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Skadedyr: Kongekrabbe (Review)

Artist:

Skadedyr

Skadedyr: Kongekrabbe
Album:

Kongekrabbe

Medium: CD
Stil:

Avantgarde / Jazz / Folk

Label: Hubro
Spieldauer: 36:49
Erschienen: 17.01.2014
Website: [Link]

Wer mal „King Kong“ gesehen hat, dem wird die Übersetzung wohl nicht schwer fallen, schon gar nicht bei Blick auf das Coverartwork: „Kongekrabbe“ ist die norwegische Bezeichnung für die Königskrabbe, die ursprünglich aus dem Nordpazifik stammt, inzwischen aber auch bei den norwegischen Lofoten befischt wird. Mit Stolz präsentiert der Fischer das Krustentier, und man könnte auf den Gedanken kommen, die Newcomer SKADEDYR besängen mit geschwellter Brust die Heimat und frönten der Folklore. Übersetzt man SKADEDYR jedoch mit, so wird die „Königskrabbe“ in einen Kontext mit „Ungeziefer“ gesetzt. Diese Assoziation macht Sinn, wenn man bedenkt, dass sogar der WWF eine Ausrottung der Tiere in norwegischen Gewässern befürwortet, weil sie sich derart vermehren, dass sie das Ökosystem in Gefahr bringen, so dass ihnen der wenig schmeichelhafte Spitzname „Stalin-Krabbe“ zuteil wurde; andererseits sollen kleinere Fischerorte durch ihr Aufkommen einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben, etwa das nordöstlich gelegene Bugøynes, das zwischenzeitlich zum Verkauf stand und dank der Krabbler nun eine Renaissance erlebt.

Verzwickte Situation, möchte man da sagen. Was kann sie also musikalisch bedeuten? Das zwölfköpfige (!) Ensemble macht von außen einen aufgeweckten, aktivistischen, auch avantgardistischen Eindruck, den es binnen 36 Minuten auch auf Platte zu untermauern weiß. Das Intro dient einer unverbindlichen Vorstellung: Ein Wimmeln und Surren, bewusst auch mit Momenten der Ruhe spielend, bebildert eine Perspektive auf einen Meeresgrund, der voller Bewegung ist; ein Blick nach oben zeigt die Silhouette eines Fischerbootes, das über den Köpfen der Krabben vorbeidüst. Glockenspiel, Streicher, Trompeten-Schluckauf und Akkordeon-Bremsspuren simulieren zunächst ohne rhythmische Einbettung eine vom Menschen noch unentdeckte Welt. Hektisches, impulsives Reagieren auf die Möglichkeiten, die das Ökosystem bietet. Improvisationskünste werden den Beteiligten abverlangt, vor allem auch die Zurücknahme des eigenen Egos zugunsten des Minimalismus, was wohl die größte Herausforderung unter zwölf Musikern sein dürfte, die streckenweise auch mit reduzierten Layerschichten oder gar Pausen experimentieren wollen.

Ein dumpfes Bass-Leitmotiv leitet schließlich über in den Hauptteil: „Linselus / Due“ ist eine fast neunminütige Unterwasserreise, begleitet von Piano und lautmalerischen Vocal-Jazz-Einlagen. Erst das Titelstück traut sich aber vollends in einen strukturierten Aufbau. Viele Stellen erinnern an die ruhigeren Zwischenpassagen eines maritimen Orchestersoundtracks, dann wieder vollzieht der Jazz einen abrupten Bruch. Lautmalerisches genießt nach wie vor hohe Aufmerksamkeit und wirkt antiklimatisch und beruhigend auf den unterschwellig wahrnehmbaren Spannungsaufbau, der mit hervorragend inszenierten weiblichen Gesangslinien, die inhaltlich nichts weiter meinen als „ladida“, seinen Höhepunkt erreicht, wenn sie in sich harmonisch, aber doch disharmonisch gegenüber der Instrumentierung, ihrer Wege ziehen.

„Partylus“ fällt dann komplett aus der Form, kombiniert vogelfrei Charleston, Ragtime, Walzer, Chanson, Swing, Psychobilly und New-Orleans-Funeral-Jazz mit radikal modern interpretierten Trip-Hop-Einschüben inklusive Scratching. Die letzten zehn Minuten von „Lakselus“ gehören dann aber doch wieder den harpyienartigen Soundscapes von anfangs.

FAZIT: Ja, SKADEDYR bieten auf ihrem Debüt in gewisser Weise durchaus traditionsbewusste Heimatfolklore, greifen sie doch unentwegt auf Einflüsse zurück, die ihnen von der Natur vor der eigenen Haustür geboten wird, und setzen sie in überwiegend lautmalerischer Art und Weise um. Selbstzufriedenheit allerdings ist nicht zu erkennen: Auf „Kongekrabbe“ wuselt das Chaos aus Soundscapes und Musikstilen, es sprengt den vergleichsweise geringen Laufzeitumfang geradezu, wobei dieses Kollektiv im Gegensatz zu so vielen Lautschreiern erkannt hat, dass auch die Stille wie ein Geräusch verwendet werden kann. Hubro hat hier einmal mehr einen dicken Fisch an der Angel; ein beeindruckendes Sammelsurium aus Klang und Form, wenngleich es manchem noch schwer fallen mag, „Kongekrabbe“ angesichts seiner Kürze und seiner improvisierten Flächen Vollwertigkeit im Sinne eines Musikalbums zu attestieren.

Sascha Ganser (Info) (Review 4125x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • Intro Linselus
  • Linselus / Due
  • Kongekrabbe
  • Partylus
  • Lakselus

Besetzung:

  • Sonstige - Anja Lauvdal, Fredrik Luhr Dietrichson, Hans Hulbækmo, Torstein Lavik Larsen, Joakim Heibø, Ida Løvli Hidle, Henrik Munkeby Nørstebø, Heida Katine Johannesdottir Mobeck, Adrian Løseth Waade, Ina Sagstuen, Lars Ove Fossheim, Marius Klovning

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