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Robert Forster: The Candle And The Flame – Doppel-Review (Review)

Artist:

Robert Forster

Robert Forster: The Candle And The Flame – Doppel-Review
Album:

The Candle And The Flame – Doppel-Review

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Gitarrenpop, Singer-Songwriter-Musik, Indie-Folk

Label: tapete records
Spieldauer: 37:24
Erschienen: 03.02.2023
Website: [Link]

Eine Doppel-Review?
Warum denn das, werden sich jetzt einige fragen.
Die Antwort ist ganz einfach, denn seitdem wir keine 'Massenreviews' mehr schreiben, greifen wir auf die Möglichkeit zurück, bei besonderen Alben auch mal mehrere Redakteure zu Wort kommen zu lassen. In diesem Falle sind es unser Werner Herpell bei der ersten und Ullrich Maurer bei der zweiten Review zu „The Candle And The Flame“ von ROBERT FORSTER. Unbedingt lesen – es lohnt sich!
Übrigens haben beide Redakteure unabhängig voneinander das Album mit 13 Punkten bewertet!



Werners Review:

Die Forsters aus Brisbane/Australien machen im Viererkreis Hausmusik. Vater Robert singt zur Akustikklampfe, Mutter Karin bedient das Xylophon und haucht zwei, drei Mal ein langes "Ahhh" ins Mikro, Sohn Louis und Tochter Loretta spielen Gitarre und Bass. Der gemeinsame Song besteht aus nur zwei mantraartigen Textzeilen: "She's a fighter/fighting for good". Und das hat einen traurigen Grund, der diese für ein Video festgehaltene Familiensession zu einer gut zweiminütigen, sehr anrührenden Beschwörung von Durchhaltewillen und Lebensmut macht.

"She's A Fighter" eröffnet das neue Album des großen australischen Singer-Songwriters ROBERT FORSTER, der mit den 1977 gegründeten The Go-Betweens Indiepop-Musikgeschichte schrieb und seit dem Solodebüt "Danger In The Past" (1989) seinen formidablen Ruf stetig untermauerte. Mit den neun Songs von "The Candle And The Flame" hat er wieder einmal etwas ganz Besonderes geschafft: die lebensgefährliche Krankheit der Partnerin und seine (nun angstvolle) Liebe für sie zu thematisieren, ohne auch nur ansatzweise in Kitsch-Nähe zu geraten.

Vielleicht kann ROBERT FORSTER mit seiner strengen Stimme und seinem herb melodischen Songwriting auch gar keinen Kitsch - nicht einmal, wenn es um so etwas Niederschmetterndes, Erschütterndes wie die schwere Krebserkrankung der eigenen Ehefrau geht. Das macht "The Candle And The Flame" als 37-minütiges Loblied auf die seit gut drei Jahrzehnten mit ihm lebende und musizierende Karin Bäumler nicht weniger bewegend, als musikalischen Trostspender nicht weniger wertvoll.
Denn nicht nur das aufmunternd vorantreibende Geschrammel des Openers "She's A Fighter" - der einzige neue Song, dessen Text ROBERT FORSTER erst nach Bäumlers Krebsdiagnose schrieb - dürfte der sich erholenden Patientin während oder nach Klinikaufenthalten und Chemotherapie 2021/22 Hoffnung gespendet haben. Auch "There's A Reason To Live" fordert schon im Songtitel und in den schlichten Textzeilen: Mach weiter, es gibt ein Morgen. Ebenso "It's Only Poison", hier heißt es: "The body is a temple/the mind is a box/Your heart is like a river/that no one can stop“. 

Es sind hervorragende Songs, die man als Hörer vor dem äußerst ernsten, fast schon schmerzhaft persönlichen Hintergrund dieser Platte noch intensiver empfindet. Dabei, wie schon erwähnt, ergab sich der Zusammenhang großenteils eher zufällig. ROBERT FORSTER sagte dazu der "taz" über die bereits früher entstandenen Lieder: "Nehmen Sie die Songtitel, wie "There's A Reason To Live", und auch viele der Texte, sie haben nach der Diagnose eine ganz neue Bedeutung bekommen.
"Es ist geradezu unheimlich, wie gut manche meiner Songtexte zu dem passen, was danach passiert ist."

