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Interview mit DRUDENSANG (04.02.2026)

DRUDENSANG

Seit geraumer Weile verdichtet die bayerische Band DRUDENSANG ihren schaurigen Black Metal mit Einflüssen aus der regionalen Krampen-Tradition zu einem Gesamtwerk, das aus dem musikalischen Einerlei heraussticht und die Heimgesuchten nicht unbewegt lässt: Wer sich "Geysterzvvang" – nicht zuletzt in Form eines stimmungsvollen Videos zu "Blutkreys Teufeley" – zu Gemüte führt, mag entweder hurtig das Weite suchen oder sich tiefer in den Schatten begeben, den DRUDENSANG mit diesem Mini-Album auf das allgemeine Treiben werfen. Mein Kollege Dominik Mayer schloss sein Review mit den Worten "die knorrige Welt verwunschener Sagengestalten der bayrischen Folklore wird dabei einmal mehr als loderndes Musikfeuer interpretiert". In diese knorrige Welt tauchen wir nun mit Vokalist und Bassist Krámpn ein, der keinen Zweifel daran lässt, dass es bei DRUDENSANG um mehr als Musik geht.

Hallo in den Bayerischen Wald und Hut ab! Mit Eurem jüngst veröffentlichen Mini-Album "Geysterzvvang" ist es Euch gelungen, einem bislang dem Lauschangriff widerstrebenden Saupreiß’n ordentlich das Trommelfell zu gerben und ihn zu überraschen – innerhalb der sechs Stücke umfassenden halben Stunde geht es musikalisch ordentlich rund und es regiert keineswegs nur der Knüppel aus dem Sack! Inwiefern ist "Geysterzvvang" für Euch ein logischer, nicht um zu sagen: zvvingender Schritt in der Entwicklung von DRUDENSANG, oder war dieses Mini-Album auch eine willkommene Gelegenheit für Erkundungen abseits des Üblichen?

Wie man inzwischen bemerkt haben dürfte, scheuen wir uns nicht davor, große Sprünge zu wagen und uns in neue Tiefen zu stürzen. Wir erzwingen nichts und haben auch nie die Absicht, irgendwelche Verbindungen zwischen unseren Werken herzustellen. Jedes DRUDENSANG-Werk zeigt exakt, wo wir als Band zu diesem bestimmten Zeitpunkt stehen. "Geysterzvvang" war ein notwendiger Schnitt durch den Schleier. Kein kalkulierter Schritt, sondern ein Werk, das sich selbst forderte. Es ist das Zischen der Flammen, das Pochen der Fäuste an der Tür des Schlafes. Wir haben uns nicht gefragt, ob es logisch ist – wir haben nur gehorcht. Jedes der sechs teuflischen Evangelien ist eine Fackel, entzündet von etwas, das uns übersteigt und zusammen bilden sie einen abartigen Monolith von Göttlichkeit, Wahn, Magie und Passion. Natürlich wollten wir mit diesem Werk etwas erreichen, ein Loch in die Welt reißen, durch welches die Hörer und jeder, der ein Glied dieser Ketten ist, die dieses Mini-Album entfesselt haben, einen Ausblick auf die Realität bekommen kann, aus der wir stammen – eine Realität, die sich komplett von dieser Welt unterscheidet, von der sich die meisten Leute abwenden und ignorieren und dadurch auch nie sehen oder erleben werden.

"Geysterzvvang" scheint ein Kernelement einer Drude und somit Eurer Band aufzugreifen, nämlich das Brustangst bewirkende Ausgeliefert-Sein von Menschen an Alpträume bewirkende Geister. Im Grunde handelt es sich also um einen Titel, der für eine Band namens DRUDENSANG auf der Hand liegt, oder stecken auch persönliche Erfahrungen dahinter?

Im Grunde hast du recht, dies ist ein sehr zentraler Aspekt der Realität von DRUDENSANG. Jeder Mensch kennt die Geister, die nachts auf die Brust drücken. Manche nennen es Traum, wir nennen es Offenbarung. Der Druckgeist ist keine Metapher, er ist ein Vorbote des Todes, der dich im Schlaf besucht. Wir haben ihn erlebt – mit kaltem Schweiß, mit brennender Kehle – und wir haben ihn in Klang verwandelt. Dies ist aber lediglich ein gewisser Teil des Ganzen. Hinter "Geysterzvvang" verbirgt sich so viel mehr. In unserer Welt reflektiert "Geysterzvvang", wie jedes DRUDENSANG-Werk natürlich noch viele weitere, tiefegründige Bedeutungen, es ist eine Glorifizierung der wütenden Geister, der tollwütigen Teufel und Dämonen der wilden Jagd, denen wir mit DRUDENSANG eine Brücke aus der Unterwelt in diese Welt schlagen und ihnen somit die Tore öffnen und Zugang gewähren. Und schließlich spiegelt dieses Werk unsere stände Entrückung und Entmenschlichung auf unseren Tuiflsrijtt mit DRUDENSANG.

