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Steamhammer: Live (Review)

Artist:

Steamhammer

Steamhammer: Live
Album:

Live

Medium: 4CD+DVD
Stil:

Progressive Blues-Rock

Label: Repertoire Records
Spieldauer: CDs – 255:57 / DVD – 65:54
Erschienen: 27.10.2023
Website: [Link]

Wer STEAMHAMMER, die von 1968 bis 1974 extrem aktive britische Rockband hört, verfällt sicher bei solch einem Bandnamen zuerst dem Irrtum, Musik zwischen Hardrock und dem damals sich Bahn brechenden Metal zu vermuten.
Ein Irrtum!
Denn STEAMHAMMERs Dampfwumme kracht offensichtlich Richtung Progressive- und Blues-Rock, oder wie es unter ihrer anschaulichen und sehr informativen Homepage nachzulesen ist: „Die Ursprünge von STEAMHAMMER begannen mit dem Blues. Wie viele ihrer Kollegen experimentierten sie bald mit Instrumentalpassagen, introspektiven Texten und Ultraschallgitarreneffekten sowie mit Folk-, Jazz- und klassischen Einflüssen.“

Und mit dieser gigantischen 4-CD+DVD-Box aus dem Hause Repertoire Records darf man so umfangreich wie noch nie genau diese Aussage nachhören und bestätigt finden. Allerdings ausschließlich im Rahmen von gesammelten Live-Aufnahmen der Jahre 1969 – 1972.
Welch ein Glücksgriff für alle, die entweder bereits große Liebhaber der erstklassigen britischen Band sind oder, wenn sie diese erstmals kennenlernen, garantiert werden, denn das, was STEAMHAMMER musikalisch zu bieten haben, sprengt wirklich viele Grenzen und präsentiert genau die Faszination von Rockmusik, welche den progressiven und experimentierfreudigen Sechziger- und Siebziger-Jahren innewohnte und in dieser Form wohl bis heute einmalig blieb (und leider wohl auch bleiben wird).

„Live“ erscheint als ein fetter Schuber mit zwei Jewelcases – im ersten sind drei CDs samt einem großartigen 24 Seiten starkem Booklet enthalten, im zweiten eine weitere CD sowie die DVD und wiederum ein großartiges, ebenfalls 24 Seiten umfassendes zweites Booklet, das sehr umfangreich in Fortsetzungen die gesamte STEAMHAMMER-Geschichte (be)schreibt und mit vielen Fotos illustriert.
Diese historischen Live-Aufnahmen spiegeln genau das wider, was ihr Gitarrist Martin Pugh konsequent mit folgenden Worten auf den Punkt bringt: „Die Band live zu hören, bedeutet, das wahre Epizentrum dessen zu hören, wo wir herkamen.“

Hinzufügen sollte man darum hierbei noch, dass gerade live auch ihr 1972 an Leukämie verstorbener Schlagzeuger Mick Bradley jede Menge Raum für mitunter ellenlange Schlagzeug-Soli der Extraklasse erhält. STEAMHAMMER wussten also voll und ganz zu schätzen, was dieser Bradley da hinter den Fellen abzieht und es kommen unweigerlich auch schnell Erinnerungen an den Schlagzeug-Giganten aus dem Luftraum von LED ZEPPELIN, John Bonham, auf.
Unter diesem Aspekt erscheint es fast wie ein Witz, dass der so früh verstorbene Bradley nicht in der Liste des 'Rolling Stone' mit den besten 100 Schlagzeugern auftaucht. Spätestens beim Nachhören und Betrachten (DVD mit Beat-Club- und anderen Live- sowie Fernseh-Aufnahmen) dieser so schlicht als „Live“ betitelten 4-CD+DVD-Box sollte diese marktführende Rockzeitschrift ihre Wahl noch einmal überdenken.

Ein paar Audio-Aufnahmen sind allerdings unüberhörbar vom dumpfen Zahn der Zeit angenagt und bewegen sich vom Klang her nur auf gutem bis mittelmäßigem Bootleg-Niveau, dafür aber ist die Entscheidung, diese der Vollständigkeit halber mit auf den vier CDs zu bannen, genau die richtige, was auch daran liegt, dass bei STEAMHAMMER auf der Bühne eben immer echt die Post abgeht und man auch das eine oder andere bereits erwähnte Schlagzeug-Solo (Von denen sich über die vier CDs hin jede Menge summieren!) nicht missen möchte, nur weil der Sound nicht den modernen bzw. heutigen Standards entspricht. Am besten man ruft sich einfach in diesem Falle noch einmal ins Gedächtnis, dass wir im Rahmen dieser Box eben Live-Mitschnitte zu hören bekommen, die schon über ein halbes Jahrhundert auf ihrem Musik-Buckel haben.