"Wir haben nach dem Ende der Chemotherapie darüber nachgedacht, wie wir es machen könnten", sagte Forster dem deutschen "Rolling Stone" (02/2023). "Mir war einfach klar, dass ich mich nicht durch die Interviews bluffen können würde. Was soll ich sagen, wenn man mich fragt: Warum klingt das alles so reduziert? Warum habt ihr immer nur einen Tag pro Monat im Studio verbracht? Warum spielt Karin nicht Geige, warum singt sie nur? Warum ist Louis so präsent? Die einzige andere Möglichkeit wäre gewesen, keine Interviews zu geben und das Album für sich sprechen zu lassen. Aber wir wollten unsere Version der Geschichte erzählen, bevor irgendwelche Halbwahrheiten verbreitet würden." Eine gute Entscheidung.

Das vielleicht schönste, dankbarste dieser sparsam instrumentierten Stücke heißt "Tender Years", und um zärtliche Jahre geht es darin auch. ROBERT FORSTER lernte Karin Bäumler als Musikerin der süddeutschen Indierock-Band Baby You Know kennen und lieben, er verbrachte nach dem ersten Split der Go-Betweens einige Zeit in der Heimat seiner Lebensgefährtin, irgendwann kamen zwei Kinder. "Time is important/timing is more important/without it a story can end/Heidelberg is a German city/by a river, very pretty/and it was there that timing was our friend/come on", singt der 65-Jährige in nostagiegetränkter Erinnerung an gute alte Zeiten.
"I’m in a story with her/no, I can’t live without her", lautet Forsters Schlussfolgerung in "Tender Years". Es ist ein Appell zum Gesundwerden, wie ihn wenige Songwriter - und nur sehr gute - in dieser Offenheit formulieren können, ohne dass es peinlich wird. Aus jüngster Zeit gibt es weitere Beispiele privater Schocksituationen für bekannte Musiker. Wilco-Frontmann Jeff Tweedy spielte 2014 mit seinem Sohn Spencer das wunderbare Album "Sukierae" für die langsam vom Krebs genesende Ehefrau und Mutter Suzie ein. Im Fall von Mimi Parker, die im vorigen November schließlich mit nur 55 Jahren starb, dürfte die Krankheit einige zuletzt sehr düstere Low-Songs von Ehemann Alan Sparhawk beeinflusst haben.

"The Candle And The Flame", das achte Solo-Studioalbum von ROBERT FORSTER, ist ein weiteres Meisterstück seiner 45-jährigen Karriere - und ein besonderes Juwel, was die sensible, geschmackssichere Schilderung einer familiären Ausnahmesituation betrifft. Um Familie geht es hier immer wieder - auch in der Band-Besetzung. Neben Forster, Bäumler und den gemeinsamen Kindern Louis (selbst ein renommierter Singer-Songwriter mit The Goon Sax) und Loretta spielt Adele Pickvance mit, die schon auf den letzten drei Go-Betweens-Alben von 2003 bis 2006 den Bass bediente und quasi zum Forster-Clan gehört.
Aber wer könnte eine Gratwanderung wie "The Candle And The Flame", diesen eindringlichen Appell fürs Weiterleben, auch besser meistern als ROBERT FORSTER. Mit so schwierigen Themen kennt er sich ja aus: Sein Soloalbum "The Evangelist" brillierte als in fabelhafte Songs gegossener Nachruf auf Grant McLennan. Der langjährige Go-Betweens-Kollege und Freund war im Mai 2006 völlig überraschend mit 48 Jahren gestorben - Forster widmerte ihm anschließend neben der Tribute-Platte von 2008 noch die herausragend geschriebenen Memoiren "Grant & I" (2016).
"The Candle And The Flame" war für den Australier nun ebenfalls "eher Therapie als Album", wie er im "Rolling Stone" bekannte. Eine äußerst gelungene Therapie - für den Hörer sowieso und hoffentlich auch für die sich eng verbundene Familie Forster/Bäumler.

FAZIT: Ein Singer-Songwriter-Album, das den drohenden Tod der langjährigen Partnerin aufs Sensibelste thematisiert und zugleich vor allem das Weiterleben feiert und einfordert - wer könnte das besser als der spröde Geschichtenerzähler ROBERT FORSTER. Mit "The Candle And The Flame" berührt der Kritikerliebling abermals sein Publikum, ohne es mit allzu Privatem zu langweilen oder gar mit Kitsch zu behelligen. Ein neues Solo-Meisterstück in dieser seit den legendären Go-Betweens-Zeiten anhaltend bedeutenden Indiepop-Karriere.

Ullrichs Review:

„Wenn ich jung bin, bin ich groß, wenn ich älter werde, schrumpfe ich. Was bin ich?“
Die Antwort auf dieses Kinderrätsel ist: „Eine Kerze“.

