Musikdienste (Streamingdienste) im Netz – ich mache mit dir Geld und zahl wie‘s mir gefällt!
archiviert in Allgemein, Ralf Hubert (Mekong Delta) am 03. Jul. 2010

Der Kopf der deutschen Prog-Thrash-Pioniere MEKONG DELTA blickt auf eine gut 30-jährige Karriere im Business zurück, hat den bekanntesten Namen des Genres zusammengearbeitet und nicht zuletzt selbst mit seiner Band stilistische Meilensteine ersonnen. In regelmäßigen Abständen wird Hubert bei uns frei nach Ruhrgebiets-Schnauze über Themen sprechen, die ihm am Herzen liegen – und ob man ihn beziehungsweise seine Musik schätzt oder nicht: seine Beiträge werden niemanden kalt lassen und für informative Unterhaltung sorgen!

Das Internet – unendliche Weiten … Das emanzipierte Künstlertum kann sich aufgrund seiner vollkommenen Unabhängigkeit von räuberischen Independent- und Major-Labels endlich selbst verwirklichen …
Äh, nee, irgendetwas stimmt da nicht, also noch einmal …
Das Internet – unendliche Weiten … Vor wenigen Jahren wurde die Kunstszene von undenkbarer Kreativität gepackt. Durch Gleichschaltung – sorry, Gleichberechtigung – sind Millionen Befähigte endgültig in der Lage, die Welt mit Ihren famosen Werken zu bereichern …
Hmmm, trifft’s irgendwie auch nicht so recht …
Das Internet – unendliche Weiten …
Was geht da eigentlich ab? Ein paar Gedanken:
Tja, wer hätte das gedacht? Da denken sich die Kommisköppe ein System (das ARPAnet) aus, um beim Verschießen ihrer Ersatzschwänze leichter miteinander kommunizieren zu können (wozu eigentlich? – abgespritzt, Erde platt, Zigarre rauchen, Ende), und das Ganze schlägt 40 Jahre später mit einer Urgewalt auf alle jene zurück, die mit digitalisierbaren Medien arbeiten, dass selbst die stärkste Atombombe keine ärgeren Verheerungen hätte anrichten können. Vielleicht war das ja auch der eigentliche Plan; ich glaube, den Jungs schmeckte die Flower-Power-Bewegung nicht.
Wenn ich einmal zurückdenke, muß ich gestehen, dass ich stets ein absoluter Befürworter neuer Techniken war und immer noch bin. Es gab in den späten Achtzigern neben unserem Studio nur ein weiteres, das sich stolzer Besitzer eines Apple – IIe, glaube ich – nennen durfte. Die Liebe ging so weit, dass wir Zeit, in der Kollege Rechner nicht fürs Studio gebraucht wurde, zwischen uns aufteilen mussten, um üble Stimmung zu vermeiden. Dabei kam es schon einmal vor, dass ich die Arschkarte zog und erst nachts zwischen 2 und 6 Uhr meine ersten Programmierversuche machen konnte.
Mittlerweile bin ich aber wohl vom Paulus zum Saulus geworden. Nachdem sich ein paar Eierköpfe bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) Ende der Achtziger ein Protokoll zum Datenaustauch ausgedacht und ein junger Programmierer namens Marc Andreessen in den Neunzigern das Potenzial des Web für die breite Masse erkannt hatte (was dann zum ersten Webbrowser Mosaic führte), ist durch die alles durchdringende heutige Präsenz des Netzes (DAS Netz, DER Markt … sind das eigentlich Lebewesen? “Die Stimmung DES Marktes ist schlecht” – Haha …) so viel an Bodensatz an die Oberfläche geschwemmt worden, dass ich gar nicht so viel essen kann, wie ich kotzen möchte.