Bei der hochwertigen musikalischen Qualität der Konzerte ist es natürlich schwer, ganz besondere Momente hervorzuheben – denn jeder Auftritt spricht für sich, aber ein paar unvergleichliche Momente gibt es dann doch. Besonders grandios ist in dieser Hinsicht beispielsweise die wilde Saxophon- und Flöten-Jam-Session auf „Riding On The L&N“ im Frankfurter Volksbildungsheim am 22. November 1969, bei der sich ein Steve Jolliffe außergewöhnlich hervortut.
Vielleicht läuten in diesem Moment sogar bei allen Fans von TANGERINE DREAM alle Alarmglocken und es bohrt die Frage in ihnen: „War das nicht…?“
Ganz genau!
Steve Jolliffe – nennen wir ihn mal einen sehr seltsamen, aber musikalisch unglaublich innovativen und wilden Zeitgenossen – war maßgeblich an einem der wohl ungewöhnlichsten TANGERINE DREAM-Alben, „Cyclone“ (1978), beteiligt und zudem sogar (Was sicher viele nicht wissen!) in den Anfangstagen der TD-Entstehung mit dabei…

...als diese in der Besetzung Edgar Froese, Klaus Schulze und eben Steve Jolliffe durch Deutschland tourten. Zur erneuten Zusammenarbeit kam es, weil Froese nach dem überraschenden Tod von Peter Baumann verzweifelt einen neuen Mitstreiter für TD suchte, wozu Jolliffe unter seiner Homepage erzählt: „Edgar fragt mich am Telefon, ob ich TD wieder beitreten möchte und da ich eigentlich nichts Besseres zu tun und außerdem meine Angst vor der Elektronik größtenteils überwunden hatte, stimmte ich zu. […] Es machte mir große Freude, auf dem Album zu spielen und es aufzunehmen und bis zu einem gewissen Grad habe ich es auch genossen, mit der Band auf Tour zu gehen, um 'Cyclone' zu promoten. Das war zwar ein großer Erfolg, aber es gab so viele Einschränkungen, was ich durfte und was ich nicht durfte, sodass ich mich ein wenig klaustrophobisch fühlte. Auch spürte ich, dass TD bis zu einem gewissen Grad den Willen zum Experimentieren verloren hatte – oder anders ausgedrückt: Ein Teil des ursprünglichen Feuers, an das ich mich so gut erinnerte, fehlte definitiv.“

Genau das Feuer eben, welches Jolliffe gemeinsam mit STEAMHAMMER auf der Bühne frei improvisierend wieder und wieder entfachen durfte und das es auf der „Live“-Box als riesigen Flächenbrand zu bewundern gibt, wovon eben „Riding On The L&N“ im Frankfurter Volksbildungsheim am 22. November 1969 das absolute Highlight ist.

Aber es schleichen sich bei STEAMHAMMER live zudem immer wieder so einige offensichtliche LED ZEPPELIN-Momente genauso ein, wie auch die Tore zu den heiligen universalen Hallen des Space-Rocks geöffnet werden und einem der HAWKWIND gehörig um die Ohren bläst, während man wiederum beim „Autumn Song“ unzweifelhaft den Eindruck gewinnt, hier würden wir es mit einem verschollenen kleinen Meisterstück von JETHRO TULL zu tun bekommen.
STEAMHAMMER wohnt tatsächlich genau die Aura inne, die man wieder und wieder auf den frühen Kultplatten seiner alten Helden zu hören bekommt. Und das kann man einfach nicht hoch genug schätzen – Soundqualität hin oder her!

Nach dem überraschenden Tod von Stammschlagzeuger Mick Bradley springt an den Fellen John Lingwood beim 'Live At The Marquee'-Konzert am 13. Juli 1972 (komplett auf der vierten Audio-CD zu hören) ein. Und kurz danach geht es leider auch schon mit STEAMHAMMER zu Ende.
Was bleibt?
Das waren bisher die insgesamt vier LPs plus drei Singles und urplötzlich diese grandiose 4-CD+DVD-Box „Live“.

