Illegale Musik-Downloads: Das große Selbstbelügen
archiviert in Allgemein, Ralf Hubert (Mekong Delta) am 09. Okt. 2010
Er hat es wieder getan: MEKONG DELTAs Ralf Hubert lässt uns zum zweiten Mal an seinen Gedanken über das Musikgeschäft teilhaben und bemüht dabei seine berüchtigte Kodderschnauze. Diesmal im Visier: Filesharing-Websites und deren Nutzer.

Yo, do sinn ma wida … Eigentlich wollte ich Euch diesmal etwas über Sinn und Unsinn der GEMA und ähnlicher Institutionen erzählen – sollte aber wohl nicht sein, also machen wir’s ein anderes Mal. Ich hab nämlich eine Überraschung erlebt; ja, man kann mich durchaus noch verblüffen. Der Crawler, den ich zum Release unseres neuen Albums losließ, wusste erstaunliche Zahlen zu berichten, denen zufolge ich eigentlich ausgesorgt haben müsste. Keine zwei Stunden nach dem offiziellen Verkaufsstart konnte man die Scheibe schon von mehreren Seiten herunterladen … Tja, man ist halt wer – fand ich schon lustig. Allerdings umwölkte sich meine Stirn in zunehmendem Maße, als Kollege Bot mir nach drei Tagen mitteilte, dass wir allmählich auf 50.000 Downloads zusteuerten. Der kleine hatte beispielsweise eine echt schnucklige Seite zum Saugen “nur für Review-Zwecke” gefunden; das hat schon etwas, oder? Glauben solche Knallchargen ernsthaft, dass jemand so ehrlich ist, eine Rezi schreibt und den Kram dann wieder löscht? – Matschbirne, aber egal: was will man von Menschen erwarten, deren Intellekt sich auf 140 Buchstaben bei Twitter reduzieren lässt? Nun ja, jedenfalls hatte ich nach fünf Tagen genug, und um dem Reiz von Gegenschlägen nicht zu erliegen, hab ich die gesammelten IP-Adressen einfach gelöscht.
Aber mal im Ernst: was steckt dahinter? – Geiz ist geil? Um das besser zu verstehen, muss man sich nur einmal die Diskussionen zum Thema illegale Downloads in diversen Foren geben … Was dort an Sülze verbreitet wird, scheint Sarrazin in seiner Vermutung, dass wir hier verblöden, Recht zu geben. Die Anzahl der Troglodyten, die meinen, sich zu Themen äußern zu müssen, obwohl sie noch nicht einmal die Kernfrage verstanden haben, hat bedenkliche Ausmaße angenommen. Man schaue sich mal diesen Kotzbrocken Friedmann an, einen rechtmäßig verurteilten Kokser mit anhaltender geistiger Flatulenz der in den Medien permanent die Moralkeule schwingt– so etwas gibt es nur in Deutschland … aber kommen wir zurück auf die drei immer wiederkehrenden Hauptargumente im Zusammenhang mit illegalen Downloads von Musik. Vorweg gleich eines: Die Behauptung “brauche das Teil nicht” lasse ich erst gar nicht gelten, weil es total widersinnig ist. Wenn ich etwas nicht brauche, hol ich mir es nicht – auch nicht für lau. Ansonsten stößt man immer wieder auf folgendes:
“Will die blöde Musikindustrie nicht unterstützen.”
Kann man bis auf einen kleinen Haken gelten lassen, denn wo fängt die Musikindustrie an: bei kleinen Labels, die mehr schlecht als recht über die Runden kommen oder bei Gruppen die sich selbst vertreiben? – Die mangelnde Differenzierung führt Rechtfertigungsversuche bereits an diesem Punkt ad absurdum. Klar, gemeint sind immer die Großen der Branche, doch gerade die trifft es nicht so hart wie die kleinen Fische. Vermutlich werden wir in absehbarer Zeit nur noch durchgekauten Einheitsbrei zu hören bekommen, da Indies, die eigentlich seit jeher für frischen Wind gesorgt haben, sich bald nicht mehr tragen können. Aber vielleicht ist das ja auch Ziel der Übung: einheitliche Musik, einheitliche Sendungen, gleichgeschaltete Presse, gleiche Klamotten … Auf ein Minimum reduziertes Denken kann ja der Kaste der Politclowns nur Recht sein. Aber ich schweife wieder mal ab. Lass gut sein, Ralf. Sehr beliebt ist auch das hier:
“Jeder kann seine Sache selbst im Netz, bei iTunes oder Amazon verkaufen.”