ROBERT FORSTER, der Grandseigneur des australischen Indie-Pop, hat sich diesem Thema für sein achtes Solo-Albums angenommen, denn auf „The Candle And The Flame“ geht es um „Vergänglichkeit“ – und den Lauf der Zeit, denn auf dem sehr autobiographisch angelegten Werk, schildert er – insbesondere mit dem Track „When I Was A Young Man“ - im Rückblick sein Leben von den ersten Anfängen als junger Songwriter im Brisbane der 80er-Jahre über seine Geschichte mit den GO-BETWEENS bis zum heutigen Szenario, in dem er sich als altersweiser Familienvater präsentiert.

Mit dem Song „There's A Reason“ findet er dann gar den Sinn des Lebens in den Erinnerungen an die kleinen Dinge, die in der Summe das Leben als solches ausmachen. Es ist aber ein ganz anderer Song, der den Tenor des Albums – sowohl in inhaltlicher wie auch in musikalischer Hinsicht – vorgibt: „She's A Fighter“ ist eine auf das Allernotwendigste verdichtete Hommage an seine Frau KARIN BÄUMLER, deren Krebsdiagnose im letzten Jahr das Projekt erst ins Rollen brachte.

Eigentlich hatte Forster gar nicht vorgehabt, eine neue Scheibe einzuspielen, sondern wollte ursprünglich an seinem ersten Roman arbeiten. Als seine Frau indes mit der Krebsdiagnose konfrontiert wurde, beschlossen beide, die Musik als therapeutisches Medium einzusetzen und begannen, gemeinsam zu musizieren, als sie (der es nach einer erfolgreichen Behandlung inzwischen wieder besser geht) mit einer Reihe von Chemo-Therapien den beschwerlichen Weg der Heilung antrat.

Aus diesen ursprünglich hemdsärmeligen Akustik-Sessions entwickelte sich das Basismaterial für „The Candle And The Flame“, denn beiden gefielen die mitgeschnittenen Aufnahmen so gut, dass sie beschlossen, diese im Studio entsprechend authentisch zu reproduzieren.

Auf diese Weise entstand dann ROBERT FORSTERs tatsächlich bislang persönlichstes Album. Schon seit jeher verstand er seine Songs als Audio-Kommentar auf seines eigenen Lebens – allerdings verzichtete Forster dieses Mal auf jegliche fiktive Ausschmückungen, sonder stellte sich offen und stoisch seiner Vergangenheit (und auch seinen Dämonen) und kam so zu versöhnlichen, aber keineswegs verklärenden Erkenntnissen.
Bemerkenswert ist dabei der Umstand, wie unsentimental und doch eindringlich er in Songs, wie eben „There's A Reason“ oder auch „I Don't Do Drugs I Do Time“, „It's Only Posion“ oder „The Tender Years“, die jeweiligen Themen abhandelt.

FAZIT: Letztlich erwiesen sich die Studio-Aufnahmen zu „The Candle And The Flame“ nicht nur als Versuch, den Geist der Sessions einzufangen, mit denen ROBERT und KARIN FORSTER während der Krebs-Heilungsphase von Karin die neuen Tracks ausarbeiteten – sondern auch als Familienprojekt. Denn beide verzichteten darauf, mit Studiomusikern zu arbeiten (auch um den akustischen Drive der Tracks nicht zu gefährden), sondern spielten das Material alleine mit Unterstützung ihres Sohnes LOUIS (dessen eigene Band THE GOON SAX sich vor kurzem aufgelöst hatte), der Tochter LORETTA und der langjährigen Freundin ADELE PICKVANCE (die auf den letzten GO-BETWEENS-Projekten als Bassistin zu der Band gestoßen war) ein. Dass sich dabei eine für ROBERT FORSTER-Projekte ungewöhnlich folkige Gemengelage einstellte, war sicherlich nicht das eigentliche Ziel der Aufnahmen, verleiht dem Album aber ein ganz eigenes Gesicht.

Werner Herpell (Info) (Review 1975x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Wertung: 13 von 15 Punkten [?]
13 Punkte
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Tracklist:
  • She`s A Fighter
  • Tender Years
  • It's Only Poison
  • The Roads
  • I Don'T Do Drugs I Do Time
  • Always
  • There's A Reason
  • Go Free
  • When I Was A Young Man

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
Kommentare
Mario
gepostet am: 08.01.2024

User-Wertung:
14 Punkte

Bewegend
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