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Crippled Black Phoenix: (Mankind) The Crafty Ape (Review)

Artist:

Crippled Black Phoenix

Crippled Black Phoenix: (Mankind) The Crafty Ape
Album:

(Mankind) The Crafty Ape

Medium: CD
Stil:

Post Progressive Folk Rock

Label: Cool Green / Mascot / Rough Trade
Spieldauer: CD 1: 52:10 / CD 2: 34:06
Erschienen: 27.01.2012
Website: [Link]

Bitte beachtet auch unser CRIPPLED BLACK PHOENIX Massen-Review unter den Kolumnen!

Wenn Alben bereits Monate vor der Veröffentlichung als kommende Meisterwerke lobgepreist werden, ist das meist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits steigt die Vorfreude, andererseits werden Erwartungshaltungen aufgebaut, die oft kaum zu erfüllen sind. Dass man geneigt ist, solche mit Vorschusslorbeeren bedachten Werke einer besonders kritischen Betrachtung zu unterziehen, kommt noch hinzu. "(Mankind) The Crafty Ape" ist so ein Album. Doppelalbum. Bereits im Herbst letzten Jahres erschienen die ersten Meldungen, dass das fünfte Album von CRIPPLED BLACK PHOENIX der bisherige Höhepunkt im Schaffen der Band sei. Geschickt (oder ungeschickt?) lanciert oder wussten Vorabhörer, wovon sie sprechen? Wie auch immer, jetzt ist der "Crafty Ape" da, Gelegenheit sich selbst ein Bild zu machen und nachzuschauen, bzw. zu hören, wie hoch die Lorbeeren hängen.

Sie hängen verdammt hoch, und um gleich zum Schluss zu kommen: Das können sie auch. Natürlich hängt ein Verdacht direkt daneben. Da veröffentlicht eine Band, die sich bisher durch ihren intelligenten Umgang mit der Geschichte PINK FlOYDs ausgezeichnet hat, ein Konzept-Doppelalbum: Ist hier ein neues "The Wall" am Start, Magnum Opus und Ende einer Ära zugleich (das spätere "The Final Cut", ein mehr oder weniger gelungener "The Wall"-Ableger und eigentlich die erste ROGER-WATERS-Soloscheibe lassen wir außen vor)?

Entwarnung: Ist es nicht. Zwar lenken die ersten martialischen Akkorde – kommt bekannt vor? Wäre möglich, doch wo waren bei "In The Flesh" die Computerstimme und die Bläser? - gleich den Verdacht in diese Richtung, doch dann, nach wenigen Sekunden: Pause, innehalten. Mehr "Mockingbird" unter Ritalin als ein Rennen wie die Hölle. So sind sie halt. Hauen dir die opulenten Melodien um die Ohren, laden sogar für Sekunden die fast vergessenen LE MYSTÉRE DES VOIX BULGARES ein, bauen Stimmungen auf, die geradezu nach Explosionen schreien und brechen dann ab. Oder spielen weiter. Immer weiter. Art-, Glam-, Blues-, Post- und sogar ein bisschen Folk-Rock wird zelebriert, gebrochen, wieder aufgenommen, weitergeführt, erlebt Steigerungen ins Unheimliche und Schöne, doch eins tut es nicht: Zerspringen in zerstörerischer Wucht.

Wenn man CRIPPLED BLACK PHOENIX etwas vorwerfen kann, dann dass sie so verdammt clever sind. Dass man ihnen zutraut, (Rock)musik als Fundus betrachten, den man nach Belieben ausschlachten kann. Und das hat nun mal den Ruch des Kalküls. Oder ist es doch nur Finesse oder die Kunst der wahren Besessenen mit scharfem Blick, die genau wissen, dass man das Fiese, Gemeine und möglicherweise Wahre viel besser unter die Hörerschaft bringen kann, wenn man es berauschend verpackt? Die Menschheit kollektiv als listige Affen zu betrachten, bzw. als schlaumeiernde Affen, und dies mit einer Musik zu verbinden, die Wehmut, Sehnsucht und Wahnsinn im Schatten eines Lagerfeuers von der ersten bis zur letzten Note ausstrahlt, ist große Kunst. Nicht die Kunst der Straße, sondern der philosophischen Sezierung.

Drei Kapitel: "Ein Faden", "Die Falle" und "The Blues Of Man". Die Wegpunkte zwischen "Wir sind Nicht(s)" und "Konfrontiert mit totalem Versagen, ist völlige Missachtung die einzige Antwort". CRIPPLED BLACK PHOENIX haben nichts weniger als die Menschheitsgeschichte im Blick. Der Blick eines hoffnungslosen Idealisten, der am Ende nur Entsetzen provoziert. Das aber wird klanglich und melodisch von geradezu gegensätzlicher Größe ad absurdum geführt. Ein dialektischer Diskurs, der weiß, dass die wahrhaft ausgekochten Affen beides beherrschen: Schönheit und Schrecken zugleich produzieren zu können.

