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Green Carnation: A Dark Poem, Part II: Sanguis

Stil: Progressive Metal

Cover: Green Carnation: A Dark Poem, Part II: Sanguis

Während „A Dark Poem, Part I” zeitweilig auf, für das Album insgesamt untypische, metallische Härte gesetzt hat, gehen GREEN CARNATION im zweiten Teil ihrer dunklen Poesie hier und da den durchaus entgegengesetzten Weg, fahren die satte Instrumentierung zurück und spielen sanfte Töne, die eine verletzliche, intime Seite der Musik zeigen. Das von feinem Orgelspiel eingeleitete „Loneliness Untold, Loneliness Unfold“ sowie die Piano- resp. Akustikballade „Lunar Tale“ liefern darüber Zeugnis ab.
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Das rückt diese ansonsten unvergleichliche Musik bisweilen in die Nähe von Patrick Walkers Schaffen im Zusammenhang mit 40 WATT SUN. Auch Walker schickt sich nämlich an, die einnehmende Präsenz seiner wehmutsvoll klagenden Stimme – man möchte sagen: das Elegische – in reduzierte Tonfolgen zu betten. Was die Briten durch ein ganzes Album trägt, kann für die neue Platte der hier gegenständlichen Norweger indes nur bewusste Akzentsetzung bedeuten.

Da sich die zurückgezogenen Anteile im Gegensatz zum Rest des Langdrehers wohl kaum dem Metal zurechnen lassen, bekommt man als Hörer den Eindruck, dass hier nicht Musik gemacht wird, um irgendwelche Genre-Standards zu erfüllen, sondern ein eigenständiges Konzept zu verfolgen sowie eine persönliche Botschaft zu übermitteln. Den Machern hinter „A Dark Poem, Part II“ gebührt in dem Kontext Wertschätzung dafür, dass sie Titelgebung, Text und Songmaterial nicht wie viele andere Bands plakativ auf dem Cover darstellen, sondern hinter der Metapher des Feuerballs, der sich in eine nachtumhüllte Eislandschaft hineingräbt, verbergen.

Die persönliche Krise in Form eines gewalttätigen Vaters, welche sich in den Lyrics des Openers „Sanguis“ andeutet, kann als das Feuer, farblich mit „Blut“ korrespondierend, gesehen werden, was die gefrorene Seelenlandschaft zum Beben bringt und Gefahren heraufbeschwört. Ein schöner Kniff ist dabei, dass die sporadisch eingesetzten Grim Vocals dem Dämon der Familie eine Stimme zu verleihen scheinen. Die Vorstellung, wie sich beim Hören der Musik langsam der glühende Komet in die Erde hineinfräst, macht nicht nur diese Nummer zur regelrechten Weltuntergangshymne.

Die disparaten Naturerscheinungen zeigen sich einmal in donnernden Metal-Rhythmen, ein anderes Mal in hell erklingenden Lead-Gitarren, die mit der musikalischen Härte ein Stück weit versöhnen („Sweet To The Point Of Bitter“). Der lyrisch angestrebte meditative Rückzug kann derweil offenbar nur gelingen, wie er nicht von schwarzgefärbter Melancholie konterkariert wird (siehe die Black-Metal-artige Bridge von „I Am Time“).
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Der melancholische Gehalt dieser wie immer herbstlich angehauchten Scheibe schlägt sich besonders in den Strophen der nachfolgenden Tracks nieder. Gerade „Fire In Ice“, was dem Titel nach den direktesten Bezug zum Cover-Artwork herstellt, besticht durch seine mitreißende Anlage, die einen in Textzeilen wie „I beg your pardon, who should I address? / No matter how much I try, I always leave a mess“ gehörig am Haken hat. Die derbe groovende Nummer stellt zudem unter Beweis, dass GREEN CARNATION ebenfalls einen leicht symphonischen Einschlag besitzen und nicht ohne Grund klassische Instrumente bemühen (siehe „Lunar Tale“, das als einziger Song unter Mitwirkung von Gastflötistin Ingrid Ose entstand).

FAZIT: GREEN CARNATION schließen mit „A Dark Poem, Part II: Sanguis“ zwar auf eine Art zum Vorgänger auf – der Stil ist unverkennbar –, trotzdem zeigen die Norweger hier durchaus andere Facetten. Man mag dabei die Songs leichter durchschauen, gleichsam haben sie in ihren Hooklines nicht sofort jene magische Anziehungskraft wie zuvor. Die Tiefgründigkeit des Ganzen macht dieses Album ein wenig unscheinbar, und doch fühlen sich die nicht einmal vierzig Minuten mit der Zeit wie besondere Musik an.

Punkte: 12/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 26.04.2026

Tracklist

  1. Sanguis (9:05)
  2. Loneliness Untold, Loneliness Unfold (4:04)
  3. Sweet to the Point of Bitter (5:58)
  4. I Am Time (5:39)
  5. Fire in Ice (7:03)
  6. Lunar Tale (5:25)

Besetzung

  • Bass

    Stein Roger Sordal

  • Gesang

    Kjetil Nordhus

  • Gitarre

    Stein Roger Sordal, Bjørn Harstad

  • Keys

    Endre Kirkesola

  • Schlagzeug

    Jonathan Alejandro Perez

  • Sonstiges

    Ingrid Ose (Flute)

Sonstiges

  • Label

    Season Of Mist

  • Spieldauer

    37:14

  • Erscheinungsdatum

    03.04.2026

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