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Interview mit BRÖSELMASCHINE (03.03.2026)

BRÖSELMASCHINE

Hallo Peter, herzlich willkommen. Hier sind wir nun, zwei junge Burschen, die sich über eine 58 Jahre alte Band unterhalten, die im Grunde auf einer kleinen Flunkerei aufgebaut ist. BRÖSELMASCHINE? Am Anfang konntest du nie so wirklich sagen, warum die Band so heißt.

Peter Bursch: Unsere damalige Sängerin, die Jenny , hatte ein tolles Moped, das war tierisch laut. Auf das hatte sie bunt 'Bröselmaschine' draufgemalt und fuhr damit durch die Gegend. So lautete dann unsere offizielle Erklärung zum Namen der Band.

In Wirklichkeit hatten wir vor unseren Konzerten einen Joint geraucht, der uns alle auf eine gemeinsame Ebene brachte. Dafür brauchten wir zerbröseltes Haschisch, das mit einem kleinen selbstgebauten Maschinchen gemacht wurde. Das war die Bröselmaschine und das konnten wir natürlich nicht erzählen.


 

Das musst du mir mal genauer erklären, schließlich bin ich ja aus dem Osten. Für uns waren Drogen ja so gut wie gar nicht erreichbar. Und wie sah es denn bei euch aus? Ihr lebtet ja größtenteils in einer Kommune. Ja, und wie lief es denn da so mit der Menge an Drogen, die ihr so nahmt?

Peter Bursch: Vielleicht habt ihr euch das im Osten so vorgestellt. Das geht gar nicht. Wenn du viele Konzerte gibst, dann musst du geistig wie körperlich fit sein. Das Joint-Rauchen törnt nur an. Es machte einfach gute Stimmung und du kommst auf tolle Ideen. Aber das geht nicht täglich und zu jeder Zeit.


Als ihr angefangen habt, bewegtet ihr euch ja verstärkt im Folk, auch im politischen Bereich, seit dann allerdings zur Psychedelic und dem Krautrock übergegangen. Gerade der Psychedelic Rock ist ja, wie man heutzutage nach wie vor behauptet, nur unter Drogeneinfluss richtig gut geworden. Eins seiner traurigsten und ersten Opfer war SYD BARRETT (den PINK FLOYD deshalb abschrieben und durch DAVID GILMOUR ersetzten), der maßgeblich die frühe Psyche-Phase von PINK FLOYD prägte. Halfen euch der Einfluss stimulierender Mittel ebenfalls bei der Entstehung der BRÖSELMASCHINE-Musik?

Peter Bursch: Syd Barret hatte Krebs. Daran ist er gestorben. Natürlich stimulieren Joint-Rauchen oder auch Alkohol die Musik. Du darfst das aber nicht übertreiben.

 

Darum müssen wir jetzt unbedingt über ein BRÖSELMASCHINE-Album sprechen, eurem selbstbetitelten ersten aus dem Jahr 1971. Für uns war ja Musik immer ein Lebensgefühl, ja regelrecht ein Lebensquell. Gerade in der DDR, umgeben von einer Mauer, mussten wir ein Heidengeld für dieses Album bezahlen – ich selber habe damals 150 Ostmark bezahlt. Aber ich wollte es aus einem ganz bestimmten Grund besitzen. Kannst du dir vorstellen, welcher das war?

Peter Bursch: Nein, da musst du mich schon aufklären.


 

Es geht speziell um ein Instrument, das mich absolut faszinierte: die Sitar (einer Gitarre etwas ähnliches Saiteninstrument der klassischen nordindischen Musik – T.K.). Damals kannte ich die Musik von RAVI SHANKAR, der wohl bekannteste Sitar-Spieler weltweit, von dem sogar bei uns in der DDR eine AMIGA-Schallplatte veröffentlicht worden war. Dieses Instrument dann bei BRÖSELMASCHINE zu hören, war faszinierend. Wie bist du denn zu deiner ersten Sitar gekommen?