"(Mankind) The Crafty Ape" trifft ins Nervzentrum eines überbordeneden Progressiv Rocks, der in der Wahl seiner Mittel zwischen Größe und Wahnsinn herumtobt. Doch CRIPPLED BLACK PHOENIX sind weder bibeltreue Heilsbringer noch esoterische JAsager zum Neuen Zeitalter von was auch immer. Sie pendeln zwischen möglichen ideellen Vorfahren Dante Alighieri, T.S. Eliot und Mark Twain, sehen sich das Treiben der Menschen kritisch an und wissen genau, dass es meist nur mit finsterem Humor zu ertragen ist. Was nicht nur die Songtitel zeigen. Huckleberry Finn als musikalischer Bombenleger…

… "This is the Blues I’m singing”: CRIPPLED BLACK PHOENIX können auch das. Und mit "Faced With Complete Failure, Utter Defiance Is The Only Response" endet die Menschheit in einem orgiastischen Finale. Das mit einem minutenlangen Rauschen, Knistern, Verkohlen ausklingt. Nicht mal mehr mit Gewimmer.

FAZIT: Ob "(Mankind) The Crafty Ape" ein Meisterwerk ist? Einfache Frage, einfache Antwort: Ja. Und schon gar kein Endpunkt. Sollten CRIPPLED BLACK PHOENIX nicht aus unerfindlichen Gründen auf die Idee kommen, sich aufzulösen, müssen wir uns keine Sorgen machen, was die musikalische Zukunft betrifft. Zwischen dem Geist PINK FLOYDs und all dem was Rock noch an Emotionen, dunklem Witz und Höllentripps, die nicht nach Death Metal klingen, zu bieten hat, spielt eine gewachsene Band ihr geschlossenstes Album ein; das durch eine Offenheit überzeugt, die diesmal nicht in Einzelteile zerfällt.

Ein völlig aus dem Ruder gelaufener Witz – den ich trotzdem und gerade deswegen sehr mag – wie das zuckerpoppige "Burning Bridges" (oder "wie mache ich mir eine Kriegskomödie rund") oder die aalglatte, und dadurch im Kontext umso verstörendere – Coverversion eines JOURNEY-Schmusehits kommt auf "(Mankind) The Crafty Ape" nicht mehr vor.

Was aus CRIPPLED BLACK PHOENIX geworden ist, kann man demnächst hierzulande Live erleben. "Da die Band ca. 2,5 Stunden spielen wird, beginnt das Konzert absolut pünktlich und ohne Vorband"! Das ist mal eine Ankündigung!

"(Mankind) The Crafty Ape" befestigt die Messlatte für meine Liga außergewöhnlicher Alben des Jahres 2012 bereits im ersten Monat in immenser Höhe.

PS: Dass es sich bei dem mehrfach kurz eingesetzten Hintergrundchor (bei weitem nicht nicht so offensiv wie beim Debüt von VAST) um die LE MYSTÉRE DES VOIX BULGARES (gesampelt) handelt, ist eine Vermutung. Genaue Infos lagen der Promo CD nämlich nicht bei, und im Netz ist auch nichts zu finden. Genauer gesagt: Es gab überhaupt KEINE Informationen zum Album. Nur ein Cover mit dem Tracklisting.

PPS: Sollte "Operation Mincemeat" (Google sagt: "Betrieb Hackfleisch") KEINE Parodie auf QUEENSRYCHEs "Operation Mindcrime" sein – der Titel ist trotzdem von montypythonesquer Größe.

Jochen König (Info) (Review 8023x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Wertung: 14 von 15 Punkten [?]
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Tracklist:
  • CD 1:
  • Chapter I – A Thread:
  • Nothing (We Are…)
  • The Heart Of Every Country
  • Get Down And Live With It
  • A Letter Concerning Dogheads
  • The Brain / Poznan
  • Chapter II – The Trap:
  • Laying Traps
  • Born In A Hurricane
  • Release The Clowns
  • (What?)
  • CD2
  • Chapter III – The Blues Of Man:
  • A Suggestion (Not A Very Nice One)
  • (Dig, Bury, Deny)
  • Operation Mincemeat
  • We Will Never Get Out This World Alive
  • Faced With Complete Failure, Utter Defiance Is The Only Response

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
Kommentare
Mirko
gepostet am: 23.01.2012

