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The Ghost Next Door: The Ghost Next Door (Review)

Artist:

The Ghost Next Door

The Ghost Next Door: The Ghost Next Door
Album:

The Ghost Next Door

Medium: CD
Stil:

Post-Avantgarde-Alternative-Psychedelic-Metal-Rock...?

Label: Mausoleum
Spieldauer: 40:47
Erschienen: 19.06.2015
Website: [Link]

Es kann von Vorteil sein, in der Redaktion seines Musikmagazins ein „Hinterbänkler“ zu sein. Die dicken Fische greifen sich andere, aber Platten, auf denen keine großen Namen stehen oder die sich einer Kategorisierung entziehen, werden gern verschmäht, landen auf der Review-Resterampe – und von da aus bei Leuten wie mir. Das ist weder despektierlich gemeint, noch von Nachteil, denn zuweilen sind darunter wahre kreative Explosionen, die aber im Rahmen der räumlichen Beschränkungen eines Printmagazins nicht zufriedenstellend zu besprechen sind.

Dabei schreit eine Band wie THE GHOST NEXT DOOR nach einer ausführlichen Auseinandersetzung.

Dreh- und Angelpunkt der Band ist Gary Wendt, Insidern bekannt als Gründungsmitglied von SACRILEGE B.C. und den begnadeten Post Thrashern RELEASE (Review hier bei musikreviews.de), sowie aus der Debüt-Besetzung von SKINLAB (wir alle machen Fehler).

Die beiden Erstgenannten veranschaulichen den Anspruch in Wendts Schaffen, sich nicht auf eine bestehende Schublade festnageln zu lassen, sondern lieber selber eine zu zimmern. Das unterstreicht er mit THE GHOST NEXT DOOR, bei denen er neben der Gitarre auch den Platz am Mikro übernimmt, deutlicher als je zuvor. Die angeschrägte Melancholie, welche die Scheibe durchzieht, ergänzt sich kongenial mit einem anspruchsvollen, instrumentalen Crossover aus alternativem Metal mit Post-Konnotation, psychedelischem Rock, Prog-Kunststückchen und ein klein wenig Hardcore, der irgendwie direkt der letzten echten schöpferischen Hochzeit des Metal entsprungen scheint, den Neunzigerjahren. Wie viele Bands der Zeit verbinden THE GHOST NEXT DOOR ihre Einflüsse zu etwas Größerem als der Summe seiner Teile und stehen am Ende nur für sich selbst – was Vergleiche oder treffende Beschreibungen allerdings erschwert.

Es ist erstaunlich, dass Wendt nicht längst als Frontmann in Erscheinung getreten ist – man möchte sagen, wer über derartiges Talent und ein so wundervoll involvierendes Organ verfügt, muss einfach singen. Die Melodieführung und das leicht Nasale in der Stimme erinnern ein wenig an VOIVODs Snake, wenngleich Wendt insgesamt geschmeidigere Linien schreibt und der technisch bessere Sänger ist – so findet sich bei ihm auch die schmeichelnde Wärme und zerbrechliche Dringlichkeit Layne Staleys (ALICE IN CHAINS). Das Gitarrenspiel, wandernd durch die Stimmungen und stets ruhelos sich verändernd, lässt an Grenzgänger und –überschreiter wie Greg Ginn (BLACK FLAG) oder Denis D’Amour (VOIVOD) denken, sich trotz vieler Klangfarben aber stilistisch nie verorten. Hier verbinden sich reduzierte Tonfolgen in moll, rhythmische Akzentuierungen oder kränklich dissonante Klangflächen immer wieder mit glasklaren Licks und dem nötigen Riffdruck, die Verzahnung von schmeichelnder Stimme und schizophrenen Saiten öffnet Räume jenseits der Bekannten – auch wenn man das Haus zu kennen meint. Das leichtfüßige, quirlige und dennoch wuchtige Schlagzeugspiel hält die Songs in Bewegung und verleiht Dynamik und Drive, wo aufgrund der gedrückten Grundstimmung bei weniger kompositorischem Geschick durchaus die Gefahr der Trantütigkeit lauern könnte. So bleibt die Grenze zu Weinerlichkeit und Kitsch außer Sicht, die Jungs und Mädels klingen trotz ausladender Melodik niemals prätentiös, infantil oder pathetisch. Das Wechselbad von Ruhe und Krawall, Trauer und Wut, Resignation und Aufbruch tönt vielmehr lakonisch, reflektiert, introspektiv, an den richtigen Stellen zornig aufbrausend – und findet diesseitig, in der Realität erwachsener Menschen statt. Gerade durch diese Erdung kommt es einer emotionalen Achterbahnfahrt gleich. Durch schiere Intensität und vorlagenfreie atmosphärische Dichte gefesselt, taucht man als Hörer schließlich irgendwann wieder aus dem Mahlstrom der Töne, Bilder und Gefühle auf und fragt sich, wo man die letzten vierzig Minuten gewesen ist – auf einer alternativen Erde vielleicht, auf dieser jedenfalls nicht.

FAZIT: Keine Ahnung, wie man das hier nun nennen soll, es ist auch egal. Eine solche Paarung von Kreativität, Ausdrucksstärke, Eigenständigkeit und kompositorischem Können bei gleichzeitiger Zugänglichkeit bekommt man selten zu hören. Wer die Muße findet, sich einzuhören – und die sollte man mitbringen – wird mit einer der eindringlichsten und abseitigsten Scheiben seit DISLLUSIONs „Gloria“ belohnt. Für den Arthouse-Metaller ist diese Band ein Muss.

Hendrik Lukas (Info) (Review 5958x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 14 von 15 Punkten [?]
14 Punkte
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Tracklist:
  • Forever My Demon
  • Crickets
  • All Fall Down
  • Ten Steps Back
  • Dead Things
  • Bully
  • Eleven O'Clock Blues
  • Fragile
  • Famous Last Words

Besetzung:

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Interviews:
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