Nunmehr war es anno 2004 – also vor genau 20 Jahren – vollbracht: Der letzte Teil im Rahmen der Prog-Rock-Weihnachtstrilogie des TRANS-SIBERIAN ORCHESTRAs stand mit „The Lost Christmas Eve“ unter den Weihnachtsbäumen der anspruchsvollen Musik-Rock-Geister, denen ein „Kling Glöckchen klingelingeling“ oder „Silent Night“ und schon gar nicht „Last Christmas“ als musikalische Weihnachtsbeschallung ausreichten. Denn nun trat ein transsibirisches Orchester, größtenteils hervorgegangen aus der Band SAVATAGE, auf den Plan, um mit symphonisch-progressivem Metal in Form einer Rockoper die furztrockenen Weihnachtslieder-Nadeln vom Baum rieseln zu lassen. „The Lost Christmas Eve“ war nach <a href="http://www.musikreviews.de/reviews/2016/Trans-Siberian-Orchestra/The-Ghosts-Of-Christmas-Eve/" target="_blank" rel="nofollow">„The Ghost Of Christmas Eve“</a> und <a href="http://www.musikreviews.de/reviews/2023/Trans-Siberian-Orchestra/The-Christmas-Attic/" target="_blank" rel="nofollow">„The Christmas Attic“</a> der würdige Abschluss des Dreiteilers unter musikalischem wie textlichen Aspekt geworden, auf den man allerdings geschlagene sechs Jahre nach Teil 2 warten musste. Doch auch „The Lost Christmas Eve“ erfüllte nach so langer Wartezeit alle Ansprüche, die man während der ersten zwei Teile erhofft hatte.
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Oder um es noch einmal mit den Worten, die zuvor für „The Christmas Attic“ von uns gefunden worden waren, auf den Punkt zu bringen: „Hier erwartet uns ein prog-bombast-symphonischer Rockmusikritt, dem neben Besinnlichkeit auch so einige Härte innewohnte...
...das war ja schon fast ein wenig weihnachtsmusikalische Gotteslästerung, weil man solche Klangwelt zur Weihnachtszeit doch keinesfalls in Kaufhäusern und Restaurants in Dauerschleife laufen lassen konnte. Trotzdem ist natürlich der Prog-Parcours zwischen Progressive Rock und weihnachtlichem Bombast-Kitsch nie ganz von der Hand zu weisen und auch hier werden sich - wie so oft - die Geister scheiden...“
Diese Feststellung darf 1 zu 1 auch auf „The Lost Christmas Eve“ angewandt werden!
Und keine Angst: Der 'verlorene Heiligabend' wird am Ende der rührseligen wie spannenden und im besten Sinne bewegenden Weihnachtsgeschichte wiedergefunden.
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Worum geht es also - ganz grob umrissen – im letzten Teil der Weihnachtsgeschichte?
Wie gehabt dreht es sich auch im letzten Teil der Trilogie um Verlust und Erlösung. Die Handlung spielt in einem heruntergekommenem Hotel, einem alten Spielzeugladen und einer Blues-Bar sowie einer gotischen Kathedrale, die allesamt auf dem LP-Gatefoldcover und dessen Innenseite zu entdecken sind. Alle jeweiligen Bewohner dieser Handlungsorte teilen schwere Schicksale, die durch einen einzigen zauberhaften Abend in New York City miteinander verwoben werden. Hierzu wird Gottes jüngster Engel auf die Erde geschickt, um helfend wie steuernd einzugreifen (natürlich als ein süßes Kindlein), allerdings auf Kosten seiner Flügel wie es anfangs scheint. Jetzt entwickelt sich eine wirklich todtraurige Geschichte um einen Mann, der seinen behinderten Sohn, nachdem dessen Frau während der Geburt an einer inneren Blutung gestorben war, in eine Anstalt gegeben hatte, weil er sich nach dem plötzlichen Tod seiner Frau mit einem behinderten Kind komplett überfordert sah. Da ihn, den Tiefgläubigen, dieses tragische Schicksal in der Weihnachtszeit ereilte, floh er ab diesem Zeitpunkt über Jahre hinweg vor jedem Weihnachtsfest. Nun aber beginnt er Jahre später nach seinem Sohn zu suchen, findet ihn tatsächlich wieder und...
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Okay, ab hier machen wir mal Schluss, um dieser schönen Weihnachtsgeschichte nicht zu weit vorzugreifen, denn sie kann in ihrem Original sowie mit allen Lyrics in dem malerisch wunderschön gestalteten, 16-seitigen LP-Booklet nachgelesen werden.
