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Amplifier: The Octopus (Review)

Artist:

Amplifier

Amplifier: The Octopus
Album:

The Octopus

Medium: CD
Stil:

Art Rock

Label: AmpCorp / Soulfood
Spieldauer: 58:33 (CD1) + 63:11 (CD2)
Erschienen: 18.02.2011
Website: [Link]

Create Yourself. Immer mehr Menschen nutzen die Möglichkeiten unseres Netz-, Kommunikations- und Individualzeitalters, um sich selbst zu erfinden. Gerade das Internet hat dabei eine neue Dimension der Selbstvermarktung evoziert: wer sein unverfälschtes Ich ausleben will, muss die Sache selbst in die Hand nehmen. Die Vernetzung der Erde über das World Wide Web funktioniert über das menschliche Bedürfnis der Selbstdarstellung. Jeder, der möchte, darf zeigen, wer er ist. Die Unterhaltungsindustrie hat längst darauf reagiert; Videospielkonzepte wie dasjenige von "Little Big Planet" fördern beispielsweise ganz bewusst den Selbstentfaltungsgedanken. Die Industrie stellt allenfalls noch Plattformen, Tools und Bausteine zur Verfügung. Das Produkt jedoch kreiert inzwischen der Einzelne. Auch die Musikindustrie macht da keine Ausnahme.

Sel Balamir und seine Drei-Mann-Armee von AMPLIFIER wissen nun ebenfalls die Vorteile der Selbstvermarktung zu schätzen. Schließlich war das Zweitalbum "Insider" nach dem wuchtigen Debüt über weite Strecken eine kreative Bankrotterklärung und ein offenkundiges Zugeständnis an die Fesseln der Plattenfirma. Die Gründung des Labels AmpCorp dürfte als direkte Reaktion darauf zu verstehen sein und, angesichts des Umstandes, dass AmpCorp überwiegend aus Sels Wohnzimmer besteht, als ein ironischer Kommentar Richtung große Firmen, die Musik vordergründig als industrielle Produkte vertreiben.

Was also bekommt man, wenn man bei AmpCorp einen Octopus bestellt und welche Bedeutung trägt der Meeresbewohner in sich? Das aus Großbritannien angelieferte Paket muss man kaum mehr öffnen, es wird von innen heraus gesprengt vor lauter Liebe, Euphorie und Sorgfalt. Man findet – ganz zentral – das Doppelalbum vor. Einen von A bis Z durchgeplanten Zweistünder, und damit etwas, das beim alten Label jeder Wahrscheinlichkeit getrotzt hätte. Ein Doppelalbum dieser Art ist schon grundsätzlich kommerzieller Suizid, aber für eine Drei-Mann-Kapelle? Totale Selbstüberschätzung, Größenwahnsinn, Ernst-Stavro-Blofeldismus. Na sicher haben AMPLIFIER auf ihrer Selbstbetitelten gezeigt, zu welchen Wall-Of-Sounds sie auch mit Minimalpersonal in der Lage sind, aber wer könnte ihnen nach dem ernüchternden "Insider" überhaupt noch irgendetwas Großes zutrauen, geschweige denn ein solches Mammutprojekt?
Der Oktopus auf dem hochkantigen Digipack ist zwangsläufig als ikonisches Stempelzeichen dargestellt, muss er doch schließlich für etwas stehen, etwas verkörpern: eine Idee. Was das für eine Idee ist, darüber geben die beigefügten Gimmicks Aufschluss: 1. Ein Poster mit dem Oktopus-Symbol, 2. Ein mit Semiotik und philosophischen Überlegungen gespickter Beipackzettel, Vorderseite englisch, Rückseite die jeweilige Landessprache des Käufers, 3. Ein Bündel kleiner Oktopus-Sticker, 4. Eine Art "Gebrauchsanleitung", wiederum zweisprachig, in der Motivation und Bedeutung der beiliegenden Teile erläutert wird. Wir erfahren, wie stolz man auf das Endprodukt ist (natürlich). Wir erfahren, dass die Sticker dazu da sind, dass wir sie in unserer Stadt verteilen und dass jederzeit neue angefordert werden können, wenn die alten mal ausgehen. Gratis, of course. Dass man sie an strategisch sinnvollen Orten platzieren soll, weil ein Sticker in der Produktion immerhin 0,45 Cent kostet. Wir erfahren auch, dass wir als Käufer nun Teil des "Octopus" sind – in den folgenden Auflagen ist uns eine namentliche Nennung gewiss, sofern wir die Erstauflage bei der Band selbst bestellt haben. Wir werden in das Werk persönlich einbezogen. Und da haben wir es: AMPLIFIER sind längst keine Drei-Mann-Armee mehr. Die Briten füllen eine hohle Phrase wieder mit neuer Bedeutung: eine Band ist so groß wie die Anzahl ihrer Fans. The Octopus Is Coming For You.

