Musikreviews.de bei Facebook Musikreviews.de bei Twitter

Partner

Statistiken

Nina Hagen Band: Nina Hagen Band (1978) / unbehagen (1979) – Original Vinyl Double-Classics (Review)

Artist:

Nina Hagen Band

Nina Hagen Band: Nina Hagen Band (1978) / unbehagen (1979) – Original Vinyl Double-Classics
Album:

Nina Hagen Band (1978) / unbehagen (1979) – Original Vinyl Double-Classics

Medium: Do-LP
Stil:

Punk, Deutschrock

Label: Sony Music
Spieldauer: 79:48
Erschienen: 05.04.2019
Website: [Link]

Es war einmal … vor langer, langer Zeit … eine Musikerin, die jedes Märchen und jeden Horror-Trip gleichermaßen besetzte, weil sie glaubte, dass das Rotkäppchen nicht vom bösen Wolf, der abgeschoben worden war, sondern von den bösen Menschen, die Mauern bauten, um die guten Freigeister einzusperren oder auszuweisen oder zu erschießen, gefressen wurde.

Darum vergaß sie eines Tages mit Michael den Farbfilm und zog sich sogar bei der STERN-COMBO MEISSEN die Schuhe aus, um die todbringende Mauer in Richtung Westen zu übersteigen, in dem Mamas Lebensgefährte Biermann, den man zuvor nicht wieder in Richtung Osten durch ebendiese Mauer eingelassen und damit (im DDR-Sprech) „ausgebürgert“ hatte, saß.
Ein singendes Rotkäppchen mit Hang zum Spinnen – auch wenn sie nie zu Rumpelstilzchen Goldspinnerin, sondern eher selbst ein singendes und tanzendes Rumpelstilzchen wurde – war geboren...
...und wenn sie nicht gestorben ist, dann singt und spinnt sie noch heute.

Von wem hier die Rede ist?
Eigentlich klar – oder?
Von NINA HAGEN, deren musikalische Entwicklung als in der DDR staatlich geprüfte Schlagersängerin begann, die erst in der Gruppe AUTOMOBIL, dann bei FRITZENS DAMPFERBAND trällerte, weiter bis zur Westberliner „Godmother Of Punk“ gereichte, welche vom Automobil in die LOKOMOTIVE KREUZBERG (aus der später, gemeinsam mit REINHOLD HEIL, SPLIFF wurde) umstieg, und heutzutage nur noch – im völligen Gegensatz zu ihrer grandiosen Begleitband – eine ärmliche Musik-Karikatur geworden ist, die übrigens in ihren Anfangszeiten, als die NDW im Anrollen war, äußerlich rein optisch sogar große Ähnlichkeiten mit NENA aufwies.

NINA HAGEN, der von ihren musikalischen SPLIFF-Begleitern, wie die Zukunft zeigte völlig zurecht „Unberechenbarkeit und musikalische Starallüren“ vorgeworfen wurden, was sie sogar in ihrem Debüt „Spliff Radio Show“ verarbeiteten – das ist nur noch ein perfide wirkendes, kunstfigürliches Markenzeichen, eine lebendige Selbstinszenierung, die sich dabei selber verloren gegangen ist und zur versponnenen, verrückt aufgedonnerten Tussi verkam, die einem von grünen Männchen, die mit ihren UFOs auf die Erde kommen genauso in allen öffentlichen Medien schwadronierte wie von religiösem Schwachsinn, der einem nur noch peinliche Zornesröte ins Gesicht treiben kann.
All diesen Peinlichkeiten zum Trotz werben derzeit sogar die Dresdner Jazztage (vom 23.10. bis 24.11.2019) mit dem Slogan: „International – Emotional – Phänomenal“ übergroß mit NINA HAGEN in ihren Werbeanzeigen. Da fragt man sich, welcher Vogel von Werbestratege auf diese Idee gekommen ist. Von Jazz jedenfalls hat er keine Ahnung, außer dass uns da mal wieder jemand bewusst macht, dass es in dieser bekackt oberflächlichen Zeit mehr auf die Verpackung als auf jeglichen Inhalt ankommt – und komme mir jetzt keiner damit, dass die Hagen ja auch mal in einer BigBand gesungen hat.

Doch NINA HAGEN hat auch eine großartige Seite, die sich sage und schreibe an zwei Alben orientiert, wovon das zweite echt umstritten ist, welche sie Ende der 70er-Jahre mit ihrer NINA HAGEN BAND einspielte und damit die deutschsprachig rockende und punkende Musiklandschaft gehörig aufmischte – ganz ähnlich wie es parallel dazu ein Österreicher namens FALCO tat.

