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Die Grenzgänger: Hölderlin (Review)

Artist:

Die Grenzgänger

Die Grenzgänger: Hölderlin
Album:

Hölderlin

Medium: CD
Stil:

Hölderlin für's Folk

Label: Eigenvertrieb/Broken Silence
Spieldauer: 52:34
Erschienen: 20.03.2020
Website: [Link]

„Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.“ (Auszugsweises Zitat aus dem Jahr 1755 von ROUSSEAU, das auf der DIE GRENZGÄNGER-Booklet-Rückseite von 'Hölderlin' zu finden ist.)

Lange, ja, es war eine lange Überlegung, ob im Vorfeld dieser Review noch einmal eine literarisch-philosophisch-psychologische Reise durch das bedrückende Leben des (von vielen verschmähten) Ausnahme-Literaten HÖLDERLIN, der sein Leben in völliger Abgeschiedenheit und Verbannung beendete und nach dem sich sogar in Deutschland eine sehr gute Krautrock-Band (ganz ähnlich wie NOVALIS) benannte, Revue passieren lassen sollte.
Die eindeutige Entscheidung: Nein!
Denn wer sich das rundum – musikalisch wie gestalterisch und textlich – beeindruckende Album von DIE GRENZGÄNGER besorgt, der erhält noch dazu aus dem im besten Warhol-Stil gestalteten Booklet (Nur dass hier nicht Marilyn Monroe, sondern Hölderlin zu sehen ist!) ausführliche Informationen zum Dichter und Denker Hölderlin und alle Texte von ihm, die auf diesem Album vertont wurden.

Die CD erschien genau an dem Tag, an dem Hölderlins 250. Geburtstag gefeiert wurde bzw. im großen Rahmen werden sollte (und ein auch lyrikresistenter Corona-Virus alle Gesetze der Normalität außer Kraft setzte), dem 20. März 2020.
Hinzu kommt, dass gerade in diesen un- sowie außergewöhnlichen Zeiten eine Vielzahl der insgesamt 14 ausgewählten Texte – egal ob es sich hierbei um „Zornige Sehnsucht“ („Was bin ich dir, was bin ich, mein Vaterland? / Ein siecher Säugling, welchen mit tränendem, / Mit hoffnungslosem Blick die Mutter / In den geduldigen Armen schaukelt“), die „Hymne an die Freiheit“ („Jedem ward der Liebe Recht gegeben / Jedes übt der Liebe süße Pflicht / Mein Gesetz, es tötet zartes Leben / Kühnen Mut und bunte Freude nicht“), „Die Ehrsucht“ („Pfaffen spiegeln um Apostellehre / Ihren Narren schwarze Wunder vor / Um Marias Ehre krächzen Nonnenchöre / Wahnsinn zum Marienbild empor“) geht, noch heute traurige Aktualität besitzen. Sie sind einfach zeitlos.

Genauso zeitlos erscheint die Musik der GRENZGÄNGER, die der Hölderlin-Lyrik mit Folk, Blues, Pop, Rock und etwas E-Musik-Verspieltheit ein klangvolles Antlitz verleihen, ohne den Schwachsinn von schulischen Interpretationsanweisungen auch nur im Entferntesten aufzugreifen. In dem wunderschönen 24-seitigen Booklet findet man zudem nicht nur alle Texte (ohne jegliche Interpretationshinweise), sondern auch zu jedem vertonten Text einen kurzen Hinweis zu dessen Entstehung. So wie beispielsweise in „Die Aussicht“, das letzte vertonte Hölderlin-Gedicht, welches zugleich wahrscheinlich auch das letzte von ihm verfasste Gedicht war, bevor er 1843 starb: „Kurz vor seinem Tod am 7. Juni 1843 schreibt Hölderlin, der mit 'Scardanelli' unterzeichnet, sein vermutlich letztes Gedicht. Die Natur ist im Werden und Vergehen vollkommen, auch wenn die Menschen 'schnell vorübergleiten'.“ (Begleittext zu „Die Aussicht“).

Aber dann gibt es da noch den (Sprech-)Gesang – und über den kann man gerne streiten. Denn auch wenn Michael Zachical ein wenig wie TOM WAITS oder noch mehr nach einem WENZEL klingt, so ist seine recht raue Stimme auf die Dauer doch zu eintönig und spiegelt nicht wirklich die stimmungsbunte Vielfalt der gewählten Hölderlin-Gedichte wider. Auch wurde Zachical klanglich mitunter zu deutlich in den Vordergrund gemischt, während die echt gute Instrumentalfraktion dahinter etwas untergeht. Mehr Satzgesänge und weitere Sänger, besonders auch Sängerinnen, würden die musikalischen Lyrikvertonungen doch deutlich bereichern und vor allem jede Menge Grenzen sprengen.

FAZIT: Dieses Mal traf aus Anlass seines 250. Geburtstags die Wahl auf Hölderlin – und was DIE GRENZGÄNGER an ihrer klangvollen Aufarbeitung von Poesie anpacken, das hat Hand und Fuß und besitzt ganz viel Grips sowie musikalisches Können. Mit Folk-, Blues-, Rock- und Liedermacherkalkül erwecken DIE GRENZGÄNGER den im Grunde viel zu wenig beachteten deutschen Dichter, der als Zeitgenosse der Französischen Revolution galt und in kompletter Isolation und dem Wahn verfallen endete, wieder zum Leben. Eine gewagte, sehr anspruchsvolle (man betrachte nur das umfangreiche Booklet) und erneut echt gelungene Leistung.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 496x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 11 von 15 Punkten [?]
11 Punkte
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Tracklist:
  • Schicksalslied
  • Hymne an die Freiheit
  • Blödigkeit
  • Abendphantasie
  • Rousseau
  • Hälfte des Lebens
  • An die klugen Ratgeber
  • So kam ich unter die Deutschen
  • Der Wanderer
  • Lebenslauf
  • Zornige Sehnsucht
  • Die Ehrsucht
  • Die Aussicht
  • Schwabens Mägdelein (Bonustrack)

Besetzung:

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