Die Musik hinter „The Lost Christmas Eve“ baut von Anfang an jede Menge Spannungen auf, die sich zwischen Klassik und Metal, Prog und Pop, Weihnachtsgeschichte und detektivisch veranlagter Story bewegt, wobei viele Instrumentals die Spielfreude all der Gitarristen, Keyboarder und Schlagzeuger betont, die sich wild, aber immer im Einklang austoben können – und natürlich dieses Album eher als ein progressiv rockendes denn weihnachtlich andächtiges erklingen lassen. Viele richtig starke Sänger und Chöre schlüpfen, genauso wie in einer Rock-Oper, in unterschiedliche Rollen und machen diese 75 Minuten zu einem grandiosen Ereignis, dem man mit dem Textbuch in der Hand oder ohne es herrlich folgen kann, bis man am Ende bewegt von der Musik und der Geschichte aus der Doppel-LP entlassen wird.
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Jeder Song ist ein Ereignis und hält wirklich viele Überraschungen für den weihnachtsgestimmten Hörer bereit.
„Remember“ beginnt beispielsweise mit einem Bolero-Rhythmus und einem Kinder-Chor, der zwischen den Boxen hin und her wechselt.
Ein großartiger Effekt, der damit erreicht wird – und natürlich zugleich ein Weihnachtsstimmungsverbreiter, dem dann in „Anno Domine“ erst ein Erwachsenen-Chor und dem „Christmas Concerto“ ein kurzes Hornsolo folgt, um mit arienmäßigem Gesang die „Queen Of The Winter Night“ zu wecken, dem sich in bester RANDY NEWMAN-Manier „Christmas Nights In Blue“ entgegenstellt, dann sogar gejazzt wird bis endlich im „Christmas Jam“ alldem wieder eine gehörige Portion Härte zur Seite gestellt wird. Übrigens werden hierbei (besonders an der Gitarre) immer wieder die Geister heraufbeschworen, die eine Band wie QUEEN zu ihrem Markenzeichen machte.
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Hier trifft Melodramatik voller Spannungen auf bombastischen Pathos genauso wie auf jede Menge filigran-akustische Momente, bei denen beispielsweise die fetten Keyboards gegen klassisches Piano und heulende E-Gitarren gegen Akustik-Klampfen ausgetauscht werden, was dann auch zu einem sehr besinnlichen, ruhig-verträumten Schluss mit akustischer Gitarre führt, bevor es noch einmal auf „Christmas Canon Rock“ schwer hymnisch rockte, während einem die Melodien Tränen in die Augen treiben, bis das Engelchen in einer herzergreifenden Ballade um seine „Different Wings“ kämpft, um mit besagtem „Midnight Clear“ als Akustik-Gitarren-Stück im Stile eines STEVE HACKETT zu enden.
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FAZIT: Da ist dem TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA mit dem dritten und zugleich letzten Teil ihrer Weihnachts-Trilogie ein nicht nur würdiger, sondern schlicht großartiger Abschuss gelungen, den man nach sechs Jahren Wartezeit schwer erhofft, aber an den man kaum noch geglaubt hatte. Diese nach genau 20 Jahren nunmehr in Form einer Doppel-LP im Gatefoldcover plus 16-seitigem LP-Booklet mit der gesamten Weihnachtsgeschichte und allen Texten ist genau das, was wir progressiv eingestellten Rockmusik-Freunde zu Weihnachten brauchen, um unsere Ohren auch mal gehörig von den ewig gleichen, extrem einschläfernden Weihnachtsklängen der 'Klassiker' (Wozu der Kritiker ausdrücklich nicht den extrem schrecklichen WHAM-Mist „Last Christmas“ zählt!) durchblasen zu lassen. Mit „The Lost Christmas Eve“, das in der Vinyl-Variante zudem noch einen dermaßen bombastischen wie soundtechnisch kaum besser umzusetzenden Klang aufweist, werden wir tatsächlich bestens und reichlich beschenkt. Sollen die Anderen gerne ihre „Jingle Bells“ klingeln lassen, wir lassen es einfach mit „The Lost Christmas Eve“ nunmehr zum letzten Mal dank des TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA krachen!
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Erschienen auf www.musikreviews.de am 01.12.2024
John Lee Middleton, David Z, Jeff Allegue, Dave Wittman
Jennifer Cella, Wendy Eggers, Robert Evan, Gary Giles, Michael Lanning, James Robert Lewis, J. Mark McVey, Daryl Pediford, Gretchen Kinkel, Kelsey Surdan
Paul O'Neill, Chris Caffery, Angus Clark, Tristan Avakian, Alex Skolnick, Dave Wittman
Robert Kinkel, Jon Olivia, Al Pitrelli, Jane Mangini, Carmine Giglio, Mee Eun Kim
Jeff Plate, John O. Reilly, Takanori Niida, Dave Wittman
John Clark (alle Hörner), Amy Helm (Flöte), Streicher, Chöre
Atlantic Recording/Warner Music/Rhino Entertainment
74:29
25.10.2024