Auf der vinyligen Meisterleistung „Nina Hagen Band (1978) / unbehagen (1979) – Original Vinyl Double-Classics” sind beide Alben nun digital extrafein für Vinyl remastert vereint worden und ein großes Stück deutsche Musik-Geschichte als klingende Enzyklopädie verewigt. Und während man beide LP-großen Cover in der Innenseite der aufklappbaren Doppel-LP bewundern darf, ist auch das völlig neue Frontcover mit NINA HAGEN in düster-stürmischen 70er-Zeiten stimmungsmäßig hervorragend gewählt.
Beide Alben sind so gesehen die einzigen wirklich ernstzunehmenden musikalischen Achtungszeichen in der an Fragezeichen reichen NINA HAGEN-Musik-Diskographie.

Mit „Nina Hagen Band“ rüttelte die 1976 frisch geflohene und gerade aus London, wo sie mit dem Punk-Virus infiziert wurde, zurückgekehrte Nina gemeinsam mit der damals linksextrem rockenden LOKOMOTIVE KREUZBERG plus REINHOLD HEIL gehörig an den grunddeutschen Biedermann-Festen mit frechen, provokanten Texten, hart rockenden Rhythmen und Punk-affinen Einlagen, die sich sogar mit dem widerständigen Kult von „Keine Macht für Niemand“ der TON STEINE SCHERBEN vergleichen ließ.
Schon die radikale Albumeröffnung mit dem eingedeutschten THE TUBES-Song „White Punks On Dope“ gab als „TV Glotzer“ eindeutig die eingeschlagene Musikrichtung vor.
Plötzlich mussten die Mütter ihre Töchter nicht mehr nur vor UDO LINDENBERG schützen, sondern auch ihre Söhne vor der NINA HAGEN BAND. Noch dazu zeigte sich der namhafte Fotograf JIM RAKETE für das beeindruckende Porträt-Cover auf „Nina Hagen Band“ verantwortlich.

Das Album jedenfalls ist rundum beeindruckend und enthält so einige Überraschungen, beispielsweise wenn in „Naturträne“, einem progressiven Hardrock-Titel, die Hagen sogar beweist, dass sie einem „Child In Time“-IAN GILLAN ohne Weiteres Konkurrenz machen kann oder mit „Auf‘m Bahnhof Zoo“ offensichtlich Erinnerungen an die schreckliche Drogenzeit CHRISTIANE F.‘s und deren Buch sowie der Verfilmung von „Kinder vom Bahnhof Zoo“ geweckt werden. Drogen sind überhaupt ein unerschöpfliches Thema vieler Hagen-Songs.

Bereits nach dem Erfolg des Debüts wurde das Klima innerhalb der Band wortwörtlich immer unbehaglicher. Nachdem Nina die gemeinsame Abfahrt der Band von Berlin ins Studio nach Frankfurt/Main zwecks der Aufnahmen fürs zweite Album einfach boykottierte, fuhren die zukünftigen SPLIFF alleine ins Studio und nahmen in Hagens Abwesenheit ihren Teil fürs Album auf.
„unbehagen“ wurde daher 1979 aus reinen Vertragsgründen mit der CBS erst von den vier Musikern ihrer damit schon Ex-Band im Studio eingespielt und der Hagen-Gesang dann ohne das Zutun von den späteren SPLIFF nachträglich eingefügt. Der Albumtitel war also trotz der lustigen Wortspielerei mit dem Nachnamen der Sängerin so längst absolutes Programm geworden!
Zugleich war damit auch das Ende der NINA HAGEN BAND besiegelt.

Trotzdem hat auch das zweite und zugleich letzte Album der NINA HAGEN BAND noch echtes Potenzial, wobei besonders das radikale, an LED ZEPPELIN erinnernde „Herrmann hieß er“, das sich um den drogenabhängigen Hermann dreht, hervorsticht: „Hermann scheißt aufs Leben!“, ist dabei der Schlüsselsatz.
Entstanden war das Material für dieses Album bereits auf der 79er-Promo-Tour fürs erste Album.
Nach der Tour waren Band und Nina komplett zerstritten.
So nahm „unbehagen“ seinen unbehaglichen Lauf – der musikalisch trotzdem eine kleine Kür wurde, auch wenn er einige Füllsel besitzt, wie die Live-Aufnahme von „Wenn ich ein Junge wär“, die mitten auf die A-Seite geschustert wurde, oder das „No Way“-Instrumental, welches die LP abschließt. Wie‘s schien, war nicht genug an Material vorhanden, um das Album zu einem schlüssigen, friedlichen Ende zu führen.

