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Steven Wilson: Insurgentes (Film) (Review)

Artist:

Steven Wilson

Steven Wilson: Insurgentes (Film)
Album:

Insurgentes (Film)

Medium: DVD
Stil:

Road Movie Documentary

Label: kscope
Spieldauer: 75 Min. (Film) + 85 Min. (Extras)
Erschienen: 12.11.2010
Website: [Link]

"Insurgentes" war unvollendete Kunst, als es im März 2009 erschien. Etwas fehlte, und das sagten nicht nur Rezensenten, die nicht ganz so euphorisch umgingen mit STEVEN WILSONs groß angekündigtem Soloalbum. Ähnlich erging es schon METALLICAs "St. Anger" im Jahr 2003. Damals wusste keiner so wirklich, was es mit der übermütigen Energie der gefallenen Helden auf sich hatte, die zuletzt als gezähmte Bluesrocker ("Load", "Reload"), Coverinterpreten ("Garage Inc.") und Orchesterensemble ("S&M") in Erscheinung getreten waren. Und dann kam diese rohe Angepisstheit, dann kam Lars Ulrichs egozentrisches Remake von "Die Blechtrommel", dann kam die dicke rote Faust, das Symbol für die reinigende Wut. Gefühlte 10 Prozent waren begeistert, 80 Prozent verwirrt und weitere 10 Prozent selbst angepisst von "St. Anger" – bis dann die Dokumentation "Some Kind Of Monster" kam. Nach dem Einblick in das unverfälschte Seelenleben der Musiker wurde viel Verständnis freigesetzt, die Wut toleriert, ja teilweise im Nachhinein zum Kult erklärt.

"Insurgentes – The Movie" kommt ebenfalls rund eineinhalb Jahre nach dem Album als Komplementärteil, doch einen Einblick in die Seele des Musikers STEVEN WILSON zum besseren Verständnis seines Solowerkes darf man nicht erwarten. Eher Moderator als Hauptdarsteller ist Wilson in der von Lasse Hoile inszenierten Dokumentation. Zwar beginnt die Odyssee mit einem Besuch in der alten Schule und mit Anekdoten über die Unvereinbarkeit von Sportlichkeit und Musikbegeisterung ("Beides zusammen geht nicht"), später dann geht es nach Israel und in die titelgebende "Avenida de los Insurgentes" in Mexiko, die beiden Orte, die Wilsons Prioritäten eigener Aussage nach am meisten verändert haben. Doch begreift er sich selbst eher als Fallbeispiel, um einer anonymen Hauptfigur das Rampenlicht zu geben: der Musikindustrie und ihrer Entwicklung nämlich.

Fast jeder, der PORCUPINE TREE am Rande verfolgt, weiß inzwischen um die Abneigung des Briten gegen die verflachende Rezeption von Kunst durch heutige Generationen und gegen technische Entwicklungen, die den zunehmenden Konsumcharakter von Musik vorantreiben. Vorab gesichtete Bilder von STEVEN WILSON, der wie irre auf einen iPod einprügelt, mussten das Bild eines radikalen Idealisten bestärken, der alles verteufelt, was seine Musik oder die seiner Musikerfreunde entstellen könnte.

So einseitig wie die deutlich ironisch angelegten iPod-Szenen fällt die Analyse der Musikkultur des digitalen Zeitalters jedoch nicht aus. Einmal betont der PORCUPINE TREE-Frontmann ein allgemeingültiges Gesetz: jede neue Technik bringt positive und negative neue Erkenntnisse. Das relativiert die Einseitigkeit der Darstellung zumindest ein wenig, wenngleich die Seitenhiebe gegen den schlechten Geschmack des Mainstreams nicht ganz ausbleiben. Das allerdings fördert in diesem Fall bloß die Spannung in einer erstaunlich filmischen Dokumentation von Lasse Hoile, dessen Arbeit man die Sozialisierung durch cineastische Schwergewichte wie David Lynch, Ingmar Bergman und Andrei Tarkovsky inszenatorisch anmerkt.