Dunkel erinnere ich mich noch an den Satz “Vor dem Reden Gehirn einschalten”. Der sollte heute – da Informationen einfacher als früher zu erhalten sind – umso mehr gelten. Einfach mal einen Blick in die Geschäftsbedingungen von Amazon werfen.
Bei iTunes gilt das Gleiche, doch da man dort wie bei vielen großen Internetfirmen mittlerweile den Kundenkontakt meidet und der Interessierte sich seine Infos nur per Mail holen kann, spare ich mir den Link hier. Fakt ist: Als einzelner Künstler oder kleines Label hast du keine Wahl dort und bist gezwungen, einen Zwischenhändler zu nehmen, was durchaus verständlich ist, aber genau wieder den Zustand herstellt, der für Künstler und kleine Label schon seit Ewigkeiten zum Alltag geworden ist – egal was die anpreisen: für nüscht gibbet nüscht. Bei uns sind jährlich zum Beispiel immer knapp 200 Euro fällig, damit die Alben oben bleiben. Okay, es rechnet sich in unserem Fall; die Kosten werden eingespielt, und etwas bleibt übrig. Andererseits: die Alben existieren ja schon, während die Produktionskosten durch CD-Verkäufe – nicht über Downloads! – wieder eingespielt worden sind. Was aber tun eigentlich Musiker, die gerade mal Ihr erstes Album produziert haben und die Kosten decken müssen, sagen wir mal 5.000 Euro? Die können das Geld gleich in den Gully schmeißen, denn über die Download-Kiste werden sie es nicht wieder reinholen, weil sie noch kaum jemand kennt – und jetzt kommt mir bloß nicht mit diesen 20 bis 30 Ausnahmefällen, die bei MySpace eine Million Klicks hatten; auf die Idee, hieraus Profit zu schlagen und CDs zu produzieren, sind Branchenriesen auch schon gekommen … und derbe auf die Fresse gefallen, denn ’ne CD kostet ja was und dann – braucht die wieder niemand. Das letzte immer wieder gebrachte Argument lautet:
“Die können ja häufiger live spielen.”
Klar, aber dem sind Grenzen gesetzt. Nehmen wir mal eine gerade aufstrebende Gruppe; die wird zunächst mal in ihrem Umkreis spielen, und nach fünf Wochen will sie kein Schwein mehr sehen, wenn sie jeden Samstag in den gleichen Clubs auftreten. Dann ist nix mehr mit Überleben durch Live-Gigs, da nicht jede Truppe aus Deutschland rauskommt und anderswo zocken kann. Die Auftrittsmöglichkeiten – beschränken wir uns ruhig nur auf Metal – sind überschaubar, und dass man dabei auch noch etwas verdienen kann, geschieht noch viel seltener. Bei den Veranstaltern ist die Kasse nämlich schmal geworden, und irgendwie sollte nach Abzug der Kosten wenigstens noch ’ne Kiste Bier und ’ne Stulle drin sein, oder?
Man verstehe mich nicht falsch: den Runterladern mache ich keinen Vorwurf, weil die es nicht anders gelernt haben – wobei sich natürlich die interessante Frage stellt, weshalb man überhaupt noch Geld für ein Studio ausgibt, wenn die umgedrehten Frühstücksteller mit ’ner Gabel drauf, die sich iPod schimpfen, den Klang sowieso nicht adäquat wiedergeben … Nein, viel übler kotzt mich die Tatsache an, dass da eine ganze Industrie aufgebaut wird, die auf Diebstahl beruht, nämlich diese ganzen Megauploads oder Google selbst, die die Vereine ja verlinken. “Nein, das kann man nicht filtern”, “Entfernen zu umständlich” oder “technisch nicht machbar”… dass ich nicht lache; mit ’ner simplen SQL-Abfrage oder regulären Ausdrücken lässt es sich bewerkstelligen. Ich selbst kriege das hin, wie auch eine Menge meiner Kollegen – und Google erst recht, denn jemand mit einem so großen Datenbanksystem hat mit Sicherheit bessere Tastencowboys dort hocken als klein Ralfi. Ich finde, man sollte genau da einmal ansetzen, aber richtig. Im Ruhrpott gibt es den alten Satz: “Manche Leute verstehen nur Schmerzen.” Fürwahr.