Der Rest jedenfalls ist Geschichte.
Aus SPLIFF- und MITTEREGGER-Sicht eine gute.
Aus Sicht von NINA HAGEN eine ziemlich bekloppte, bei der die gute Nina sich auf der Suche nach ihrem „Personal Jesus“ völlig selbst zu verlieren schien und so zu einer der peinlichsten Künstler der deutschen Musik-Geschichte wurde, selbst wenn sie es als gern gesehener Bunter-Vogel-Talk-Gast immer wieder ins Fernsehen oder als Werbe-Ikone auf die Plakate der Dresdner Jazztage brachte.

FAZIT: Man kann über NINA HAGEN sagen, was immer man möchte, aber als Sängerin der NINA HAGEN BAND leistete sie für zwei Alben lang mit „Nina Hagen Band“ (1978) und „unbehagen“ (1979) Beachtliches. Beide erscheinen jetzt als reizvolles, remastertes Doppel-Vinyl unter dem Titel „Nina Hagen Band (1978) / unbehagen (1979) – Original Vinyl Double-Classics” bei Sony Music. Was nach den beiden Alben kam, war größtenteils schizophrener Müll, weswegen die Bedeutung der sie damals begleitenden Band, aus der kurze Zeit später SPLIFF wurde, gar nicht hoch genug angerechnet werden kann. Im Gunde haben wir es hier zugleich mit zwei frühen SPLIFF-Alben zu tun, bei der NINA HAGEN singt und textet. Unter diesem Aspekt betrachtet, fliegt einem doch glatt das Blech weg!

PS: Und hier noch die komplette Übersicht zu allen seit dem 5. April erhältlichen Doppel-LP‘s der „Original Vinyl Classics“-Reihe:
Nina Hagen: „Nina Hagen Band“ (1978) und „unbehagen“ (1979)
Spliff: „85555“ (Frühjahr 1982) und Herzlichen Glückwunsch (Herbst 1982)
Falco: Junge Roemer (1984) und „Falco 3“ (1985)
Guano Apes: “Don’t Give Me Names” (2000) und “Walking On a Thin Line” (2003)
Oomph: „Wahrheit oder Pflicht“ (2004) und „GlaubeLiebeTod“ (2006)
Witt: „Bayreuth Eins“ (1998) und „Bayreuth Zwei“ (2000)
Selig: „Selig“ (1994) und „Hier“ (1995)
Running Wild: ”The Rivalry” (1998) und “Victory” (2000)
Apocalyptica: „Worlds Collide“ (2007) und „7th Symphony“ (2010)
FAR Corporation: “Division One“ (1985) und „Solitude“ (1994)
Lake: ”Lake“ (1976) und „Lake II“ (1978)

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 2179x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
[Schliessen]
Kommentar schreiben
Tracklist:
  • = Nina Hagen Band (1978) = (42:00)
  • Seite A (21:42):
  • TV-Glotzer (White Punks On Dope) (5:15)
  • Rangehn (3:27)
  • Unbeschreiblich weiblich (3:30)
  • Auf‘m Bahnhof Zoo (5:25)
  • Naturträne (4:05)
  • Seite B (20:18):
  • Superboy (4:01)
  • Heiß (4:11)
  • Fisch im Wasser (0:51)
  • Auf‘m Friedhof (6:15)
  • Der Spinner (3:15)
  • Pank (1:45)
  • = unbehagen (1979) = (37:48)
  • Seite C (19:47):
  • African Reggae (6:19)
  • Alptraum (6:12)
  • Wir leben immer … noch (Lucky Number) (4:57)
  • Wenn ich ein Junge wär (Live Version) (2:19)
  • Seite D (18:01):
  • Hermann hieß er (6:36)
  • Auf‘m Rummel (4:34)
  • Wau Wau (2:09)
  • Fall in love mit mir (3:47)
  • No Way (Instrumental) (1:05)

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
Kommentare
Thomas
gepostet am: 02.05.2019

User-Wertung:
12 Punkte

Kann ich komplett unterschreien: die erste LP hatte mich damals fasziniert, die zweite fiel zu stark ab Richtung Desinteresse
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
Benachrichtige mich per Mail bei weiteren Kommentaren zu diesem Album.
Deine Mailadresse
(optional)

Hinweis: Diese Adresse wird nur für Benachrichtigungen bei neuen Kommentaren zu diesem Album benutzt. Sie wird nicht an Dritte weitergegeben und nicht veröffentlicht. Dieser Service ist jederzeit abbestellbar.

Captcha-Frage Sieben mal sieben sind?

Grob persönlich beleidigende Kommentare werden gelöscht!