Peter Bursch: Da hat mir ein Freund geholfen. Der ist oft nach Indien gefahren und hat viel für sein Antiquitätengeschäft eingekauft. Eines Tages brachte er mir tatsächlich die erste Sitar mit. Ein sehr einfaches Modell, mehr ein für Schüler geeignetes Instrument. Das habe ich mir also umgebaut und um einen Tonabnehmer erweitert, damit ich damit in der Band mitspielen und die ersten Sachen mit der Sitar beitragen konnte. Erst einmal musste ich allerdings lernen, die Sitar richtig zu stimmen, um den richtigen Sound hinzubekommen. Heute hat man ja ganz andere Möglichkeiten. Besonders wichtig ist bei der Sitar der breite Steg. Darauf erzeugen die Saiten ganz bestimmte Schwingungen. Die machen den besonderen Sound aus, aber nur wenn alles millimetergenau stimmt. Das habe ich mir von den Indern abgeguckt, sie genau beobachtet, um ähnliche Klänge zu erzeugen.

 

Übrigens, du spielst das ganz anders, als ein Ravi Shankar, fast so wie eine Gitarre?

Peter Bursch: Ja klar, ich habe keinen echten indischen Stil. Ich benutze tatsächlich die Gitarrenspieltechnik. Ich kann damit gut auf der Sitar spielen und improvisieren. Der Sound gefällt mir. Für die Band ist das toll. Gerade bei den psychedelischen Stücken (Man höre diesbezüglich unbedingt „Indian Camel“! - T.K.), wenn der Sound so schwebt, baut das eine besondere Atmosphäre in unserer Musik auf. Meine spezielle Technik hat sich über die Jahrzehnte immer weiter entwickelt. Deswegen ist es schon eine ganz eigene Art, wie ich die Sitar im Rahmen unserer Musik spiele.

 

Allerdings gibt es da dann an deiner Sitar seit Anbeginn noch eine Besonderheit: Am Ende des Halses hängt so ein kleines weißes Säckchen. Was hat es damit auf sich?

Peter Bursch: Eigentlich sind da Ersatz-Fingerringe drin. Ich habe die sonst auch an den Wirbeln der Saiten befestigt. Aber man kann sie sehr leicht verlieren. Das kann zu einem echten Problem werden.

 

Wir befinden uns ja gerade in der ehemaligen DDR, in der Nähe von Zwickau. Peter Bursch (unterbricht): Ja, wunderschön. Ich freue mich, hier zu spielen. Unglaublich. (Und genau hier kann man sich das von Detlef Bergmann - von den Scheffelbergstudios - aufgezeichnete und ausgezeichnet geschnittene komplette BRÖSELMASCHINE-Konzert anschauen)

 

 

Das hat man schon gemerkt, als ihr euch eingespielt habt. Gibt es da noch eine gewisse Aufregung, hier zu spielen?

Peter Bursch: Also wir kommen ja überall rum in der Welt. Eigentlich ist diese Aufregung nicht mehr so stark, aber es ist trotzdem noch eine Anspannung da, bevor es auf die Bühne geht. Wie kommt unsere Musik bei den Leuten hier an? Kappt auch alles? Wir sind eben sehr abhängig von der Reaktion des Publikums. Natürlich gerade bei unserer Musik, da wir viel improvisieren. Und wenn sich eine gute Stimmung entwickelt, dann spielen wir auch viel, viel besser. Daher hoffe ich also, dass das heute Abend auch so wird. (Anmerkung: Diese Hoffnung ging hundertprozentig in Erfüllung! - T.K.)

 

Du bist schon Mitte der 1980er-Jahre, als um die DDR noch eine Mauer stand, in der DDR aufgetreten. Das ist für uns völlig neu und macht in gewisser Weise sprachlos, weil die DDR ja gerade im Kulturbereich rigoros war. Wie kam es denn dazu?

