Musikreviews.de bei Facebook Musikreviews.de bei Twitter

Partner

Statistiken

Bass Communion: Loss (Review)

Artist:

Bass Communion

Bass Communion: Loss
Album:

Loss

Medium: CD+DVD
Stil:

Drone

Label: Soleilmoon Recordings
Spieldauer: 38:21 (CD) + 38:21 (DVD)
Erschienen: 2006
Website: [Link]

Ein Mädchen in einem weißen Kleid steht mit einem Kamm und offensichtlich bereits penibel gekämmten, weil vollkommen glatten Haaren mit dem Rücken zum Betrachter vor einem kleinen Hund, der auf einem geflochtenen Stuhl sitzt und Männchen macht.
Eine Frau sitzt am Totenbett eines scheinbar bereits Gestorbenen und schaut ernst in die Kamera.
Prunkvolle Blumenkränze schmücken ein Grab, das den Namen "Wilson" als Inschrift trägt, auf einem Friedhof mit teilweise kahlen Bäumen.

Das Coverartwork von "Loss" zeigt Motive, die in einem gelblichen Schwarzweiß vergangene Jahrhunderte andeuten. Ihre Herkunft scheint uns real, denn nichts deutet darauf hin, dass die Posen gestellt sind. Es muss sich, so denkt man, um echtes Fotomaterial handeln. Und gerade daraus beziehen die Bilder den Anflug von Horror: des Horrors nämlich, der sich durch Nähe und Unvermitteltheit erzeugt.

Thematisch baut "Loss" mit seinem Motiv vom Verlorenen auf der Vorgängerplatte "Ghosts on Magnetic Tape" auf, die von der Kontaktaufnahme ins Reich der Toten handelte. Die Situation, etwas verloren zu haben und damit umgehen zu müssen, geht nun eine dermaßen intensive Symbiose mit der Musik ein, dass man gar nicht mehr genau bestimmen kann, wo die Geschichte aufhört und die Musik anfängt.

Nichts ist auf "Loss" zu hören, was nicht durch natürliche, sprich: nichtelektronische Art und Weise zu erzeugen wäre. Ein einzelnes, geisterhaftes Pianothema führt durch zwei annähernd zwanzigminütige Akte, lässt den Hall einzelner Noten für sich arbeiten und deutet mit seinen dissonanten Klangfolgen das Innenleben eines vom Verlust gebeutelten Menschen an. Dazu erklingen sich dehnende Geräusche wie von einem leeren Gebäude, windähnliche Fragmente, staubfarbene Texturen aus weißem Rauschen und vereinzelten Geräuschkulissen, die ein Bild vor dem inneren Auge entstehen lassen.

Dadurch gelingt Steven Wilson, der mit einer Band wie PORCUPINE TREE selbstverständlich das lukrativere Geschäft unterhält, die Illusion einer musikalischen Egoperspektive: man blickt durch die Augen eines Trauernden, der sich im Stillstand des Nichtbegreifens befindet, wenn die hoffnungslose Situation immer und immer wieder von vorne abgespielt wird (Block 1). Plötzlich dann (Block 2) beginnen die Synapsen zu zünden und der Ruck in die Gegenwart erfolgt, weil sich etwas verändert hat: die Person ist nicht mehr alleine mit ihrer Trauer. Ein Absinken der Pianolinie auf bedrohlichste, dunkelste Basstiefen gibt Zeugnis davon ab, dass sie sich den Raum nun mit einer düsteren Präsenz teilen muss.

Musikalisch gesehen bewegt sich BASS COMMUNION natürlich nach wie vor mit beispielhaftem Minimalismus am Rande der Definition von Musik und es darf zu Recht darüber gestritten werden, ob "Loss" mit seinen minutenlangen Aufnahmen von geisterhaften Chören aus Staub, Putz, alten Tapeten und Frost an gerissenen Fensterscheiben voller Schmutz noch als Musik bezeichnet werden kann. Legt man Strophen und Refrains als Maßstab an, ist sie es sicher nicht. Nimmt man die Intention des Künstlers als Maß oder die psychologische Wirkung auf den Hörer, dann ist sie sicher mehr Musik als vieles andere.

FAZIT: In Sachen Interpretation gibt "Loss" durch das Aussparen von Informationen viel her und auch nichts. Im Mittelpunkt steht aber eindeutig die Atmosphäre. Sie ist bei BASS COMMUNION grundsätzlich derart schneidend, dass auch das Album "Loss" jedes Zimmer, in dem es abgespielt wird, verändert und dauerhafte Spuren hinterlässt – beinahe so, als griffen totenblasse, spinnengliedrige Hände einer verlorenen Seele aus dem CD-Player und hinterließen ihre Fingerabdrücke auf Decken und Wänden. Kritisch kann man anmerken, dass viel Redundanz im Spiel ist, weil der drone-typische Minimalismus ebenso viele andere Möglichkeiten böte, das Thema zu vertonen. Das wäre dann allerdings Kritik am Genre und dessen Nichtgreifbarkeit, die nicht nur das Vergeben einer Note obsolet macht, sondern streng genommen sogar die gesamte Kritik.

Sascha Ganser (Info) (Review 6267x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
[Schliessen]
Kommentar schreiben
Tracklist:
  • CD:
  • Loss Part I
  • Loss Part II
  • DVD:
  • Loss Part I (5.1 Surround Sound Mix / 24 bit High Resolution Stereo)
  • Loss Part II (5.1 Surround Sound Mix / 24 bit High Resolution Stereo)

Besetzung:

  • Sonstige - Steven Wilson (Alles)

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
Benachrichtige mich per Mail bei weiteren Kommentaren zu diesem Album.
Deine Mailadresse
(optional)

Hinweis: Diese Adresse wird nur für Benachrichtigungen bei neuen Kommentaren zu diesem Album benutzt. Sie wird nicht an Dritte weitergegeben und nicht veröffentlicht. Dieser Service ist jederzeit abbestellbar.

Captcha-Frage Vervollständige: Laterne, Laterne, Sonne Mond und...

Grob persönlich beleidigende Kommentare werden gelöscht!