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Marillion: F E A R (Review)

Artist:

Marillion

Marillion: F E A R
Album:

F E A R

Medium: CD/LP/Download/SACD
Stil:

Progressive Rock mit bitterböser Botschaft

Label: Ear Music / Racket Records
Spieldauer: 68:12
Erschienen: 23.09.2016
Website: [Link]

Hiermit betrete ich den musikalischen Hochsicherheitstrakt!
Ich bespreche das aktuelle MARILLION-Album.
F E A R“ heißt es – und ich bekomme wirklich Angst, gerade weil dieses F E A R für „Fuck Everyone And Run“ steht!
Eine lieblose Promo-CD ohne jegliches Beiwerk oder irgendwelche Infos liegt derzeit vor mir. Meine CD trägt die Nummer 122 und den eindeutigen Vermerk, dass sie mit Wasserzeichen versehen ist und für jeden einzelnen Kritiker speziell nummeriert und registriert wurde. Sogar jeder einzelne Song darauf enthält einen verschlüsselten Code. Und das schönste, die CD läuft noch nicht einmal richtig in meinem ausgezeichneten CD-Player, der zurecht auch „absichtlich beschädigte“, also ehemals kopiergeschützte CDs ablehnt.
Ja, würde ich euch beim Wort nehmen, liebe Jungs von MARILLION, dann sollte ich mal auf all den Quatsch, den ihr hier mit der Promotion eurer aktuellen CD veranstaltet, scheißen und abhauen. Wer seinen Kritikern nicht traut oder wenigstens ein „unbeschädigtes“ Album zugesteht, macht genau das, was er mit seinem aktuellen Album kritisch unter die Lupe zu nehmen versucht. Denn „F E A R“ ist das zeitkritischste Album geworden, welches MARILLION bisher jemals veröffentlicht haben, und es greift gerade auch diejenigen – besonders im politischen und wirtschaftlichen Bereich - an, die jeden von vornherein unter einen Generalverdacht stellen und ihre ganze kranke Überwachungsschizophrenie auf das Schüren von Angst aufbauen, genauso wie diejenigen, die mit Lug und Trug ohne jegliche Moral Gutgläubige ausnehmen und sich dann auf Nimmerwiedersehen vom Acker machen.
Manchmal wäre aber auch Vertrauen eine gute Basis, darum kommt hier eine komplett unverschlüsselte und ohne irgendwelche Wasserzeichen versehene Kritik zum aktuellen MARILLION-Album, welches man in verschiedenen Formaten erstehen kann, als da wären die limitierte SuperAudio-CD, die CD im Digipak mit 24seitigem Booklet inklusive aller Texte, eine LP-Version und natürlich die üblichen digitalen Download-Formate.

Doch trotz dieses für einen Kritiker unangenehmen Promo-Gehabes kann gleich im Vorfeld festgestellt werden, dass „F E A RMARILLIONs mit Abstand progressivstes und politischstes – und damit zugleich auch bestes – Album der „h“-Ära geworden ist. STEVE HOGARTH bezeichnet es sogar als „Protestalbum“, worauf bereits der Titel hinweist: „Verarsch die Leute, nutz sie aus und mach‘ dich anschließend aus dem Staub: so sieht heutzutage unsere gesellschaftliche Gesinnung aus. Fast jedes Geschäft funktioniert so. Es geht um Geld, nicht um Moral. Nach diesem Grundsatz wird große Politik gemacht!“

Ein dermaßen angriffslustiges Album hat man MARILLION in dieser „radikalen“ Form schon längst nicht mehr zugetraut und gerade darum wird es eine riesige Überraschung auch für all diejenigen sein, die noch immer der FISH-Ära hinterhertrauern. Aus textlicher wie musikalischer Sicht.
Ein Album, sogar besser als das düstere „Brave“, zu dem es allerdings doch so einige Ähnlichkeiten aufweist. Nur diesmal geht es nicht um „ein verlorenes Mädchen“, sondern um eine Welt, die uns eine Scheindemokratie vorgaukelt, während uns dabei immer mehr die humanistischen Werte abhanden kommen und an deren Stelle politische Macht und wirtschaftliche Gier treten, welche am Ende aller Wahrscheinlichkeit nach zum endgültigen Exodus führen, wenn „The New Kings“ die Macht übernehmen.
In diesem Falle bleibt uns nur noch aus Sicht von MARILLION eins übrig: F(uck) E(veryone) A(nd) R(un) oder wie es STEVE HOGARTH ausdrückt: „Das Album sieht vieles voraus und irgendwie hat man das Gefühl, da kommt eine große Flutwelle auf uns zu. Das ist im Grunde meine größte Angst.“

Doch trotz aller neuen Impulse bleiben sich MARILLION natürlich treu und setzen auf ihre gewohnten Trademarks, egal ob das nun die schwebenden Gitarren-Soli eines ROTHERY oder die breiten Keyboard-Wände und natürlich der unverwechselbare, hohe „h“-Gesang, der sich in ruhigen genauso wir rockigen Passagen sehr wohl fühlt, sind. Längst vergessen sind die „Radiation“- und „Marillion.com“-Zeiten der späten 90er-Ära. Aber was „Marbles“ (2004) und „Sounds That Can‘t Be Made“ (2012) bereits ankündigten, bringt „F E A R“ nun tatsächlich zur Vollendung.