Aber dann ist da ja – nebenbei bemerkt - auch noch die Musik. Insbesondere "Part One" ist praktisch die Vertonung eines "Little Big Planet", ein groß aufgezogenes Spielfeld voller verspielter Details, die sich mit ihren Saugknospen in sämtliche Winkel schlingen. Die Präsentation sprengt alle Grenzen. Verpackungstechnisch zollt sie zwar trotz des hohen Aufwands den geringen Geldmitteln Tribut (hier zahlt es sich dann gegebenenfalls aus, die Albumproduktion nicht selbst finanzieren zu müssen), musikalisch schöpft sie aber aus dem Vollen. "The Beginning Is Important In All Things" steht im Verpackungsinneren abgedruckt. Das ist die Idee, die dem Unternehmen "Octopus" innewohnt. Und wie beginnt das Album? Mit einem Verstärkergeräusch, das zunehmend lauter wird und dann aus dem Nichts von zerreißender Stille abgelöst wird. Natürlich - AMPLIFIER. Schließlich verschiedene Effekte, Laufschritte und eine piepende Herzrhythmusanzeige. Balamir bereitet offensichtlich den Übergang in seine Dimension vor. Als immer schneller werdendes Pianogeklimper den Exitus vorbereitet, wird ein helles Licht simuliert, die Maschine verharrt im Piepton und dann darf's auch schon losgehen. "Minion's Song" beginnt sanft mit Klavierbegleitung und steigert sich später in einen Chor, doch das Wichtigste ist bereits getan: der Anfang. Der erste Strich.

"The Octopus" erweist sich im Folgenden als nicht so direkt auf die Zwölf wie "Amplifier" damals, auch nicht so intuitiv verständlich, dafür aber voller kleiner Welten, die jeder Hörer für sich gestalten kann. Stimmungen sind in allen Regenbogenfarben vertreten, wobei das positive Gefühl des Aufbruchs vorherrscht, immer jedoch mit einer gewissen Verzerrung, die etwaigen Anflügen von Gute-Laune-Kitsch gleich mal einen Strich durch die Rechnung macht. Die erwähnten Chöre in "Minion's Song" erhallen, gleich darauf königliche Trompeten in "Interglacial Spell". Der Bass geht später auf dem Titeltrack von der Gitarre getrennte Wege und kreuzt die Tentakeln gegen den Strich. Insekten schwirren zu Sels Kopfstimme, weiße Pferde baden in der sanften See. Bis, ja bis sogar Mr. Burns "Excellent" sagen darf. Und muss man ein Album, das Mr. Burns an Bord hat, nicht unbedingt lieben?
Weniger, das ist die Erkenntnis der ersten CD, verkörpern AMPLIFIER heute die Kreativität, sie inspirieren sie vielmehr beim Hörer. "The Octopus" steckt an, selbst kreativ zu werden.

Dadurch rückt das Album ein wenig weg vom Bauch, wo AMPLIFIER alleine ihres patentierten Eingeweidemassagesounds wegen normalerweise zu verorten wären, und nistet sich im Kopf ein. So kommt man schnell auf den Gedanken, einen Vergleich zu PORCUPINE TREEs letztem Werk zu ziehen. "The Incident" und "The Octopus" haben konzeptionell das Thema "Vernetzung" miteinander gemein, soundtechnisch den Umstand, dass Beide nicht mehr so organisch klingen wie ältere Alben, dafür architektonischer. Allerdings umweht "The Octopus" ein wenig die Naivität eines Abenteurers, der sich Großes vorgenommen hat. Hier geht der Vergleich dann auch baden, denn die Kopfkühle Steven Wilsons ist Sel Balamir nicht gegeben.

Teil 2, angeführt von und betitelt nach William Blakes Gedicht "The Sick Rose", pflegt indes einen härteren und weniger bunten Umgang mit dem Hörer. Orientalische Anklänge sind eingemischt in diesmal deutlich rockigere, bisweilen auch ins Metallische reichende Strukturen. Die Monotonie, die man AMPLIFIER seit jeher in einem gar nicht mal unbedingt negativ konnotierten Zusammenhang nachsagt, erhält wieder Einzug. "Interstellar" ist nicht nur dem Namen gemäß eine Rückkehr in die Spacerock-Reiche von "The Astronaut Dismantles HAL" – nein, Sel macht "Bap Bap – Bap bap baaabap bap babap" und die Rakete steigt… Troposphäre, Stratosphäre, Mesosphäre, Thermosphäre, Exosphäre.
Die Stilelemente der ersten beiden Songs halten sich dann über den Rest der Laufzeit. Inwiefern das den Ansprüchen des "Octopus"-Konzepts genügt, sei dahingestellt; in jedem Fall ist zu spüren, dass ursprünglich zwei separate Veröffentlichungen geplant waren. Trotzdem hat die Gesamtveröffentlichung etwas für sich. Und sei es nur der ungeheure Mut, den man sich erst dann leisten kann, wenn man seine Träume selbst realisiert.