User-Wertung:
9 Punkte

Das neue Werk der Briten wird live vermutlich sehr gut funktionieren, von Konserve ist es für mich ein Rückschritt zu den beiden überragenden Vorgängern. Halbwegs zustimmen kann ich daher auch nur Lutz' Rezension. Dieser gefühlte emotionale Tritt in die Magengrube bleibt hier komplett aus. Bei "I, Vigilante" hat man auf Play gedrückt und war verloren. Ich habe die Scheibe jetzt 6 oder 7 Mal gehört; es bleibt viel zu wenig hängen. Schade.
Mirko
gepostet am: 23.01.2012

Die Floydschen Vergleiche kann ich übrigens auch nicht mehr lesen. Natürlich zitieren die Jungs immer wieder Elemente der Großmeister, aber auf Songebene stoßen sie nicht ansatzweise in deren Sphären vor.
Sascha G. [musikreviews.de]
gepostet am: 24.01.2012

Hm, findest du? Ich hab Pink Floyd in meiner Rezension zwar jetzt nicht erwähnt, würde dem Jochen da aber keinen Strick draus drehen, dass er es gemacht hat. Im Gegenteil würde ich sogar sagen, dass CBP zu den sehr Wenigen gehören, die wirklich die Pink-Floyd-Oberfläche durchdringen können und auch auf tieferer Ebene Parallelen knüpfen (ob sie ihnen dort dann das Wasser reichen, ist dann wieder eine andere Frage).
Jochen [musikreviews.de]
gepostet am: 24.01.2012

CBP sind alles andere als Pink Floyd-Klone oder Epigonen. Aber sie zitieren die Band ziemlich eindeutig, mal mehr, mal weniger. Sie tun das, wie ich finde, intelligent, passend und mit viel Witz. Um eine Erwähnung kommt man deshalb kaum herum. Wäre aber schade, wenn das dazu führen würde, CBP alleinig in diese (Progressive)-Rock-Traditionsecke stellen zu wollen. Bei mir blieb von Anfang an viel hängen. Was die Songsphären angeht (deren Tiefe und längerfristige Verweildauer man vielerorts Pink Floyd, zu Entstehungszeit gerade der Mittsiebziger Alben, auch nicht zugestanden hat), warten wir gelassen ab, was die nähere Zukunft bringt.
Mirko
gepostet am: 25.01.2012

Klar haben PF ihren musikalischen Status auch erst im Nachhinein verliehen bekommen, aber wenn man das Floyd Universum im Schlaf vorbeten kann, sollte man sich auch ein Urteil über Zitate und Nachfolgebands erlauben dürfen. Meiner Meinung nach waren CBP mit dem Vorgänger viel näher an PF, als mit vorliegenden Werk. Und bei diesem wusste ich das schon nach zwei Durchläufen, hier stellt sich das Gefühl nur zeitweise ein. Und ich kann den Songs auch ansonsten nicht besonders viel abgewinnen. Die Band muss sich an schon Geleistetem messen lassen und geht baden. Das die Meinungen bei derart komplexer Musik weit auseinander gehen, ist ganz normal.
Jochen [musikreviews.de]
gepostet am: 26.01.2012

Wäre sonst ja auch langweilig. Ich sehe es - nachzulesen im Review - ganz anders als du, Mirko. Mich packen die Songs auf "Mankind..." durch die Bank, und ich finde dass CBP ihre wohl vorhandenen Fähigkeiten zum ersten Mal gebündelt auf einem Album versammelt haben. Und das ist auch noch sperrig genug, sodass man sich dran reiben kann.
Holle
gepostet am: 04.02.2012

User-Wertung:
13 Punkte

Sehr großes Album, welches schon jetzt für mich ähnlich gut wie 200 Tons (bzw natürlich The Resurrectionists / Night Raider) umd I Vigilante ist, obwohl ja letzteres kein wirklich reguläres Album ist sondern von der Band als EP gesehen wird, was auch passt. Natürlich gibt es wieder einige Pink Floyd Zitate aber soviel mehr, soviel darüber hinausgehendes. Ich freue mich riesig auf Hamburg und Münster und auf wieder einmal große Konzerte, leider ohne Joe und Daisy.
CBP - die besten Pink Floyd seit Meddle!
Mathias
gepostet am: 15.10.2012

User-Wertung:
14 Punkte

Das Jahr ist fast zu Ende und bisher - trotz aller Steven Wilsons, Storm Corrosions, Opeths, Anathemas, Rushs oder John Archs - ist dieses Album für mich das Highlight des Jahres.

Das Ding ist objektiv viel zu lang und hat zu viele sich wiederholende Passagen. "The Yonder Marsh" ist eine akustische Zumutung. Und doch - wenn das Album einen in der richtigen Stimmung erwischt entwickelt es eine unglaubliche Sogwirkung. Die Instrumentierung ist fantastisch und lässt die Melodielinien immer weiter mäandern. Besonders gefällt mir der Blues und Americana-Einschlag gegen Ende der Platte.
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