MARILLION jedenfalls bezeichnen ihr aktuelles Album als das beste ihrer „fish-losen“ Ära. Man kann ihnen dabei uneingeschränkt zustimmen, wenn man sich in ihrem recht melancholischem Keyboard-Bombast und den singenden Gitarrenklängen schon immer wohl fühlte und nun auch noch mit einem sehr guten Sänger auf all die politischen Defizite unserer Gegenwart, mal etwas weinerlich, mal druckvoll, fast appellierend, aber nie im Sinne eines NEAL MORSE predigend, darauf hingewiesen wird. Selten war Hogarths Stimme abwechslungsreicher als auf „F E A R“.

STEVE HOGARTH äußerte sich auch hierzu schon in den unterschiedlichsten Netzforen und stellt unmissverständlich klar:
„Wir haben den Titel ‚FEAR‘ schon einigermaßen genüsslich verwendet, in erster Linie, weil er zeigt, dass wir nichts aus dem Weg gegangen sind, aber dabei mit einer gewissen Traurigkeit. Im menschlichen Verhalten gibt es zwei grundsätzliche Impulse: Liebe und Angst – und alles Gute kommt von der Liebe.“

Das abschließende über 20 Minuten lange, vierteilige epische Stück „The New Kings“ trägt sogar deutliche PINK FLOYD-, aber auch RADIOHEAD-Bezüge in sich. Man höre sich nur den unglaublich starken Falsett-Gesang Hogarths an. Sofort kommt einem dabei THOM YORKE in den Sinn.

Keinesfalls unerwähnt darf man lassen, dass auch die Sound-Qualität durch die Aufnahme des Albums in PETER GABRIELs „Real World“-Studios einfach gigantisch ist und jedem Klangfetischisten einen um den anderen Schauer über den Rücken und natürlich durch die Ohren fahren lässt. Nur darum gibt es wohl erstmals auch eine SuperAudio-Ausgabe ihres aktuellen Meisterwerks.

FAZIT: Wenn „h“ im 16 Minuten langen Album-Trailer feststellt, dass „F E A R“ in „eigenartiger Art und Weise an Alben wie ‚Brave‘ oder eventuell die frühen MARILLION-Alben erinnert“ und es ein ähnlicher Meilenstein wie „Misplaced Childhood“ für ihn ist, dann kann man dieser Aussage (auch als ein wenig verärgerter Kritiker) widerspruchslos zustimmen. „F E A R“ ist ein absolutes Highlight im Rahmen der gesamten MARILLION-Ära geworden.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 10065x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 13 von 15 Punkten [?]
13 Punkte
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Tracklist:
  • El Dorado (I) Long-Shadow Sun
  • El Dorado (II) The Gold
  • El Dorado (III) Demolished Lives
  • El Dorado (IV) F E A R
  • El Dorado (V) The Grandchild Of Apes
  • Living In F E A R
  • The Leavers (I) Wake Up In Music
  • The Leavers (II) The Remainers
  • The Leavers (III) Vapour Trails In The Sky
  • The Leavers (IV) The Jumble Of Days
  • The Leavers (V) One Tonight
  • White Paper
  • The New Kings (I) Fuck Everyone And Run
  • The New Kings (II) Russia‘s Locken Doors
  • The New Kings (III) A Skary Sky
  • The New Kings (IV) Why Is Nothing Ever True?
  • The Leavers (VI) Tomorrow‘s New Country

Besetzung:

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  • keine Interviews
Kommentare
Thomas Glönkler
gepostet am: 22.11.2016

User-Wertung:
12 Punkte

Hi Thoralf,
Kompliment zu dieser gelungenen Besprechung. Der innere Widerspruch mit den kopiergeschützen Promos ist wirklich amüsant-ärgerlich und sollte den Jungs einmal rückgemeldet werden. Tja, Anspruch und Wirklichkeit.
Das Album selbst ist klasse, IMHO besser als Marbles - und eben topaktuell in der Thematik.
Grüße, Thomas
ernst-.walter
gepostet am: 01.08.2017

User-Wertung:
14 Punkte

Und wenn man das ganze dann noch Open Air (Loreley) auf und um die Ohren bekommt macht Musik hören und erleben wieder mal richtig Spaß.
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
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