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Martin Kälberer: Insightout (Review)

Artist:

Martin Kälberer

Martin Kälberer: Insightout
Album:

Insightout

Medium: Do-LP/Do-CD
Stil:

Piano-Musik zwischen Klassik und Improvisation

Label: Jazzhaus Records
Spieldauer: 75:08
Erschienen: 26.02.2021
Website: [Link]

„Alles stand plötzlich still. Von einem Tag auf den anderen. Kein Konzert mehr auf absehbare Zeit, keine Tourneen, keine Reisen. Dafür eine neue Art Stille, die ganz anders war als die Stille, die ich seit jeher auch in der Musik suche. […] Ich habe versucht, tief in mich hineinzuhorchen und das klingen zu lassen, was ich da (situationsbedingt verstärkt) gehört habe.“ (Martin Kälberer auf der Innenhülle seiner „Insightout“-Doppel-LP)

Man muss ihn einfach mögen, nein, nach „Insightout“ sogar lieben, diesen MARTIN KÄLBERER, der im zarten Alter von zehn Jahren, inspiriert durch die Fernsehübertragung eines Konzerts von MILES DAVIS und HERBIE HANCOCK, selbst die Welt durch Improvisationen am Klavier für sich eroberte und bis heute sehr viele Musikliebhaber auf diese spannende Musik-Entdeckungseise mitgenommen hat. Dabei begann er, immer stäker (s)ein völlig eigenständiges Musik- und Kunst-Bild zu entwickeln, das neben der Kreativität seiner beiden Vorbilder aus frühster Kindheit auch die Schönheit der fabelhaften Amelie-Welt eines YANN TIERSEN oder des mitunter düsteren Soundtrack-Minimalismus eines MICHAEL NYMAN oder PHILIP GLASS in sich trägt.

Insightout“, ein Doppel-Album, auf dem die ersten drei LP-Seiten ausschließlich auf einem Grand Piano, einem präparierten Piano und weiteren Keyboards sowie dem Schweizer Instrument Hang (ein UFO-ähnliches, metallisches Percussion-Instrument) eingespielt wurden und die letzte LP-Seite mit dem Munich-Music-Factory-Orchester aufwartet, nimmt einem von der ersten Musikminute an gefangen. Aber es atmet auch von der ersten Minute an die bedrückend-traurige Stimmung, welche durch die Corona-Pandemie seit über einem Jahr ausgelöst wurde und den Musikern ihr wichtigstes Betätigungsfeld nahm: die Bühne!

Und darum schreibt Kälberer sich auch in seinem Blog all die Trauer, aber auch Wut von der Seele, die ihn befällt, wenn er daran denkt, dass ihm seit März 2020 die Arbeitsgrundlage als Musiker entzogen wurde. Aber er lässt diesen Gefühlen glücklicherweise auch freien Raum für seine musikalische Improvisationskunst, die mit und in „Insightout“ ihren Höhepunkt findet. Gerade durch diese Musik wird auch die Kraft seiner Worte ver- und bestärkt und hoffentlich von vielen gehört und gelesen, sodass sie auch das Böll-Zitat unter der Homepage des Multiinstrumentalisten entdecken: „Wo die Kultur stirbt, beginnt die Barbarei!“
Ein Zitat, das sich derzeit auf erschreckend querdenkende Weise immer mehr zu bewahrheiten scheint, während man Kirchen (In Gottvertrauen?) offenlässt und alle Kleinkunstbühnen, Theater, Kinos und Konzertsäle schließt. Beten geht im Öffentlichen. Klatschen nicht! Predigen geht. Musizieren nicht. Religion in der Kirche geht! Kunst und Kultur in Sälen nicht! Bölls barbarische Ahnung wird derzeit von unserer sich in Gott- und Wirtschaftsvertrauen suhlenden Politik verwirklicht. Warum nur lässt man nicht entweder alles zu, um alles dann wieder zu öffnen, statt zu zeigen, wer in diesem Land privilegiert ist (Religion und große Wirtschaftsunternehmen) und wer nicht (Kunst und Kultur).

Wie absurd es doch war und noch immer ist, dass die Politik im Rahmen eines unausgegorenen Lockdowns als erstes die Künstler – oftmals die größten Kritiker politischer Schaumschlägerei – zum Schweigen brachte. Unglaublich leidet daran auch der Pianist Kälberer, der aber aus positiver Sicht uns dadurch wohl erst mit diesem großartigen, rundum faszinierenden, sich weit der Klassik öffnenden Album beglückte, das in der Kulturzeit von 3sat mit: „Die seltsame Stille des Lockdowns hat den Musiker beflügelt“, beschrieben wird und als Ergänzung so passend hinzufügt: „Wenn es still ist, wird die Stille zum Klang. MARTIN KÄLBERER kehrt das Innere musikalisch nach außen.“

Und so klingt dann auch der erste Teil der siebenteiligen „Insightout“-Suite gleich wie eine Art Bestandsaufnahme der Corona-Pandemie, in der einem nach und nach alles wegzubrechen droht, aber trotzdem immer wieder die Kraft entsteht, der endgültigen Resignation zu widerstehen.

