Musikreviews.de bei Facebook Musikreviews.de bei Twitter

Partner

Statistiken

Marianne Faithfull: Kissin Time (2002) – Vinyl Edition (Review)

Artist:

Marianne Faithfull

Marianne Faithfull: Kissin Time (2002) – Vinyl Edition
Album:

Kissin Time (2002) – Vinyl Edition

Medium: LP
Stil:

Art-Pop, New Wave, Singer/Songwriter

Label: BMG
Spieldauer: 47:52
Erschienen: 27.01.2023
Website: [Link]

Das waren noch Zeiten als die Sexy-Marianne als große MICK JAGGER- und KEITH RICHARDS-Muse von den beiden mit solchen Evergreens wie „As Tears Go By“ beglückt wurde – als sie noch jung, knackig und begehrenswert war. Das sah für die heute 76-Jährige anno 2002 als fast 60-Jährige schon ein wenig anders aus als kein ROLLING STONE zu ihrem Solo-Album „Kissin Time“ einen Song oder irgendwelche anderen Aktivitäten beisteuerte und sie selber gänzlich – auch von ihrem extremen Lebensstil und schweren gesundheitlichen Problemen gebeutelt – nach und nach in musikalischer Bedeutungslosigkeit verschwand. Doch statt der Stones standen ihr bei diesem großartigen Solo-Album ganz andere hochkarätige Musiker zur Seite: BECK, BILLY CORGAN, DAVE STEWART, BLUR, JARVIS COCKER, MATT SWEENEY und ETHIENNE DAHO. Alle hinterließen so ihre ganz persönlichen Duftmarken auf „Kissin Time“ und machen dieses Faithfull-Album zu einem der besten in der langjährigen, über 50 Jahre andauernden Karriere und den insgesamt über 20 Alben der Grand Lady des Rock.

Etwas ganz Besonderes in diesem noch so jungen Jahr 2023 ist, dass zum ersten Mal überhaupt „Kissin Time“ auf Vinyl veröffentlicht wird, in einem einfachen LP-Cover samt bedruckter Innenhülle und allen Texten, die außerordentlich lesens- und hörenswert sind. Außerdem haben die Lyrics gleich noch auf dem LP-Frontcover einen Warnsticker wegen 'Explicit Content' erhalten, was ja bekanntlich bei uns verdorbenen Zeitgenossen ein ganz besonderer Kaufanreiz ist.
Wenn ein Album zudem auch noch mit einem Song wie „Sex With Strangers“ beginnt, der das kleine dreibuchstabige erotische Wort in einer Art Endlosschleife wiederholt, ja, da werden nicht nur die Augen vor Begehren feucht...
Und auch der gute BECK legt sich dabei so richtig ins 'schmuddelige' Zeug. Wobei der Song „Nobody's Fault“ schon drei Jahre zuvor bereits auf seinem eigenen, sehr erfolgreichen 1999er-Album „Midnite Vultures“ erschienen war.

Jedenfalls liegen auf „Kissin Time“ nicht nur BECK sondern jede Menge andere, noch deutlich jüngere Musiker der Faithfull zu Füßen, die auf die Frage, warum sie solche Ausstrahlung auf junge Musiker hätte, ein wenig ironisch damit beantwortete, dass sie eben „die besten Geschichten“ zu erzählen habe. Geschichten eben auch voller erotischer Anziehungskraft (die sich nicht nur aufs Küssen beschränkt), die es hier zu hören gibt, die sich beispielsweise aber auch um die ebenfalls exzentrische Musikerin NICO (ausgelöst durch eine Nico-Biografie, welche die Faithfull kurz zuvor gelesen hatte) drehen…

...oder um die Faithfull selbst, wenn sie in „Like Being Born“ über die Beziehung zu ihren Eltern singt, um ganz am Ende des Albums zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass sie im Inneren einfach nur gut ist. Das nehmen wir und die beteiligten Musiker ihr nur zu gerne ab, egal wie viele größtenteils erotisch-leidenschaftliche Provokationen das Album auch enthält.

