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The Hirsch Effekt: Holon : Agnosie (Review)

Artist:

The Hirsch Effekt

The Hirsch Effekt: Holon : Agnosie
Album:

Holon : Agnosie

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Mathcore & vieles, vieles mehr

Label: Long Branch Records
Spieldauer: 60:19
Erschienen: 24.04.2015
Website: [Link]

Die deutsche Musikszene ist wiedererstarkt, sie könnte aber aufregender sein. Das Kontrastprogramm zu Pop-Hip Hop à la CASPER beziehungsweise CRO und dem zusammengeklau... geliehenem Crossover KRAFTKLUBs heißt Progressive Metal-Klassik-Jazz-Indie-Emo-Alternative-Pop-Mathcore, oder kurz: THE HIRSCH EFFEKT. Ein gewagtes Mammutprojekt, das obendrein auch noch auf die Kraft des oft geschmähten deutschen Sprachgutes setzt. Aber Mut wird auch heutzutage glücklicherweise noch belohnt.

Als das Debüt der Hannoveraner 2010 erschien, jubilierte die alternative Musikszene. Dass das kreative, anspruchsvolle und innovativ wirkende "Holon : Hiberno" tatsächlich aus dem vorsichtigen, zurückhaltenden Deutschland kommt, hatte für zahlreiche staunende, fast erschrockene Gesichter gesorgt. Der 14-Punkte-Nachfolger "Holon : Anamnesis" bewies dann der Welt, dass Math Rock auch gefühlvoll sein und nicht nur durch technische Finessen brillieren kann. Nun steht das berühmt-berüchtigte dritte Album an, für das sich das Trio zu einem leicht veränderten Kurs entschieden hat und sich einem anderen Emotionsspektrum widmet.

Statt Melancholie und Liebeskummer liegen "Holon : Agnosie" Wut, Hass, Verzweiflung und eine Abscheu gegen alles und jeden zugrunde, konsequenterweise also auch gegen sich selbst. Dafür wählen THE HIRSCH EFFEKT einen direkteren Ansatz als noch auf dem Vorgänger, sie klingen aber paradoxerweise gleichzeitig weniger zugänglich. Grob gesagt tendiert die Platte eher in Richtung Mathcore, wie ihn THE DILLINGER ESCAPE PLAN, CONVERGE & co. runterfrickeln, ohne dass ihr die liebgewonnenen Elemente der letzten Jahre völlig abhanden kommen.

So sanft und leise das Album mit 'Simurgh' beginnt, so verrückt und nervenaufreibend ist der Großteil der folgenden Minuten gestaltet. Genretypisch darf sich munter gewundert werden, wie die Band das alles live darbieten will, so schräg sind die Rhythmen, so zahlreich sind die Ideen, so unabhängig voneinander scheinen die einzelnen Musikstückchen innerhalb der Songs. Da gibt es fast im Sekundentakt neue Tempi und Rifffetzen und kaum etwas wird wiederholt. So weit, so bekannt. Was die Hannoveraner aber weitaus interessanter macht als die Kollegen, ist der dosierte und passende Einsatz von klassischen Instrumenten und anderen Genreversatzstücken, nur leider fällt auch dieses Stilmittel dem neuen Ansatz ein gutes Stück zum Opfer.

Ab und zu ist ein Bläser zu vernehmen, etwas öfter ein Streicher, aber die stille Epik von "Holon : Anamnesis" wird zu keiner Zeit erreicht. Das ist nicht von vornherein ein Fehler, weil es auch nicht wirklich zum Album passen würde, aber THE HIRSCH EFFEKT berauben sich damit selbst eines gewichtigen Alleinstellungsmerkmals innerhalb des Genres. Zwar gibt es immer noch andere Experimente, die das Album spannend halten und für Eigenständigkeit sorgen, aber zu vieles gab es so dann doch schon aus der Feder anderer Bands zu hören. Das vorher bewiesene wunderbare Feingefühl ist für dieses Album nicht das richtige Werkzeug. Das gilt auch für den Textanteil.

