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Awkward I: Unalaska

Stil: Art Pop, Singer/Songwriter

Cover: Awkward I: Unalaska

<b>„Die Ironie ist charakteristisch für 'Unalaska', genau wie für den Rest von de Haans kleinem, aber geschätztem Werk. Irgendwo im Universum zwischen Selbstironie, Absurdität und Melancholie hat er seit Jahren seine Fahne aufgestellt.“</b> (Excelsior Records zu „Unalaska“ von AKWARD I)

Alaska ist weit – und „Unalaska“ noch weiter...
… Und erst Holland, das ist doch im Grunde unerreichbar, oder?
Wer weiß, was sich dieses holländische Musikerkollektiv unter der unbestrittenen Federführung von Djurre de Haan gedacht haben, als sie sich auf die Reise ins unerforschte Territorium aufmachten, das sich nordwestlich von Kanada breitmacht, allerdings als Alaska. Doch für AWKWARD I gehört das 'Un' einfach zum alltäglichen Leben mit dazu, weil diese Vorsilbe im Grunde immer das Gegenteil vom Hauptwort ausdrückt – aus möglich wird unmöglich, aus erforscht unerforscht, aus definierbar undefinierbar. Genauso wie eben die Musik sowie die Texte hinter „Unalaska“ von den 'un'glaublichen AWKWARD I unvergleichlich und unantastbar sowie ungeheuerlich ihre ganze geheimnisvolle Schönheit verbreiten!
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Doch das überrascht <a href="http://www.musikreviews.de/reviews/2018/AWKWARD-i/KYD/" target="_blank" rel="nofollow">spätestens seit dem 2018er „KYD“</a> wohl kaum noch jemanden, denn bereits hier wirkten AWKWARD I wie der Blick über den belgischen Tellerrand in Richtung dEUS, die bis dahin auch eine Art von Alleinstellungsmerkmal besaßen, das sie leider nach verschiedenen stilistischen Wechseln nicht zu halten vermochten. AWKWARD I dagegen scheinen von mal zu mal diesbezüglich stärker zu werden, sodass sich das Warten auf „Unalaska“ mehr als gelohnt hat, auch wenn sie dieses Mal deutlicher in die Richtung SUFJAN STEVENS oder der BRIGHT EYES, ebenfalls eine 'un'glaublich starke Band (sogar aus Omaha, Nebraska), tendieren, während die Texte sich mehr in Richtung SMITH orientieren, denn die sind so metaphorisch und symbolträchtig sowie schwer bedrückend wie bei einem MORRISSEY, der locker mal jeden Fleischesser zum Massenmörder werden lässt. Beispiel gefällig? Hier kommt's – direkt aus „Body As A Meadow“, dem wohl eigenartigsten Song der LP: „I rode into town / At the speed of a horse / Chewing on dead / Bird metaphors.“ (So ritt ich in die Stadt, mit der Geschwindigkeit eines Pferdes, auf toten Vogelmetaphern kauend)...
...Wie bitte können einem solche Zeilen einfallen?
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Hier ist sie wieder, die unmittelbare Demarkationslinie zwischen Genie und Wahnsinn. In welche Richtung sie ausschlägt, muss der Hörer von „Unalaska“ für sich selber bestimmen. Und das fällt nicht leicht. Denn dieser Song samt Text ist nicht etwa die Ausnahme, sondern absolutes Programm auf dieser transparent-hellblauen Vinyl-LP, die einen selbst bei der altertümlichen, nachkolorierten Cover-Gestaltung gehörig auf die falsche Fährte führt, so wie das gute Rotkäppchen, das beim Blumenpflücken für Oma vom Weg abkommt und dabei an den bösen Wolf gerät.

AWKWARD I vermitteln musikalisch eine Stimmung, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Hört man genauer – noch besser ganz genau – hin, machen sich bei den größtenteils ruhigen Klängen kleine Bedrohlichkeiten, die im Hintergrund schlummern und nach und nach aufzuwachen scheinen, breit. Ein Cello, das erst rhythmisch die Melodie begleitet und dann zu schräg-dunklen Song-Enden übergeht. Oder die hohe Stimme des Sängers, der nicht nur die 'un'geheuerlichen Texte intoniert, sondern diese mitunter durch krachige Instrumental-Passagen kurz unterbricht, um dann wieder die zärtlichsten Stimmungen zu verbreiten – perfekt umgesetzt beispielsweise in „911“, eine bitterböse Abrechnung mit 'Captain America'.
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Am besten lässt man gleich noch die Hölle in „One Time Only“ einfrieren. Kein Problem, wenn man immer einen Radiator neben sich hat. Ja, solch abgefahrene Ideen entdeckt man massenhaft in und auf „Unalaska“.
AWKWARD I holen zudem immer wieder die Melancholie-Keule raus und streicheln den Zuhörer erst einmal damit so lange, bis er am liebsten gleich mehrere Tränchen verdrückt, während sie hinter seinem Rücken zum großen Schlag ausholen. Denn Ironie und Zynismus strecken einen ernsthaft nieder, während man dem harmonischen Gesang lauscht versteckt sich überall ein teuflisches Detail – also Vorsicht, die Worte dahinter schwören sogar Apokalypsen und großem Weltschmerz herauf, wobei De Haan selbst vor seiner Tochter nicht haltmacht, die ihn (im Kindersitz auf dem Rücken seines Fahrrades sitzend) zu solchen Textzeilen wie: „Singing on your way to school of the tide an the coming apocalypse“, bewegte. Nicht umsonst trägt einer der Songs auf „Unalaska“ den Titel „Apocalypse“. Und die ist Programm! Aber eins, das in dieser Qualität trotz all der bitterbösen Botschaften verdammt viel Freude bereitet.
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FAZIT: Wenn eine holländische Band ihr Album „Unalaska“ nennt, dann wirft das Fragen auf: „Mögen die nun Alaska? Oder finden sie Alaska scheiße und 'un'möglich?“ Keine Frage dagegen ist, dass die Musik, irgendwo zwischen Art Pop und melancholischer Indie-Singer/Songwriter-Kunst, von AWKWARD I samt der mitunter zynischen (hoch anspruchsvollen) Texte etwas für Feinschmecker ist, die gerne genauer hinhören und trotzdem immer wieder mal nur zu gerne in etwas Selbstmitleid schwelgen.

Punkte: 13/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 04.03.2025

Tracklist

  1. <b>Seite A</b> (18:17):
  2. Omaha (2:42)
  3. Chilly Walks Home (3:23)
  4. Body As A Meadow (3:40)
  5. 911 (2:33)
  6. Apocalypse (2:52)
  7. One Time Only (3:12)
  8. <b>Seite B</b> (20:28):
  9. Buy A Vowel (3:43)
  10. After The Water (3:36)
  11. Coming Up Shorts (3:05)
  12. Shot For Sure (2:49)
  13. Jimmy Stewart Museum (3:11)
  14. Terminal Train (4:04)

Besetzung

  • Bass

    David Corel, Jelte van Andel

  • Gesang

    Djurre de Haan

  • Gitarre

    Djurre de Haan

  • Keys

    Chris Doyle, David Corel

  • Schlagzeug

    Robin Buijs

  • Sonstiges

    Jelte van Andel (Cello)

Sonstiges

  • Label

    Excelsior Records/Cargo

  • Spieldauer

    38:45

  • Erscheinungsdatum

    10.01.2025

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