Der anregende Mix aus Fiktional- und Dokumentarstil macht "Insurgentes" zu einem ebenso fesselnden wie besonderen Erlebnis. Wie in jeder anderen Musikerdoku sieht man auch diesmal Szenen von Fans, die ihr Idol in der Einkaufspassage entdecken und ein Foto haben wollen oder wie der Musiker sich auf einer Plattenbörse herumtreibt und Raritäten aufstöbert. Zumindest ein Konzertausschnitt ist ebenfalls dabei (Pinkpop Festival 2008). Selbst privatere Momente, hier der Besuch bei Mr. und Mrs. Wilson Senior, mag man sich noch vorstellen können. Dann aber werden diese Szenen aufgebrochen, als der Künstler Lasse Hoile durchkommt. Einer vom Psychohorrorfilm beeinflussten Inszenierung zum Dank und des eindringlichen "Insurgentes"-Soundtracks wegen bekommt die Kamerabegleitung durch Mexiko eine Metaebene ab, die für ironische Brechung sorgt und gleichzeitig jene Kunst macht, für die zugleich intensiv geworben wird.

Je weiter man sich in den Steven-Wilson-Kosmos traut, desto offensichtlicher wird auch die Verwebung seiner Projekte. Wenn schon nicht der Mensch hinter dem Künstler offenbart wird, so macht "Insurgentes" doch zumindest das greifbar, was den Künstler antreibt. Systematisch tauchen Freunde, Kollegen und Partner auf: Designer und Fotograf Carl Glover kommt zum Wort, bevor die Originalschauplätze der BASS COMMUNION-Covermotive besucht werden; Mikael Åkerfeldt (OPETH) und Jonas Renkse (KATATONIA) diskutieren mit Wilson über Plattencover und klischeehafte Metalposen; mit Aviv Geffen (BLACKFIELD) geht's zum Frühstück. Auch Produzent Trevor Horn und Dirk Serries (CONTINUUM) kommen zum Wort. Über den unmittelbaren PORCUPINE TREE-Kontext gibt es unheimlich viele Informationen, auch deren gerne gebrauchte Symbolik findet Einzug in die Handlung (Stichwort Züge). Konsequenterweise wird die Hauptband selbst allerdings ausgespart, denn alles in "Insurgentes" dreht sich in erster Linie um die Darstellung von Authentizität, von Erfahrung und vom echten Leben, weniger von den Bandprojekten, die der Künstler betreibt.

Musikalisch gesehen werden – mehr noch als beim Soloalbum – vor allem Ambient- und Drone-Affinitäten befriedigt, was in diesem cineastischen Kontext mehr als nur Sinn macht. Seine wahre Bestimmung entdeckt "Insurgentes – das Album" nun als Soundtrack von "Insurgentes – dem Film" – die Kombination aus Wilsons Soundkonstrukten und Hoiles verstörenden bis melancholischen Bildern ist streckenweise atemberaubend.

FAZIT: Man kann Regisseur Lasse Hoile hier und da sicher eine gewisse Aufgesetztheit unterstellen oder zumindest eine Tendenz dahingehend; dennoch hat er einen im wahrsten Sinne des Wortes progressiven Dokumentarfilm gedreht, der von dem Gespann Hoile / Wilson vielleicht nicht ganz unerwartet kommt, dem Filmbusiness aber durchaus neue Impulse verleihen könnte. Bei all den sachlichen Anliegen, die Wilson auf dem Herzen liegen, legt das Road Movie durch Mexiko auch äußerst viel Wert auf visuelle Ästhetik, die sich organisch mit dem 2009 erschienenen Album verbindet. Der Schädel des Briten wurde zwar immer noch nicht geknackt und das Geheimrezept für die erschreckende Qualität seines Outputs auch noch nicht gelüftet, aber dafür gelingt ein komplexer Blick auf die Funktionalismen der Musikindustrie.