Der zweite Teil wirkt verspielter, angereichert mit Hang und elektronischen Elementen, während uns Teil drei wie ein See am frühen Morgen erscheint, über dem sich noch die Schwaden des Frühnebels sammeln und aussehen, als würden sie sich ins Wasser zurückziehen wollen.
MARTIN KÄLBERER gelingt es, uns seine Stille spüren, seine Gefühle erleben zu lassen. Er bearbeitete gefühlvoll die Tasten und verzaubert uns. Anders als ein KEITH JARRETT, der so gerne völlig extrovertiert seine Musik über den Hörer stellt, schenkt Kälberer dem Hörer seine Musik, die so kräftig und zerbrechlich zugleich ist, wie diese Zeit voller Lockdowns und unfähiger Mandatsträger, welche diejenigen, für die sie dasein sollten, einfach hängenlassen.
Insightout“ ist kein 'Köln Konzert' (Auch wenn es davon durchaus musikalisch einige Züge aufweist!), sondern der große kulturelle Abgesang mit großartiger Piano-, Musik- und Klassik-Kunst, die einen mitnimmt auf die hoffnungsvolle Reise, dass da irgendwann und irgendwo doch noch etwas geht…

„Teil IV“, der sich über 16 Minuten lang und damit zugleich die komplette LP-B-Seite erstreckt, hat innerhalb des Albums dann eine ganz spezielle – fast melodramatische – Funktion, wenn Kälberer selber dazu feststellt: „So ist zum Beispiel ein Klavierstück von 16 Minuten Länge entstanden, man kann es eine Art Meditation über ein Thema nennen, in der Phase des totalen Lockdowns, in der nicht einmal der Klavierstimmer in mein Studio kommen durfte… und das hört man natürlich. Auch weil es ein Dokument dieses Moments, dieses Zustandes ist.“

Das Ende des Albums – die letzte Seite – ist ein offensichtlicher Stimmungsbruch, denn hier wird aus dem solistischen Piano-Werk ein orchestrales. Doch auch diese symphonische Variante bricht nicht etwa aus der Atmosphäre der Stille aus, sondern verleiht ihr einfach eine bombastischere Dimension, wenn die Streicher und Bläser der MUNICH MUSIC FACTORY sich mit dem Piano vereinen und sich in ungeahnt-klassische Höhen erheben. Wunderschön. Traumhaft.. Göttlich… Wie nur soll man das beschreiben, was im Grunde unbeschreiblich ist und sogar Erinnerungen an die große, mutige und oft so traurige russische Klassik von Schostakowitsch bis Prokofjew und Rachmaninow wecken.

Am Ende schließt sich dann mit der großartigen vinylen Klangqualität, dieser komplett rauschfreien und trotzdem herrlich organischen Aufnahme, der Kreis und hinterlässt einen traurigen (Wenn man an die Situation denkt, unter der dieses Album entstand) und zugleich glücklichen (Wenn man die Musik des Albums von Anfang bis Ende genießt!) Hörer zurück.

FAZIT: „Zwei ganz unterschiedliche Aspekte meiner neuen 'Klänge aus der Stille'“, nennt der großartige Pianist MARTIN KÄLBERER die musikalische Atmosphäre seines Doppel-Albums „Insightout“, auf dem er drei LP-Seiten lang solistisch die traurig-bedrückende, aber auch hoffnungsvoll-kämpferische Stimmung zu Zeiten des totalen Lockdowns vertont, während er auf der letzten LP-Seite mit Streichern und Bläsern eine zwanzigminütige, dreigeteilte Symphonie der Stille erschafft, die wirkungsvoller und lauter erscheint als jedes Heavy-Metal-Konzert. Ein regelrecht hypnotisches Album, das gerade in diesen Zeiten, trotz all der bedrückend-melancholischen und sogar resignativen Stimmungslagen, ein wahrer Lichtblick am von viel zu vielen Sternschnuppen bevölkerten Musik-Horizont ist.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 1622x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 14 von 15 Punkten [?]
14 Punkte
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Tracklist:
  • Seite A - Solo (17:54):
  • Part I (6:31)
  • Part II (5:14)
  • Part III (6:09)
  • Seite B - Solo (15:45):
  • Part IV (15:45)
  • Seite C - Solo (21:22):
  • Part V (6:28)
  • Part VI (8:11)
  • Part VII (6:43)
  • Seite D - & Munich Music Factory (20:07):
  • Meer – Part IV (9:35)
  • Nebel – Part III (5:58)
  • Farewell (4:34)

Besetzung:

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