Nehmen wir mal YouTube – den Ort, an dem Fürze in Videoform zur Kunst verklärt werden. Mein Gott, wie blöd muss man eigentlich sein, sich so zu erniedrigen? Klar, denken ist zu einer Randsportart verkommen, aber ein gewisses Selbstwertgefühl sollte man doch noch haben … Es sieht verdammt stark danach aus, dass die meisten Leute sich selbst nur noch als real empfinden, wenn sie im Netz oder Fernsehen erscheinen, wo gerade die Privaten tatsächlich in der Lage sind, Abgründe zu öffnen. Beim Anschauen dieser sozialexhibitionistischen Circus-Maximus-Show Bohlen sucht den Supertrottel wird mir vor lauter Kopfschütteln ganz schwindlig. Vielleicht sollte unser rosa Vizekanzler seine “spätrömische Dekadenz” eher dort verorten. Das erinnert mich stark an den guten Alex aus Uhrwerk Orange und dessen Feststellung, dass Blut – Kroovy, wie er es nennt – nur auf dem Bildschirm echt wirkt.
YouTube wird eigentlich nur noch von Twitter getoppt: “Sitze gerade hier und mach mir die Nägel.” “Bei mir draussen regnet es.” “Mein Kanarienvogel hat gerülpst.” Ehrlich, welchen Informationsgehalt hat das alles? Es mag wirklich Leute geben, die sich mit so einem geballten Schwachsinn den Tag vertreiben; mittendrin stehen jedenfalls wir – die Musiker. Man muss ja “present” sein; man muss ja die neuesten Informationen verteilen; man muss auch noch den allerletzten Scheiß musikalischer Natur ins Netz setzen. Brächten alle Anfänger so viel Zeit zum Üben ihrer Instrumente wie zum Uploaden auf, würde das spieltechnische Niveau wahrscheinlich in ungeahnte Höhen schießen.
Anfangs hielt ich diese ganzen Portale für einen Gewinn, aber jemand, der ernsthaft Musik macht, kann sich gar nicht die Zeit nehmen, sie alle zu bedienen.
Aber noch ist ja nicht alles verloren, denn wir haben ja auch unsere Lancelots, strahlende Leuchterscheinungen am ansonsten eher fahlgelben Internethimmel. Nehmen wir zum Beispiel Apple: ohne jeglichen Eigennutz stellen Sie uns Ihr iTunes zur Verfügung, aber was passiert, wenn Kollege Jobs ein Produkt einmal nicht gefällt? – und dann die sagenhaften Helden von Amazon: Hat eigentlich schon einmal jemand versucht, direkt mit den Schergen zu reden, also als Musiker, nicht Plattenfirma? Die deutsche Vertretung benimmt sich wie die drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – ganz abgesehen davon, dass die Logistik der Firma in Indien liegt. Dagegen ist nichts einzuwenden, zumal ich Ravi Shankar in der rauchschwangeren Zeit schätzen gelernt habe, doch möchte man als Musiker aus Deutschland etwa sein eigenes mehrseitiges Booklet irgendwo platzieren, gestaltet dies sich schon recht abenteuerlich. Mir ist es jedenfalls nur mithilfe eines der vielen Serviceunternehmen gelungen, die direkt mit Amazon arbeiten. Die sollen ja auch nicht leben wie ein Hund; wenn wir Musiker also schon Reichtümer abschöpfen, müssen wir diese auch schnell wieder verteilen …
Bin ich eigentlich paranoid, oder weshalb fällt sonst niemandem auf, dass wir die Vielzahl der weltweit verstreuten und aus welchem Grund auch immer verhassten Labels gegen zwei bis drei nicht mehr überschaubare Monopolisten austauschen? Bei dem ganzen Gerede von Web 2.0 gewinne ich langsam den Eindruck, der Hirnstamm weiter Teile der Bevölkerung sei irgendwo bei Version 0.2 hängengeblieben und warte auf ein Update. Dass selbst die Entwickler der Firmen schon anfangen, ausserhalb ihrer Algorithmen zu denken, ist besorgniserregend. Googles Vic Gundotra warnte kürzlich vor einer Zukunft, “in der ein Mann, eine Firma, ein Gerät, ein Anbieter unsere einzige Wahl sein wird.” Klar bezog er sich dabei auf die Konkurrenz aus Cupertino, aber immerhin …
