimage“ zunächst sehr kopflastig wirkt. Gibt man dem Material aber die nötige Reifezeit, dann hat die Musik zweifellos das Potenzial zu wachsen und den erschlagenden Ersteindruck durch viele kleine Details zu relativieren. Voraussetzung dafür ist ein offener Hörergeist und ein nicht zu dünner Geduldsfaden.
Punkte: 9/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 14.02.2023
Markus Reuter, Alexander Paul Dowerk
Bernhard Wöstheinrich
Asaf Sikris
Markus Reuter (Soundscapes)
MoonJune Records
64:23
13.01.2023