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The Underground Youth: Nostalgia's Glass (Review)

Artist:

The Underground Youth

The Underground Youth: Nostalgia's Glass
Album:

Nostalgia's Glass

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Post Punk, Psychedelic, Doom

Label: Fuzz Club Records
Spieldauer: 35:12
Erschienen: 18.08.2023
Website: [Link]

Wo lebt eigentlich heutzutage die Untergrund-Jugend, wenn sie zu den Spezies der Musikanten zählt?
Eine Spezies natürlich, die im Untergrund immer mit einer gehörigen Portion Punk-Appeal, aber auch gedank- und musikalischer Düsternis daherkommen, der dem Untergrund eine Stimme und einen knackigen, aber zugleich verstörenden Ausdruck verleiht, die/der nicht ungehört verstummen dürfen/können.

Oh ja, THE UNDERGROUND YOUTH leben in Berlin, sind aber bei weitem keine Berliner, sondern kommen aus dem britischen Untergrund, wo schließlich der Punk auch seine Wurzeln hat: Manchester!
Und diese in Berlin lebenden Manchesteraner, die sich zwischenzeitlich sogar St. Petersburg (nach Moskau die zweitgrößte Stadt Russlands) als ihren kurzzeitigen Wohnsitz auserkoren hatten, erheben auf ihrem bereits 11. Album ihr Glas auf die Nostalgie – eine gute Idee, denn aus musikalischer Sicht wissen wir schließlich längst, dass die musikalische Vergangenheit größtenteils besser klingt als das, was uns in der Mainstream-Radio-versifften Gegenwart geboten wird und uns unter diesem medialen Aspekt nicht gerade optimistisch in die Zukunft blicken lässt. Auch werden alle, die noch gerne in Erinnerungen an die frühen Zeiten von THE SISTERS OF MERCY schwelgen, bei THE UNDERGROUND YOUTH noch ein bisschen genauer und dann sicher ziemlich verblüfft hinhören und dabei zur Erkenntnis kommen: „I Thought I Understood“!

Natürlich wären THE UNDERGROUND YOUTH keine punkigen Zweckpessimisten mit Hang zum Dunkelklang, wenn nicht gerade der Titelsong des Albums eine böse Anklage anstatt einer Hoffnung mit Blick in die Vergangenheit enthielte: „Take a hit from Nostalgia's Glass / The decadence of the past / The intoxication you've coveted / At long last“. All das erscheint dann auch nur noch verdreckt und zerstört und beklemmend – und schon will man sein anfangs noch oberflächlich zum Toast erhobenes Glass sofort an die Wand schleudern und in tausende von Glasstücken zersplittern sehen.

Allerdings…
...im Sinne der Post-Punk-Doomer aus Manchester mit Wohnsitz in Berlin hört sich dieser textliche Frustrationserguss richtig gut und verlockend an und stimmt einen auf ein Gefühl und die damit verbundene Musik ein, der man sich, sowie die tansparent-blaufarb-vinylige LP auf dem Plattenteller rotiert, kaum entziehen kann, wenn man noch immer im tiefsten Herzen ein wenig der Punk- und Pyche-Revoluzzer geblieben ist. Denn bereits der bitterdunkle Album-Opener, in dem wir „Émilie“ kennenlernen, die inmitten von Rosen gebettet ist und als 'göttliches Opiat' erscheint, lädt uns nicht nur dazu ein, dieser LP leidenschaftlich zu folgen, sondern sie auch nach und nach zu lieben – so wie „Émilie“ eben, die berauscht ebenso zerbrechlich erscheint, wie es ein SYD BARRETT war, bevor ihn PINK FLOYD im Stich und im Drogensumpf zurück ließen. Tatsächlich kommt einem dieses wahn-bedrogte Musik-Genie mit seiner fragilen Musik und den extrem eigenartigen Texten immer mal wieder in den Sinn, wenn man den 35 Minuten von „Nostalgia's Glass“ andächtig (und bitte unberauscht) lauscht. Denn der Rausch ergibt sich aus der Musik von THE UNDERGROUND YOUTH und nicht aus irgendwelchen 'Lustigmachern', die man zwingend dazu einnehmen sollte. Drogen sind jedenfalls Scheiße, „Nostalgia's Glass“ aber das Gegenteil von diesem braunen Enddarmprodukt.

Darum stellt Craig Dyer, der nur noch wenig behaarte Kopf hinter der Band, auch fest, dass man dieses Album als eine Art Rückblick auf den gesamten Musikkatalog der vor genau 15 Jahren gegründeten Band verstehen sollte, in dessen dunkler Ästhetik mehr die negativen als positiven Erinnerungen an vergangene Zeiten wiederaufleben sollen.

Aber dass der Untergrund auch richtig krachen kann, beweisen THE UNDERGROUND YOUTH – die bei diesem Bandnamen ganz offensichtlich auch den Alternative-Noise-Rockern THE SONIC YOUTH nacheifern – dann auf „Finite As It Is“, schicken dann gleich einen flottes „Another Country“ mit psychedelischem Folk-Pop-Country-Appeal hinterher, um dann mit „Frame Of Obsession“ so finster zu werden, dass der Hörer beinahe das Gefühl hat, er würde inmitten eines Friedhofs gerade sein eigenes Grab ausheben, während sein Herz dabei immer lauter und lauter klopft: „I can feel your heart beating / I can sense your doubt / These lips that sing in secret / The private songs you're lost without“. Und mit dem weiblichen Duett-Gesang lässt auch noch auf kongeniale Weise eine NICO grüßen. Was für ein (düster-bedrohlicher) Song!