Bei einer Plattenfirma kann ich die Buchhaltung – wenigestens bis zu einer gewissen Größenordnung – zur Not mit einem 90cm-Meinungsverstärker prüfen; Ist der Laden größer, muss man eben einen Rechtsverdreher (“The first thing we do, let’s kill all the lawyers”, Advokaten kaltmachen – Shakespeare, ich weiß …) zwischenschalten, aber bei Apple oder gar Google? – Die Branchenriesen haben ein ihnen gefälliges System etabliert und ignorieren schon lange nationales Recht, während sie sowohl Musiker als auch Kunden zu ausschließlichen Geldlieferanten degradieren. Dass Staaten diesen Firmen gegenüber schon machtlos sind verstehe ich im Falle der Volks-Zertreter in Deutschland ja noch, aber in den USA verhält es sich auch nicht anders. Wie stellt der Künstler jemals fest, was dort mit seinem Album geschieht, und wenn schon kleine Labels häufig falsch abrechnen, was passiert dann erst bei den großen?
Ist ja auch egal – gehen wir lieber etwas scrobbeln. Dahinter steckt Musikerabzocke par excellence, und in Deutschland hängt sogar Der Spiegel mit drin – jawohl, LastFM hat die Lizenz zum Beschiss erfunden.
Eigentlich fing es recht harmlos an, als ein Fan per Mail auf eine Seite von uns dort hinwies; ob wir denn nicht ein paar aktuelle Bilder, Texte und so weiter posten könnten, fragte er. Als grundsätzlich offener Mensch erklärte ich mich bereit, zumal mir LastFM damals noch unbekannt war, was auch für die meisten jungen Musiker galt, mit denen ich zu jener Zeit zu tun hatte; der Name war mir nur einige Male bei Spiegel Online aufgefallen. Da ich nicht zu den Personen gehöre, die permant nach neuen Einträgen über sich selbst im Netz suchen und sich daran hochziehen, war ich umso erstaunter, als ich auf der Website landete und feststellen musste, dass es sich keineswegs um eine kleine Veranstaltung handelte. Schnell die Admin-Rechte besorgt, aktuelle Bio, Video sowie eine Auswahl an Stücken der verschiedenen Alben hochgeladen – tja, und dann fehlten nur noch Fotos, aber die dort zu platzieren, wollte auf den Tod nicht klappen. Da ich bei so etwas immer zunächst davon ausgehe, dass ich zu blöd bin, rief ich diverse Kollegen an und las mir die FAQs durch – eine weitere Unsitte dieser Firmen übrigens, die für Musiker keine Hotline betreiben, obwohl sie mit uns Kohle scheffeln. Am Ende war ich so schlau wie zuvor, schrieb eine Mail, und hatte – sieh einer an – am folgenden Tag die Lösung im Postfach, derzufolge ich lediglich 30-mal scrobbeln musste, um Bilder einstellen zu dürfen. Bei dem Terminus fiel mir zunächst alles ein, was einem die Eltern als Kind ständig verboten haben, aber was es tatsächlich damit auf sich hatte, konnte mir irgendwie niemand erklären. Also die nächste Mail aufgesetzt, während ich bereits merkte, dass mir langsam die Hutschnur hochging. Was maßten sich diese Idioten eigentlich an? Ich hatte null Bock darauf, zu bobbeln, wobbeln, scrobbeln oder was auch immer für einen Scheiß zu machen, um Fans auf einer Website, die sich mit meiner Gruppe befasst, aktuelle Bilder zu liefern. Beherrschung ist jedoch alles, weshalb ich nicht gleich den nächsten Flieger hinüber in den UK nahm, um diesen Leuten kurz zu zeigen, wie wir so etwas früher im Ruhrpott geklärt haben. Ergo: neue Mail schreiben …