Peter Bursch: Ich habe da auch keine richtige Erklärung. Also derjenige, der uns engagierte, war in dem DDR-Kulturbüro ein wichtiger Mann und fuhr wohl total auf unsere Musik ab. Deswegen hat er versucht, Kontakt mit uns aufzunehmen, weil wir in der DDR spielen sollten. Es gab auch keinerlei Verbote oder Vorschriften. Also so wie bei BAP, die haben ja auch kurz nach uns versucht, auf Tournee zu gehen und durften bestimmte Lieder einfach nicht spielen (Es ging besonders um den extra für die DDR-Tour geschriebenen Song „Deshalv spill mer he“ , weswegen BAP dann die gesamte DDR-Tour absagten- T.K.). Das Problem hatten wir nicht. Wir konnten ganz offen unsere Musik spielen, obwohl auch wir ein paar politische Anklänge in unseren Liedern haben. Aber das schien den DDR-Verantwortlicen nicht so wichtig zu sein. Da haben wir einfach Glück gehabt. Wir wollten die Leute ja auch hier erreichen. Und es war immer ein besonderes Erlebnis, hier zu spielen. Oft treffe ich noch heute Leute, die uns früher gesehen haben. Es ist schon interessant, wie die unsere Musik heute empfinden. Ja, man lernt aus allem.

 

Mit „Scheren im Kopf“ hättet ihr hier wahrscheinlich ein Problem bekommen.

Peter Bursch: Vielleicht. Das war aber damals nicht im Programm.

 

Ihr wart ja dann lange Zeit auch nicht auf der Bühne, bis die Sache mit dem Rockpalast passierte.

Peter Bursch: Ja, das stimmt. Also wir haben in den Neunzigern ziemlich wenig gespielt, weil jeder in der Band etwas Anderes gemacht hat und sich mit anderen Dingen beschäftigen wollte. Deswegen wurden unsere Auftritte weniger. Aber wir haben nie aufgehört. Das wusste der Rockpalast auch, genauso wie einige Fans beim Rockpalast. Die riefen dann an: „Hört mal, wäre es möglich, noch mal mit möglichst vielen Mitgliedern aus den Siebzigern zu spielen?“ Einige sind ja leider schon gestorben. Und wir fanden die Idee auch interessant, aber wollten erstmal proben und sehen, was kommt. Dann haben wir eine gemeinsame Probe durchgezogen. Und das Verrückte war, die Magie war sofort wieder zurück. Die Stücke, die wir da spielten, gingen richtig gut los und wir fühlten uns sehr wohl dabei. Wir konnten also das Konzert im Fernsehen spielen und alles entwickelte sich wieder. Seitdem ist das Interesse von Jahr zu Jahr gewachsen. Und wir bekommen immer mehr Angebote. Wir schreiben ja jedes Jahr neue Songs und arbeiten an neuen Programmen. Wir entwickeln uns auch immer weiter, lernen voneinander. Also, was Schöneres gibt es eigentlich nicht. Es ist ein Geschenk für uns, dass wir noch immer live spielen.

 

Beim Rockpalast stand der Helge Schneider mit auf der Bühne. Du hast ihn in einem Interview einmal als einen der eigenwilligsten Musiker bezeichnet, mit dem du je zusammengespielt hast.

Peter Bursch: Ja, eigenwillig ist vielleicht zu übertrieben. Er ist für mich einer der besten, die wir je hatten. Ich habe ihn zufällig entdeckt. Er ist ja einige Jahre jünger als ich und er spielte bei uns in einigen Kaffeehäusern. Da musste er sich sein Geld verdienen. Dort spielte er vor allem Klavier und zwar ganz hervorragend. Außerdem hatte er bereits einen Jugendjazzpreis bekommen. Mir gefiel unglaublich, wie er spielte, auch wie er die Akkorde umsetzte. Da dachte ich mir: 'Mensch, der könnte gut in die Band passen, wenn er nicht unbedingt Flügel spielen will', (lacht) weil das wäre ein bisschen zu aufwendig für uns gewesen. Ich fragte ihn also, ob er Lust hätte, Hammond Orgel zu spielen, weil die passte vom Sound auch bei uns viel besser rein. Seine Antwort war, man könne es ja mal ausprobieren. Also haben wir ihm eine Hammond Orgel besorgt und schon ging die erste Probe los. Und die ging total ab. Er beherrschte direkt alle Akkorde und hörte schon, in welche Richtung der Song geht. Gerade das finde ich so faszinierend. Man brauchte gar nicht viel mit ihm proben. Er war live immer voll dabei, voller Ideen. Helge ist hervorragend.