Eine weitere Rezension, die den Fokus noch etwas stärker auf die filmischen Aspekte legt, ist in der Filmdatenbank ofdb hinterlegt:
http://www.ofdb.de/review/189661,432491,Insurgentes

ZUR VERÖFFENTLICHUNG: Die DVD-Auswertung des Films hält dem eigenen Anspruch an hochwertige Kunst stand: Verpackt ist "Insurgentes" in ein Digibook mit Pappschuber. Enthalten sind ein fest eingeklammertes 68-seitiges Booklet und zwei DVDs, die leider diesmal allerdings in einem kratzanfälligen Schuber untergebracht wurden. Disc 1 enthält den Film (5.1 und Stereo, optional Untertitel in Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch) nebst zweier Trailer und einem "Harmony Korine"-Video. Auf DVD 2 befindet sich ein alternatives Filmende, ein BASS COMMUNION / PIG-Live-Auftritt aus Mexiko (der allerdings mit zusätzliche Szenen untermalt ist), eine Q&A-Session zwischen STEVEN WILSON, Lasse Hoile (dessen Gesicht allerdings unkenntlich gemacht wurde) und den Gästen der internationalen Filmpremiere sowie sechs bislang unveröffentlichte Songs. Darunter befindet sich eine frühe Version von "Veneno Para Las Hadas", die etwas ausladender ausfällt; eine deutlich umdekorierte, akustischer klingende Demoversion von "Collecting Space" und ein leicht an Sigur Rós erinnernder Remix von "Insurgentes" aus der Feder von SWEET BILLY PILGRIM-Gitarrist Tim Elsenburg, der es nicht mehr rechtzeitig auf das Remix-Album "NSRGNTS RMX" geschafft hatte. Neu dabei ist "Desperation", das einen ähnlichen Flow hat wie "Only Child". Da schon "Only Child" das verzichtbarste Stück auf dem Album war, ist der Verzicht auf "Desperation" nachvollziehbar. Das 2001 entstandene "A Western Home" macht da schon mehr Spaß – knackiger Rhythmus und in den sphärischen Zwischenpassagen sind deutlich die Einflüsse von OPETH aus der damaligen Entstehungszeit zu erkennen. Das "Deadwing Theme" indes hat nichts mit dem Song oder Album des gleichen Namens zu tun, sondern war ursprünglich als Soundtrack für einen "Deadwing"-Film gedacht.

Sascha Ganser (Info) (Review 7324x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • DVD 1
  • Insurgentes - DVD Cut (stereo, 5.1 audio)
  • Harmony Korine Video (stereo, 5.1 audio)
  • Film Trailer 1
  • Film trailer 2
  • DVD 2
  • Bass Communion / Pig Live in Mexico City (stereo, 5.1 audio)
  • Alternate Ending Scene
  • CPH:DOX International Premiere - Footage From Post-Screening Q&A Session With Steven Wilson and Lasse Hoile
  • Bonus Audio Section:
  • 1. Disappear
  • 2. Veneno Para Las Hadas - frühe Version
  • 3. A Western Home
  • 4. Deadwing Theme
  • 5. Collecting Space - Demo
  • 6. Insurgentes - Sweet Billy Pilgrim-Mix

Besetzung:

  • Sonstige - Lasse Hoile (Regie), Steven Wilson, Mikael Åkerfeldt, Aviv Geffen, Trevor Horn, Carl Glover, Dirk Serries, Jonas Renkse u.v.m. (Darsteller)

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
Kommentare
Udo
gepostet am: 29.10.2010

Eine eindrucksvolle und ausführliche Stellungnahme, die Lust macht, sich das DVD- Erlebnis selber zu gönnen, kommt demnach auf meine Wunschliste! Sehr schön geschrieben, perfekt formuliert, Daumen hoch und vielen Dank dafür!!!
Mjeno
gepostet am: 08.09.2011

Auch wenn der Artikel schon seit einer Weile online steht, will ich mich kurz für ihn bedanken. Er vermittelt in gewählten Worten einen facettenreichen Eindruck dessen, was einen erwartet, und hat mich nun zusätzlich motiviert, diese Filmbox zu erstehen.
Athur Dent
gepostet am: 11.10.2011

This documentary might not obviously show how Steven Wilson's head is working when writing music, but if you listen closely and if you absorb the atmosphere, especially when recording the piano sounds you can feel what he's thinking as a musician.
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
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