Als absoluter Glücksgriff und das Highlight dieser Box erweist sich die DVD mit den raren Live-Aufnahmen, die noch dazu in einer sehr guten, tatsächlich bestechenden Bild- und (Mono-)Ton-Qualität daherkommen und zum Hochgenuss werden, wenn man nur die kristallklaren (manchmal etwas verwackelten) Live-Aufnahmen aus den 60er- und 70er-Jahren bewundern darf.
Endlich gibt es tatsächlich alle vier beim 'Beat Club' aufgeführten Songs zu bewundern, wobei natürlich auch der STEAMHAMMER-Erfolgssong der damaligen Zeit, „Junior's Wailing“, zur Aufführung kommt, genauso wie die volle Packung Jolliffe-Geflöte im IAN ANDERSON-Tull-Stil dargeboten auf „When All Your Friends Are Gone“. Natürlich darf bei den Live-Aufnahmen aus Kopenhagen dann auch noch ein ausgiebiges Schlagzeug-Solo genossen werden. Eine wahre Messe!

FAZIT: Nach mehreren produktionstechnischen Verzögerungen, die wohl auch der nicht immer optimalen Klang-Qualität der Audio-CDs geschuldet waren, ist sie nun endlich da, die 4CD+DVD-Box von STEAMHAMMER, die 4 Stunden bisher ungehörtes und unveröffentlichtes Material von 1969-1972 der legendären britischen Progressive-Blues-Rock-Band präsentiert, wie u.a. die Songs aller Auftritte im Beat Club 1969 und 1970 in Ton und Bild oder von den Live-Shows in Frankfurt, Köln und 1971 in Mannheim sowie vom Londoner Marquee Club im Juli 1972. Die Songs wurden von Eroc aufbereitet und remastert - eine schwere Angelegenheit, die auf der DVD absolut überzeugend verwirklicht werden konnte, während bei den Audio-Aufnahmen der vier CDs oft der hohe Wert des eingefangenen Auftritts höher als die Klangqualität wiegt.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 2573x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Tracklist:
  • CD 1 = Live on TV & in Essen = (63:50)
  • = Live at Beat-Club30 August 1969 =
  • 1 Junior’s Wailing
  • 2 When All Your Friends Are Gone
  • = 31 December 1969 =
  • 3 Louisiana Blues
  • = 15 August 1970 =
  • 4 I Wouldn’t Have Thought
  • = Live at the International Essen Pop & Blues =
  • Festival 10 October 1969
  • 5 Supposed To Be Free
  • 6 When All Your Friends Are Gone
  • 7 Tuning Intermission
  • 8 Riding On The L&N
  • 9 Hold That Train
  • 10 Tuning Intermission
  • 11 Junior’s Wailing
  • = Live at Variétés 31 December 1969 =
  • 12 Autumn Song
  • CD 2 = Live in Frankfurt & Cologne = (57:30)
  • = Live at Volksbildungsheim, Frankfurt, 22 November 1969 =
  • 1 Junior’s Wailing
  • 2 Riding On The L&N (+ Sax Jam)
  • = Live at Sporthalle, Cologne 3 April 1970 =
  • 3 Riding On The L&N
  • 4 Hold That Train
  • 5 Leaving In The Morning
  • CD 3 = Live in Mannheim & Copenhagen = (71:50)
  • = Live at Rheingoldhalle, Mannheim, 27 February 1971 =
  • 1 Instrumental Jam
  • 2 Walking Down The Road
  • 3 Riding On The L&N
  • 4 Hold That Train
  • = Live at Beat Festival, Copenhagen, 22 August 1970 =
  • 5 When All Your Friends Are Gone
  • 6 Riding On The L&N
  • CD 4 = Live at the Marquee = (63:47)
  • = Live at the Marquee, London 13 July 1972 =
  • 1 Introduction
  • 2 Penumbra
  • 3 Telegram (Nature’s Mischief)
  • 4 Ballad From A City
  • 5 Introduction
  • 6 Riding On The L&N
  • 7 Hold That Train
  • 8 Encore
  • 9 Junior’s Wailing
  • DVD (65:54)
  • = Live at Beat-Club, 30 August 1969 = (20:33)
  • 1 Junior’s Wailing
  • 2 When All Your Friends Are Gone
  • 31 December 1969
  • 3 Louisiana Blues
  • 4 I Wouldn’t Have Thought
  • = Hier und Heute – ZDF Germany 1969 = (3:55)
  • 5 TV news feature
  • = Beat mit Dreien = (8:14)
  • 6 Johnny Carl Morton
  • 7 Turn Around
  • = Live at Beat Festival, Copenhagen, 22 August 1970 = (29:05)
  • 8 When All Your Friends Are Gone
  • 9 Riding On The L&N
  • = Live at Variétés 1970 31 December 1969 = (4:07)
  • 10 Autumn Song

Besetzung:

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  • keine Interviews
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