 

Der Nachfolger von Helge, ist der Tom (Thomas Plötzer). Wenn du sagst: "Okay, der Helge, das ist ja der eigenwilligste Musiker, mit dem ich je zusammengespielt habe." Wie würdest du denn den Thomas jetzt einschätzen?

Peter Bursch: Ja, kein Vergleich zu Helge. Erst mal ist Tom spieltechnisch mindestens ähnlich gut. Helge sagte mal, wenn er die Aufnahmen von ihm hört: "Das könnte ich gar nicht so spielen." Der Tom ist jemand, der sich auch so gut einfühlt. Mit dem kann man einen Song komponieren, entwickeln, er steuert eigene Teile bei. Bei Helge war das nicht so. Ich hatte meist die Songs fertig, die spielte er mit, dann kam sein Solo und die Begeisterung des Publikums ging dann immer voll ab. Bei Tom wiederum entwickeln wir das viel mehr mit allen zusammen. Die gesamte Band steckt jetzt noch viel stärker in den Stücken mit drin.

 

Ihr habt ja mit den Jahren die Sängerinnen gewechselt. Alle hatten eine Wahnsinnsstimme. Bei der aktuellen Sängerin Stella Tonon kommt noch ein ganz spezielles Charisma hinzu.

Peter Bursch: Ja, klar. Stella ist einzigartig. Sie trägt sehr viel Südländisches in sich. Ihre Eltern kommen aus Italien und Portugal. Sie bringt da ein ganz anderes Gefühl mit ein, was uns rückblickend sehr beeinflusst hat. Es macht richtig Spaß, mit ihr zu spielen. Ich kenne keine andere Sängerin, die etwas in der Art rüberbringen kann. Sie ist auf der Bühne ein Traum!!

 

 

Und sie tritt ja auch grundsätzlich barfuß auf.

Peter Bursch: Sie will den Boden fühlen, sich erden sozusagen, und dann legt sie voll los.

 

Man könnte über jedes Bandmitglied eine längere Geschichte erzählen. Der Michael Dommers an der Gitarre ist seit den 80ern dabei. Da fragt man sich wirklich: Wie schafft man es, eine Band so zusammenzuhalten?

Peter Bursch: Es entwickelt sich einfach. Man mag sich und man nähert sich immer mehr an und ich denke, wir können auch alle gemeinsam in den Urlaub fahren, ohne dass wir uns streiten. Wir entwickeln uns immer weiter. Heute haben wir

wieder ein paar neue Songs dabei. Wir wollen ja ein neues Album machen. Wir hoffen, dass wir es bis Ende des Jahres fertig haben. Und ja, so geht es immer schrittweise weiter, denn dann bleibt die Band nicht stehen und man kann immer wieder Neues ausprobieren und das ist auch ein Teil von uns. Außerdem kommt immer mehr junges Publikum zu uns. Von daher schließt sich der Kreis. Im Moment haben wir eine gute Phase, die richtig Spaß macht.

 

Vielen, vielen Dank, Peter!

 


PS: Ein besonderes Dankeschön geht zugleich an Detlef Bergmann (Scheffelbergstudios), der uns alle Bilder für dieses Interview zur Verfügung stellte und sogar das komplette Konzert in sehr guter Ton- und Bildqualität aufzeichnete.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info)
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