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Nadine Maria Schmidt: Die Kinder an unseren Händen (Review)

Artist:

Nadine Maria Schmidt

Nadine Maria Schmidt: Die Kinder an unseren Händen
Album:

Die Kinder an unseren Händen

Medium: CD
Stil:

Poetische Lieder, Liedermacherin

Label: Eigenproduktion
Spieldauer: 62:46
Erschienen: 02.06.2023
Website: [Link]

„Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe...“ (Zitat von Astrid Lindgren, das im Booklet zu dieser CD von NADINE MARIA SCHMIDT eine zentrale Rolle einnimmt!)

Wer in der DDR großgeworden ist, der denkt oft, wenn er in der Musik das Wort „Kinder“ hört, sofort an ein dort verbotenes Lied, das den ganzen Irrsinn einer Diktatur offensichtlich machte. Es war von BETTINA WEGNER und begann mit der Zeile: „Sind so kleine Hände...“, um am Ende mit der 'konterrevolutionären' Feststellung zu enden: „Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel“.
Unzweifelhaft kommen einem genau diese Gedanken wieder in den Sinn, wenn man das sehr emotionale und poetisch schwer beeindruckende sowie richtig gut gestaltete Album „Die Kinder an unseren Händen“ von NADINE MARIA SCHMIDT hört und die bewegenden Texte im 24-seitigen Booklet mitliest, die man ohne Scham als vertonte Gedichte bezeichnen kann, welche sogar ohne Musik eine tiefe Wirkung auf den Leser hinterlassen, wenn man solche Zeilen wie: „Mutter sagt: Die Menschen sie müssten, die Menschen mehr lieben als die Dinge...“ (aus „Aleyna – Kinder von Idomeni“) oder „Sie haben gesagt du wirst es schaffen, doch gesund wirst du nicht mehr. Doch du lachst, Du lachst jeden Tag so sehr.“ („Blauer Mond“), liest und hört.

Unter ihrer Homepage weist die Musikerin, die völlig autodidaktisch zur Musik kam, darauf hin, dass ihr tatsächlich ärztlich die Diagnose gestellt wurde, „anatomisch nicht für den Gesang geeignet“ zu sein. Ja, es gibt wohl auch extrem unmusikalische Ärzte. Als Beweis für diese komplette Fehldiagnose braucht man nur „Die Kinder an unseren Händen“ der 1980 in Thüringen geborenen und der Kleinstadt Elsterberg im Vogtland aufgewachsenen Musikerin zu hören, deren recht tiefe und klar akzentuierte Stimme im Jazz ähnlich wie im Chanson oder im Liedermacher- und Pop-Bereich bestens funktioniert, selbst wenn sie in gewissen Momenten etwas brüchig wirkt. Oder um es mit der 'Süddeutschen Zeitung' auszudrücken: „Sie ist anders. […] An ihrer Stimme kommt man nicht vorbei.“

Bei diesen Texten und dem Gesang kommt einem immer wieder aus aktueller Sicht eine ALIN COEN (deren Qualität N.M. Schmidt allerdings nicht erreicht) in den Sinn, die ähnlich bewegende deutschsprachige Songs zu schreiben und zu singen versteht. Ansonsten ist da nicht viel mehr, das sich auf diesem hohen Liedermacherinnen-Niveau in punkto Musik und Text bewegt.

Oftmals erscheinen die Texte, welche sich nicht nur zwischenmenschlichen, sondern auch historischen Themen – immer unter dem Gesichtspunkt eines in dieser Zeit lebenden Menschen – und immer wieder schmerzvollen Verlusten widmen, wie kleine Geschichten konzipiert. Geschichten voller Traurigkeit und Melancholie, aber auch voller Hoffnung, wenn die Liedermacherin beispielsweise über das „Glück“ nachdenkt und singt.

Betont werden die Texte zusätzlich durch eine Musik, die auf die ruhigen, verhaltenen Zwischentöne und viel Streicher sowie Bläser setzt. Auf die Dauer hat das allerdings zur Folge, dass zwar die Texte ihre Betonung erhalten, die Musik sich manchmal aber in einer gewissen (oft melancholischen) Eintönigkeit erschöpft.

Aber die textende Musikerin kann auch extrem laut ausbrechen, wenn es die Schrecken eines Textes fast zwanghaft zu betonen gilt wie „Ich bin der Krieg“. Das sind dann aus musikalischer Sicht die rockigen Knackpunkte – die allerdings auch in diesem Falle besonders das Hervorheben der Textinhalte als Ziel verfolgen: „Ich bin der Krieg und ich bin alt. Bin von hagerer Gestalt. Ich sitze überall da, wo nichts ist und vieles war… Vernichte Deine Feinde und ich bin längst nicht fort. Denn Du bist mein Schlachtfeld, Du bist mein Heimatort. Aber wenn da Liebe ist...“, dann dürfen wir für uns gerne fortsetzen: „Dann ist jeder Krieg vorbei!“

NADINE MARIA SCHMIDT vergleicht ihre Musik selber mit dem Malen eines Bildes, womit sie genau richtig liegt. Sie vollendet ihre Lieder und lässt ihre Musiker zu ihren Texten die Klänge 'malen'. Am Ende bleibt ein musikalisches Bild, ein klingendes Kunstwerk, das man hört bzw. sieht, sich dauerhaft, aber nicht immer wieder anschaut, weil die wahre Wirkung besonders von der ersten Begegnung ausgeht. Hier geht es hauptsächlich um emotionale Tiefe und so einige Schwere – oder wie die Musikerin es selber ausdrückt: „Ja, ich weiß: Ein schweres Album. Aber irgendjemand muss auch diese Lieder schreiben. Ich kann nicht anders. Ich muss einfach.“

FAZIT: Schon der Titel „Die Kinder an unseren Händen“ verrät viel über die Absicht hinter den poetischen, anspruchsvollen Texten und der oft von Streichern dominierten melancholischen Musik von NADINE MARIA SCHMIDT. Im lyrisch-moralischen Geiste einer BETTINA WEGNER oder ALIN COEN und der musikalischen Hinwendung zu mitunter klassisch anmutenden, vom Cellisten CHRISTOPH SCHENKER geprägten Singer/Songwriter-Arrangements voller Streicher und Bläser gelingt es der Thüringer Musikerin, mit eindrucksvoller Stimme ihre bewegenden Lieder zu präsentieren.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 1448x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 11 von 15 Punkten [?]
11 Punkte
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Tracklist:
  • Schwalben (04:34)
  • Mein Kleid aus Federn (04:15)
  • Buschwindröschen (03:50)
  • Solang ich Dich male (02:38)
  • Selma (05:15)
  • Karl & die Wildvögel (03:29)
  • Hannah (DDR 1980) (03:35)
  • Pozellan (03:05)
  • Ich bin der Krieg (03:30)
  • Aleyna - Kinder von Idomeni (03:24)
  • Eispferde vom Ladogasee (05:47)
  • Blauer Mond (02:54)
  • Träumer (05:04)
  • Wer leben darf (02:55)
  • Glück (04:26)
  • Wer zählt unsere Tränen (04:05)

Besetzung:

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