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Cræsher: [Π]noise (Self - Incestuous Noise Inception) (Review)

Artist:

Cræsher

Cræsher: [Π]noise (Self - Incestuous Noise Inception)
Album:

[Π]noise (Self - Incestuous Noise Inception)

Medium: CD
Stil:

Experimental / Noise

Label: Stridulation Records
Spieldauer: 50:10
Erschienen: 14.03.2014
Website: [Link]

Der Entdeckerdrang treibt den Menschen an, auch bei der Auslotung neuer musikalischer Nischen. Doch die Informationssammelwut des Zeitalters, in dem wir leben, hat ihn dazu gebracht, Neues vor allem in der Zusammensetzung von Altem zu suchen. „Vintage“ oder „Retro“ nennt man das, wenn man dabei anachronistisch vorgeht, Genre-Crossing wird es, wenn man versucht, den Missing Link zwischen zwei etablierten Genres zu finden. Oft jedoch verweilt man strukturalistisch gesehen an der Oberfläche, um gegebenenfalls woanders in die Tiefe zu gehen. Marc Urselli aka CRÆSHER wählt einen anderen Ansatz: Er kastriert den inhaltlichen Ausdruck, um der reinen Form in all ihrer Nüchternheit einen dreidimensionalen Raum zu geben.

In dieser Methodik gleicht er den Katalogen vieler kleiner Experimental-, Noise- und Drone-Labels (iapetus und Konsorten lassen grüßen). Inhalte werden oft banalisiert, wenn nicht gar wegradikalisiert, um den reinen Vorgang der Klangentstehung übrig zu lassen. Es werden Flächen entworfen, die im besten Fall das Unterbewusstsein des Hörers wecken und rein private Vorgänge in ihm entstehen lassen, die nicht zwingend mit dem speziellen Klang verbunden sind, sondern eher über das Pawlow-Prinzip funktionieren, weshalb sich derartige „Musik“ selten bis nie für soziale Phänomene öffnet, sondern eher den Soundtrack für die einsamen Stunden des Rückzugs stellt. Doch Urselli geht noch einen Schritt weiter, treibt die bewährte Funktionalität des reinen Geräuschs auf die Spitze bzw. in die Tiefe: „[Π]oise (self-incestuous noise inception)“ stellt nichts anderes als eine sachliche, jeder Emotion entbehrende Beschreibung der Klangreproduktion, die auf diesem Album stattfindet und wie folgt funktioniert: Man nehme ein vom Menschen nicht manipuliertes (der Definition nach also kunst-neutrales) Geräusch in seiner atomischsten Form, der Sinuswelle, und pflanze es in sich selbst hinein. Man verdopple es, verzerre es, dehne es, filtere es, komprimiere es, man bestimme seinen Algorithmus, man zerfranse die Matrix und füge weitere Nullen und Einsen ein, bis das Muster schließlich eine mit dem Ursprung unvereinbare Form angenommen hat, die musikalische Strukturen auf perfide Weise imitiert, ohne solche jemals tatsächlich zu verwenden. Eine von der Mathematik des Schalls motivierte Perversion, die eine bizarre Wirkung zur Folge haben muss, weil sie sich eben gerade über die Abstinenz des Menschlichen definiert.

Jedes der zehn Stücke weist die Summe Π auf (3,14), durch Crossfades um jeweils exakt eine Minute verlängert, was für einen fließenden Übergang eines Titels zum nächsten sorgt, was allerdings nicht bedeutet, dass einer klingt wie der nächste. Im Gegenteil, es gehört zum Konzept der CD, eine prinzipielle Grenzenlosigkeit universeller Ausweitung zu belegen. Tatsächlich ist es in gewisser Weise faszinierend zu hören, wie ein und dasselbe Eingangssignal derart unterschiedliche Wege nehmen kann. Mal wogt es in verlässlichen Zyklen vor sich hin und erinnert so an das Meer, dann wiederum imitiert es die Spannungsauf- und Entladung des unberechenbaren Chaos, wie es beispielsweise der elektrischen Spannung zu eigen ist. Rhythmik ergibt sich infolge dessen, wenn überhaupt, nur zufallsbasiert; wiederkehrende Muster werden nicht industrial-ähnlich als Basis für einen Groove eingesetzt, sondern stehen für sich selbst und können sich folglich jederzeit wieder auflösen.

Dass sich Urselli parallel zu seinen schalltheoretischen Überlegungen auch sehr zur griechischen Mythologie hingezogen fühlt und sich auf Myrrha bezieht, die zur Strafe für eine inzestuöse Beziehung zu ihrem Vater in einen Myrrhe-Baum verwandelt wurde, gibt der sonst so kalten Aura des ganzen Projekts allerdings einen etwas blumigen Charakter, der den eigentlich so wissenschaftlich behandelten Inzest-Begriff doch wieder anthropologisiert und somit generalisiert. Auf den ersten Blick auch nicht gerade nahe liegend, aber sehr schön auch die bei Stridulation Records aufgelegte Limited Edition in einer (den Bildern zufolge) wunderschönen Bambusholzschatulle mit ausgebranntem Π-Logo samt Booklet aus Recycling-Papier mit Pflanzenöl bedruckt – garantiert ökologisch abbaubar.

FAZIT: Interessiert man sich für Extrem-Experimentalmusik, liefert Urselli immerhin faszinierende Denkanstöße und reichlich Ansätze passend dazu. Wer dagegen auf der Suche nach Hits ist und hier landet, hat sich natürlich gründlich verlaufen.

Sascha Ganser (Info) (Review 1836x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
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Besetzung:

  • Sonstige - Marc Urselli (Noise)

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