Vielleicht sollten wir einen Verein gründen, der unsere Rechte wirklich schützt. Zehn Euro Monatsbeitrag bei 1.000 Mitgliedern – und ich bin mir sicher: es würden mehr werden – reicht schon, um zwei, drei Leute heißzumachen, in die Zentralen zu schicken und aus den Servern einen Haufen Elektronikschrott zu machen. Wiederholt man den Vorgang, genügt gewiss schon ’ne Mail, und das Zeug ist runter von den Servern. Das mit dem Verein meine ich durchaus ernst, als wir damals den Verband unabhängiger Musiker gründeten, wollte auch niemand glauben, dass man die Macht der GEMA zügeln kann. Interessenten können sich gerne bei uns melden.
Bis denne,
Ralf

Nehmen wir mal YouTube – den Ort, an dem Fürze in Videoform zur Kunst verklärt werden. Mein Gott, wie blöd muss man eigentlich sein, sich so zu erniedrigen? Klar, denken ist zu einer Randsportart verkommen, aber ein gewisses Selbstwertgefühl sollte man doch noch haben … Es sieht verdammt stark danach aus, dass die meisten Leute sich selbst nur noch als real empfinden, wenn sie im Netz oder Fernsehen erscheinen, wo gerade die Privaten tatsächlich in der Lage sind, Abgründe zu öffnen. Beim Anschauen dieser sozialexhibitionistischen Circus-Maximus-Show Bohlen sucht den Supertrottel wird mir vor lauter Kopfschütteln ganz schwindlig. Vielleicht sollte unser rosa Vizekanzler seine “spätrömische Dekadenz” eher dort verorten. Das erinnert mich stark an den guten Alex aus Uhrwerk Orange und dessen Feststellung, dass Blut – Kroovy, wie er es nennt – nur auf dem Bildschirm echt wirkt.
Aber noch ist ja nicht alles verloren, denn wir haben ja auch unsere Lancelots, strahlende Leuchterscheinungen am ansonsten eher fahlgelben Internethimmel. Nehmen wir zum Beispiel Apple: ohne jeglichen Eigennutz stellen Sie uns Ihr iTunes zur Verfügung, aber was passiert, wenn Kollege Jobs ein Produkt einmal nicht gefällt? – und dann die sagenhaften Helden von Amazon: Hat eigentlich schon einmal jemand versucht, direkt mit den Schergen zu reden, also als Musiker, nicht Plattenfirma? Die deutsche Vertretung benimmt sich wie die drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – ganz abgesehen davon, dass die Logistik der Firma in Indien liegt. Dagegen ist nichts einzuwenden, zumal ich Ravi Shankar in der rauchschwangeren Zeit schätzen gelernt habe, doch möchte man als Musiker aus Deutschland etwa sein eigenes mehrseitiges Booklet irgendwo platzieren, gestaltet dies sich schon recht abenteuerlich. Mir ist es jedenfalls nur mithilfe eines der vielen Serviceunternehmen gelungen, die direkt mit Amazon arbeiten. Die sollen ja auch nicht leben wie ein Hund; wenn wir Musiker also schon Reichtümer abschöpfen, müssen wir diese auch schnell wieder verteilen …
Ist ja auch egal – gehen wir lieber etwas scrobbeln. Dahinter steckt Musikerabzocke par excellence, und in Deutschland hängt sogar Der Spiegel mit drin – jawohl, LastFM hat die Lizenz zum Beschiss erfunden.
Ich hätte nicht geglaubt, dass mich noch einmal etwas derart aus den Socken haut, weil ich ja bereits einiges an Dreistigkeit von Konzertveranstaltern und Labels gewohnt bin. Das allerdings schlug dem Fass den Boden aus. Um als Musiker 1 Euro – in Worten: einen Euro – zu erhalten, müsste ein Titel (oder mehrere zusammengenommen) etwas über 8000-mal (!) gespielt, gescrobbelt, gemoppelt, gepoppelt oder was auch immer werden. Genau genommen bringt dir der Einsatz deines Titels den sagenhaften Betrag von 0,012 Cent (!) ein. Dagegen nimmt die GEMA sich geradezu wie die Caritas aus. Macht euch selbst einen Reim auf solche Geschäftspraktiken.
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