MARIANNE FAITHFULL beschrieb ihr Album letzten Endes als ein Werk rund um das Leben und die Freude, bei dem leider aber ihr erster Wunschkandidat für ihren hymnischen Song „I'm On Fire“ nicht mitwirkte: BRIAN WILSON von den BEACH BOYS. Vielleicht war er einfach nicht ganz so feurig drauf, dieser außergewöhnliche Musiker, bei dem man nie genau wusste, ob er gerade mehr Richtung Genie oder doch Wahnsinn tendierte. So bestimmen eben die Synthies diesen romantischen Song noch mehr – aber auch das hätte Mr. Wilson sicherlich gut gefallen.
Oder doch nicht?
Denn „Kissin Time“ ist außergewöhnlich modern ausgefallen. Ganz offensichtlich spielt die moderne Technik und elektronische Klangerzeuger ein bedeutendere Rolle als handwerkliche Musizierkunst. Aber wenn BECK und COCKER und 'Kürbiskopf' CORGAN unmittelbar Hand anlegen, ist dies auch zu erwarten. Ob solche Musik auch immer zu der doch mitunter etwas angeschlagen klingenden Faithfull-Stimme passt, ist durchaus fraglich.

Kurios war zudem, dass sich unmittelbar vor den Aufnahmen noch ein Unglück ereignete, welches die Musikerin, die sich ihre Schulter brach, nicht etwa zurückwarf, sondern ernsthaft zusätzlich inspirierte. Sie selber meinte, nachdem das Album im Kasten war, dazu: „Ich hatte mein Leben vor Augen und merkte, dass ich ohne Schuld oder Scham auschecken konnte, aber stattdessen drehte ich mich in der Luft und landete auf meiner Schulter... Es war interessant zu lernen, dass ich wirklich leben wollte, und das hatte einen großen Einfluss auf die Platte.“
Genau – ab sofort wird die vom Leben so gebeutelte wohl nur noch auf elektronische Hilfsgeräte zurückgreifen, wie sie es in punkto „Kissin Time“ bei den musikalischen bereits tat.

Im Rahmen dieser Review holte der Kritiker mal wieder seinen Konzertmitschnitt ihrer 2014er-Europa-Tour hervor, der neben ihrem Londoner Roundhouse-Auftritt auch den in Ungarn enthält, bei dem sie nicht wirklich gut bei Stimme ist. Allerdings spricht sie in diesem Konzert auch voller Begeisterung über ihre Zusammenarbeit mit dem PULP-Kopf JARVIS COCKER, der übrigens auch als Songwriter für NANCY SINATRA und CHARLOTTE GAINSBOURGH aktiv ist – da passt eine Faithfull wirklich allerbestens mit rein.

FAZIT: Wenn die Tränen versiegen dann bleibt nur noch die „Kissin Time“. Jedenfalls anno 2002 für die damals 60-jährige MARIANNE FAITHFULL, die zwar auf ihrem äußerst modern und technisch klingenden Album nicht mehr auf die ROLLING STONES, sondern auf die jüngere Generation wie JARVIS COCKER, BECK und BILLY CORGAN zurückgreifen konnte. Wirklichen Erfolg hatte sie damit zwar nicht, aber endlich werden alle, welche die Mick-Jagger-Muse mögen, erfreut zur Kenntnis nehmen, dass es dieses Album erstmals auch auf Vinyl gibt und sich garantiert in der LP-Sammlung neben „Broken English“ sehr gut ausmacht.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 1197x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
[Schliessen]
Kommentar schreiben
Tracklist:
  • Seite A (22:05):
  • Sex with Strangers (feat. Beck) (4:21)
  • The Pleasure Song (4:15)
  • Like Being Born (feat. Beck) (3:51)
  • I'm On Fire (feat. Billy Corgan) (5:11)
  • Wherever I Go (feat. Billy Corgan) (4:27)
  • Seite B (25:47):
  • Song for Nico (feat. Dave Stewart) (3:59)
  • Sliding Through Life On Charm (feat. Jarvis Cocker) (4:00)
  • Love & Money (2:17)
  • Nobody's Fault (feat. Beck) (6:28)
  • Kissin Time (feat. Blur) (5:39)
  • Something Good (feat. Billy Corgan) (3:24)

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
Benachrichtige mich per Mail bei weiteren Kommentaren zu diesem Album.
Deine Mailadresse
(optional)

Hinweis: Diese Adresse wird nur für Benachrichtigungen bei neuen Kommentaren zu diesem Album benutzt. Sie wird nicht an Dritte weitergegeben und nicht veröffentlicht. Dieser Service ist jederzeit abbestellbar.

Captcha-Frage Vervollständige: Wer anderen eine ___ gräbt, fällt selbst hinein.

Grob persönlich beleidigende Kommentare werden gelöscht!