Danach traut man sich nur noch ängstlich an seinen Plattenspieler, um die LP-Seite zu wechseln, die dann mit einer „Interlude“ eröffnet wird, welche man so wohl nicht erwartet hätte: Ein dunkles Klavier, soundtechnisch aufgenommen, als hätte man es von einer Grammophon-Aufnahme (also der Plattenspieler mit Schalltrichter, den man damals – besonders in den 1930er-Jahren – mit einer Kurbel anwerfen musste) übertragen, während am Ende im Hintergrund ein Baby brabbelt und eine Tür zugeschlagen wird. Jetzt kommt einem neben dem längst verstorbenen Mr. Barrett auch noch der so oft vom Schicksal gebeutelte NICK CAVE in den Sinn, wenn nach dieser seltsamen Einführung der rundum melancholische Titeltrack angestimmt wird. Eine Art „Into Your Arms“ aus THE UNDERGROUND YOUTH-Sicht – und genau diese Stimmung dominiert dann auch die fast komplette LP-B-Seite, so als hätte jemand nachts den Lichtschalter umgelegt und mit einem Schlag tritt eine schwere, mitunter erdrückende Finsternis ein, oder wie in „The Allure Of The Light“ besungen: „Substracting fear and anxiety / Isn't as awfully easy at night / Not as it can be in the day...“
Danach verbreitet das „Omsk Lullaby“ noch einmal jede Menge Angst, indem in diesem Schlaflied die Zeile „All that fear“ mehrfach wiederholt wird, um mit dem „Epilogue“ – ganz ähnlich wie beim Interlude mit 'Grammophon'-Klavier gestaltet – das endgültige Ende einzuleiten. Und so oft darin auch das „Up And Down“ besungen wird, nach so viel schauriger Grundstimmung ist man tatsächlich dem 'Down' deutlich näher.

Klingt vielleicht so wie THE UNDERGROUND YOUTH die musikalische Apokalypse?
Durchaus – und zwar textlich wie musikalisch grandios umgesetzt.
Der ideale Soundtrack für eine Friede-Freude-Eierkuchen-Generation, welche den Blick in ihre eigenen Abgründe verloren oder zumindest verdrängt hat. Hier kommt euer klangvolles schlechtes Gewissen, das man mit einem Zug aus seinem „Nostalgia's Glass“ leeren sollte.

Für die einen ein grandioser Endzeit-Musik-Thriller, für die Anderen die totale Offenbarung ihrer versteckten Depressionen.
Zum Glück gehört der Kritiker nicht zur zweiten Kategorie, weshalb er ziemlich begeistert von dem ist, was einem in diesem „Nostalgia's Glass“ angeboten wird: So dunkel wie ein Espresso, aber so wirkungsvoll wie ein jahrzentelang in einem Holzfass angesetzter Whiskey. Und ein Song wie „Another Country“ ist dazu genau der genussvolle Begleiter, der Ohren und Seele umschmeichelt und dann eben doch den Hammer hinterm Rücken vorholt…

FAZIT: Wenn THE UNDERGROUND YOUTH in Erinnerungen an die vergangenen 10 Alben sowie 4 EP's und die 15 Jahre Bandgeschichte schwelgen, dann darf es gerne bitterböse und auch mal todtraurig werden und die Bedeutung hinter „Nostalgia's Glass“ mehr von der unangenehmeren und bedrückenderen Seite betrachtet werden – oder um es in den eigenen Worten des Bandkopfs und Multiinstrumentalisten Craig Dyer auszudrücken: „Ziel war es, eine Sammlung von Songs zu schaffen, die unserem Backkatalog huldigen und versuchen, nicht nur die positiven, sondern auch die negativen Elemente der Nostalgie zu sezieren, vor allem die Romantisierung der Vergangenheit - sei es die Politik eines Landes, das kontroverse Vermächtnis von Film- und Musik-Ikonen oder die sentimentale Idealisierung längst vergangener toxischer Beziehungen.“ Wer sich also nicht nur dauerhaft auf der 'Sunny Side Of The Street' bewegt, sondern gerne auch mal tief in die versteckten Abgründe der menschlichen und musikalischen Seelen blickt, der ist bei „Nostalgia's Glass“ der britischen Post-Punk-Psyche-Band mit Wohnsitz in Berlin bestens aufgehoben. Einem SYD BARRETT hätte dieser nostalgische Schluck aus dem musikalisch-psychedelischen Giftkelch sicher sehr gemundet.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 819x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • Seite A (18:10):
  • Émilie (4:00)
  • I Thought I Understood (4:15)
  • Finite As It Is (3:00)
  • Another Country (2:39)
  • Frame Of Obsession (4:16)
  • Seite B (17:02):
  • Interlude (1:40)
  • Nostalgia's Glass (3:11)
  • The Allure Of The Light (4:13)
  • Omsk Lullaby (3:40)
  • Epilogue (4:18)

Besetzung:

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