Am folgenden Tag erhielt ich die Anweisung, ich solle – so zumindest habe ich es verstanden – eine Playlist mit mir genehmen Titeln anderer Gruppen erstellen, also scrobbeln; erst dann sei ich berechtigt (!), Bilder hochzuladen. Boah, fickt euch doch ins Knie! Ich wusste Besseres zu tun, als denen Datenbankeinträge über meinen musikalischen Geschmack zu liefern. Nun hatten sie mich so weit gebracht, dass sie mir besser nicht in die Quere kamen. Daraufhin schaute ich mir die Sache noch einmal genauer an. Offenbar trägt LastFM auch zu unserem Reichtum bei, wie das barmherzige Samariter nun einmal tun, denn pro Songaufruf – es gibt noch andere Möglichkeiten, die ich in der Kürze außen vor lasse – erhält man einen Betrag. So weit, so gut. Dieser wird jedoch weder prozentual genannt noch anderweitig konkret definiert, was mich eigentlich gar nicht überraschte. Ich schaute kurz auf unserem Account nach, wo mehrere tausend Einsätze verzeichnet waren und als Lizenz irgendetwas unter 50 Cent. Hmmm, das macht den Bock nicht gerade fett, und ausgezahlt wird sowieso erst ab einem Guthaben von – wenn ich mich recht entsinne – 10 Euro Das bedeutet für die meisten Bands, dass sie nie Kohle sehen. Weil ich es auf den Tod nicht ausstehen kann, wenn ich etwas nicht richtig schnalle, suchte ich mir weitere Infos im Netz zusammen – und da traf mich fast der Schlag …
Ich hätte nicht geglaubt, dass mich noch einmal etwas derart aus den Socken haut, weil ich ja bereits einiges an Dreistigkeit von Konzertveranstaltern und Labels gewohnt bin. Das allerdings schlug dem Fass den Boden aus. Um als Musiker 1 Euro – in Worten: einen Euro – zu erhalten, müsste ein Titel (oder mehrere zusammengenommen) etwas über 8000-mal (!) gespielt, gescrobbelt, gemoppelt, gepoppelt oder was auch immer werden. Genau genommen bringt dir der Einsatz deines Titels den sagenhaften Betrag von 0,012 Cent (!) ein. Dagegen nimmt die GEMA sich geradezu wie die Caritas aus. Macht euch selbst einen Reim auf solche Geschäftspraktiken.
LastFM hat das Bezahlsystem zur Zeit aus dem Netz genommen, also abwarten, was weiter geschieht. Scheinbar gehen diese Gepflogenheiten doch ein paar Leuten mehr gegen den Strich. Auf einen Anruf bei der Redaktion von Spiegel Online hin bekam ich keine weiteren Auskünfte.
Unter folgendem Link finden sich ausführliche Infos für Musiker zur Zahlungsmoral diverser Online-Portale. Diese Seite hat mir bei meiner Suche sehr geholfen:
http://thecynicalmusician.com/2010/01/the-paradise-that-should-have-been/
Bis denne,
Ralf / Mekong Delta
http://www.mekongdelta.eu/news.php
http://www.myspace.com/mekongdeltaband
Nachsatz ( 21.06.10 )
Der Account bei LastFM ist nun wieder geöffnet, so konnte ich noch einmal genau berechnen was Scrobbeln (oder wie auch immer) bringt:
1,86 Euro ( Ausschüttung total ) / 2710 ( gespielte Titel ) = 0,00069 € ( Lizenz pro Titel )
Prolitikersprech an:
Der Künstler erhält jetzt also eine deutlich bessere Beteiligung …
Prolitikersprech aus
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