FAZIT: Der Floskel vom dritten Album, das über Aufstieg oder Fall entscheidet, gewinnen AMPLIFIER ganz neue Realitätsebenen ab: "The Octopus" ist gerade jetzt ein dem Zeitgeist angepasstes Echtzeitexperiment. Und es funktioniert hervorragend, obwohl es das nicht dürfte. Es funktioniert nicht etwa, weil Sel Balamir sich höchstpersönlich so intensiv um Merchandising und Bestellungen kümmert. Auch nicht, weil die Methoden so pfiffig sind, die er dazu anwendet. "The Octopus" funktioniert, weil eine unglaubliche Zwei-Stunden-Monstrosität hinter dem ganzen Drumherum steckt, umgesetzt von einer so schrecklich winzigen Band. Was dabei herauskam, ist alles andere als perfekt, doch darum kann es gar nicht gehen. "The Octopus" ist ein voluminöses Werk, ein Magnum Opus in jeder Form, das gerade im ersten Teil ganze Welten voller Anregungen bereithält – und im zweiten Teil schlicht und einfach amtlich rockt. Dass ein derart fetter Vogel ungeachtet aller Naturgesetze kraft seiner acht Beine überhaupt fliegen kann, darin liegt die Faszination.

Sascha Ganser (Info) (Review 11898x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
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  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Wertung: 12 von 15 Punkten [?]
12 Punkte
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Tracklist:
  • PART ONE
  • The Runner
  • Minion's Song
  • Interglacial Spell
  • The Wave
  • The Octopus
  • Planet Of Insects
  • White Horses At Sea // Utopian Daydream
  • Trading Dark Matter On The Stock Exchange
  • PART TWO
  • The Sick Rose
  • Interstellar
  • The Emperor
  • Golden Ratio
  • Fall Of The Empire
  • Bloodtest
  • Oscar Night // Embryo
  • Forever And More

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
Kommentare
WERNER
gepostet am: 08.02.2011

User-Wertung:
13 Punkte

2 Stunden vom feinsten-wer auf Porcupine Tree usw steht muss hier zuschlagen-dem Review von Sascha ist nichts hinzuzufügen -ausser ein Punkt mehr
Lateralis84
gepostet am: 11.02.2011

Toll geschrieben. Kann dem ebenfalls nichts hinzufügen.
Rocknorb
gepostet am: 15.02.2011

User-Wertung:
15 Punkte

So geht geilste Rockmusik. Höchstwertung für das Gesamtkunstwerk einer Band, die uns und allen anderen zwei Stunden lang zeigt, wie man Emotionen und Können in sagenhafte Musik verwandelt.
GeeZer
gepostet am: 20.02.2011

User-Wertung:
15 Punkte

Unglaubliches Album. Stinkefinger an die Musikindustrie und ein Geschenk an Musikliebhaber. Klar ist es nicht halb so eingängig wie das Debüt, aber bei diesem Album wird jeder noch in 10 Jahren für sich immer wieder aufs Neue kleine und grössere musikalische und lyrische Überraschungen entdecken. Bestimmt.
Rhisdur
gepostet am: 20.02.2011

User-Wertung:
15 Punkte

Ein Schlag in's Gesicht der Musikindustrie - und für mich als Hörer wahrhaftig ein Geschenkt. 2 Stunden Gesamtkunstwerk einer Band, die ihre Musik unglaublich mit Emotion und Atmosphäre ausstattet. Eigentlich sollte dem Konsument vor lauter Tiefgang der Schädel platzen. Dieses Album MUSS intensiv gehört werden - eben weil es Kunst ist und nichts anderes. Wird schwer, diese Scheibe noch als Top-Album des Jahres abzulösen. Volle Punktzahl und damit gebe ich mir noch eine Runde des achtarmigen Ungetüms. Cheers
johnny
gepostet am: 16.03.2011

User-Wertung:
15 Punkte

Wird schwer am Abend noch etwas zu erledigen, wo sich der Octopus jetzt so breit macht. "Excellent!"
Udo
gepostet am: 09.07.2011

User-Wertung:
13 Punkte

Daumen hoch für eine sehr gute Review und ein geniales Doppelalbum, das bei mir in Heavy- Rotation die Nachbarschaft beglückt! Sehr schön das! Aber wie nur 3 Leute es schaffen, diesen enormen Sound rauszutackern wird mir ewig unbegreiflich sein!
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
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