Poetische Lücken, die lieber etwas Großes andeuten statt es auszusprechen, fehlen auf "Holon : Agnosie", stattdessen werden Gedanken und Emotionen ohne große Bearbeitung frei geäußert. Diese kennt jeder von uns und würde viele von ihnen ohne großes Zucken unterschreiben, aber auch da fehlt die Subtilität, die den Weltschmerz in einer seltener gehörten Fassung zum Ausdruck bringen kann. Zwar soll die Platte roh und kalt klingen und würde sich selbst widersprechen, wenn sich jemand fände, der wirklich alle Facetten bejahen und nachfühlen könnte. Trotzdem hätten Texte, die etwas mehr zum Sympathisieren einladen und gewisse Interpretationsfreiräume lassen, dem Album etwas besser getan. Im Gegenteil sind viele Metaphern wie die Wiedergeburt aus der Asche überstrapaziert, anderes kratzt wie das loungeartige Satire-Mittelstück in 'Bezoar' an der Fremdschamgrenze. Vielleicht wollten THE HIRSCH EFFEKT ihren Hörern neben der vertrackten Musik auch einfach nicht noch mehr zumuten. Aber auch wenn sich das erst mal sehr negativ anhört, ist das Album bei Weitem kein schlechtes.

Im Mathcore-Riff-Wahnsinn steckt viel Liebe zum Detail, zahlreiche, hochkarätige Momente und einige mutige Experimente. Da fügen sich elektronische Klänge erstaunlich hörenswert in die handgemachte Rock-Präzision, anderswo wird die eigene Stimme zum Instrument umfunktioniert und wenn die Hände vom Gefrickel müde werden, dann übernehmen einfach die Streicher gefühlvoll das Riff und sorgen für eine anregende Verschnaufpause. Auch die zum Teil poppigen Gesangspassagen sind immer noch interessant genug und fügen sich mit den Indie- und Alternative Rock-Ansätzen zu einer Art Trademark.

Das Totschlagargument, es würde zu viel passieren, um die Musik wirklich wertschätzen zu können, entkräftet das Trio seit Anbeginn seiner Karriere mit feinen Akzenten und poppigen Momenten, aber vor allem durch viel Abwechslung und genügend ruhige Momente. Das zeugt nicht mehr von bloßem Talent, sondern von Können, doch gute Entscheidungen zu treffen, gehört auch zur Rechnung. Eigentlich ziehen THE HIRSCH EFFEKT ihr Ding konsequent durch, aber vielleicht hätte "Holon : Agnosie" als Debütalbum besser funktioniert. Natürlich kann sich die Band mit dem Argument rausreden, das Album sei Teil einer Trilogie und soll dementsprechend nur eine Facette widerspiegeln. Aber trotzdem haben die Hannoveraner da zwei Alben in ihrer Vita stehen, die reifer und erwachsener klingen und für eine gewisse Erwartungshaltung unter den Hörern sorgen. Und denen ist Artcore vermutlich lieber als purer Mathcore.

FAZIT: "Holon : Agnosie" ist ein wütender, verzweifelter und verzwickter Batzen Musik geworden, der von hässlichen Emotionen, einem großen Ideenreichtum und ungemeiner Spielfreude zeugt. Dass THE HIRSCH EFFEKT am Werke sind, ist immer noch zu hören und neben tollem Riffgefrickel gibt es auch wieder zahlreiche Experimente zu bestaunen. Zwar ist diese Kurskorrektur genauso geplant, allerdings fällt es schwer die beiden großartigen Vorgängerscheiben hinter sich zu lassen, die der Mathcore-Welt ein paar ungewohnt gefühlvolle Facetten hinzugefügt haben. Neben dem Feingefühl fehlt auch die Subtilität, denn vor allem die Texte sind im Gegenteil zum bisherigen Schaffen viel zu platt und vorhersehbar. Trotzdem bleibt THE HIRSCH EFFEKT eine spannende, unberechenbare Band, von denen es in Deutschland viel zu wenige gibt.

Norman R. (Info) (Review 7545x gelesen, veröffentlicht am )

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10 Punkte
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Tracklist:
  • Simurgh
  • Jayus
  • Agnosie
  • [Chelicera]
  • Bezoar
  • Tombeau
  • Emphysema
  • [Defaetist]
  • Fixum
  • Athesie
  • [Tischje]
  • Dysgeusie
  • Cotard

Besetzung:

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  • keine Interviews
Kommentare
Neurocean
gepostet am: 04.08.2015

User-Wertung:
14 Punkte

Mir gefällt Agnosie sogar noch besser als der Vorgänger.

Ich kriege einfach nicht genug von Bezoar =)

Wer sich jetzt noch umdreht, ist selber schuld!
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
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