Würde mir ein Druckgeist auf der Brust sitzen und mich quälen, dann würde ich in schwacher Stunde wohl gestehen, dass meine Motivation, neue Black-Metal-Bands zu entdecken, derweil nicht immer die größte ist. Nach mehr als nur oberflächlicher Beschäftigung mit "Geysterzvvang" habe ich den Eindruck, dass Ihr es nicht gerade darauf anlegt, beim Nebenbei-Hören entdeckt zu werden, sondern das Gitarrensolo in "VVydargaenger" oder die "Hoellenkunst im brennenden Aether" beschließenden Akkorde wollen entdeckt werden – ist das quasi Eure Art des Okkultismus, Eure Aufnahmen nicht zu zugänglich zu gestalten, während die Überwältigung der Hörer ohnehin auf Konzerten erfolgen sollte?

Ja. Unsere Musik ist ein Tunnel, kein Hintergrundrauschen. Wer sie nebenbei hört, hört furiosen, wütigen Black Metal in seiner reinsten Form. Wer tiefer geht, entdeckt eine andere Welt, unsere Welt. Wir verbergen, was nicht jedem bestimmt ist. Auf der Bühne reißen wir diesen Schleier mit Höllenfeuer und Teufelsblut auf – und dann gibt es kein Entkommen.

Zur Überarbeitung Eurer Aufnahmen habt Ihr das Studio E aufgesucht. Konnte Markus Stock Eure Erwartungen erfüllen oder gar mit dem einen oder anderen Kniff neue Perspektiven auf die eigene Musik eröffnen?

Markus hat die Fähigkeit, die Dunkelheit hörbar zu machen, ohne sie zu glätten. Er hat unser Werk nicht gezähmt, sondern den Rauch und das Feuer dichter werden lassen. Was wir ihm brachten war Rohheit – was wir zurückbekamen, war ein Ritual, das noch tiefer schneidet.

Was hat es damit auf sich, dass die Vinyl-Version von "Geysterzvvang…" ein anderes Cover ziert als die CD?

Ein Werk hat viele Gesichter. Die CD ist das Messer, die Vinyl ist die Fackel. Beide zeigen denselben Geist, aber aus einer anderen Perspektive. Wer den Teufel beschwört, weiß, dass er nie nur ein Gesicht hat.

Der Mitschnitt Eures Konzerts im Rahmen des 30-Jahre-Folter-Records-Festivals hat bei mir Erinnerungen an einige legendäre Konzerte in der Zeche Carl geweckt, wo ich anno 1996 als Schüler u.a. Gorgoroth zum ersten Mal live erlebte und von der völlig eigenen Atmosphäre vereinnahmt wurde. Wie wichtigt ist es Euch, mit DRUDENSANG auf der Bühne die alltägliche Welt hinter Euch zu lassen – und wie oft machen Euch allzu weltliche Details einen Strich durch die Rechnung?

Die Bühne ist ein Altar. Dort existiert keine alltägliche Welt mehr, nur Chaos und Magie, Tod und Teufel, Opfer und Hingabe, nur Feuer und Anrufung. Natürlich gibt es Technik und Lärm aus einer anderen Sphäre – aber sobald wir dieser Welt den Rücken kehren, in unser Universum eintauchen und die Flammen entzündet sind, verschwindet alles Banale. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, den Raum in einen Tempel zu verwandeln. Und wer ihn betritt, tut dies auf eigene Gefahr.

Mittlerweile gibt es einige sehenswerte Video-Clips, welche Eure Musik atmosphärisch packend in Szene setzen, und in die Ihr erkennbar einiges an Herzblut und Zeit habt fließen lassen. Der neue Clip zu "Blutkreys Teufeley" strahlt in der Gestalt der Frau Perchta bei aller Dunkelheit auch etwas faszinierend Anmutendes aus. Wollt Ihr damit auch bei Menschen außerhalb der Szene Interesse wecken?

Wir wollen niemanden ansprechen. Wir wollen beschwören. Wenn jemand von außen die Anmut in der Finsternis erkennt, ist das sein eigener Spiegel. Perchta ist keine Figur, die gefällig sein will. Sie ist die Herrin der Rauhnächte, eine, die Leben schenkt und Leben nimmt. Wenn jemand gefallen daran findet – umso besser. Aber wir machen es nicht für sie.

Erst zehn Jahre nach ihrer Gründung thematisierten Lunar Aurora Figuren wie den "Boandlkramer" und etliche Jahre später im gleichnamigen Song die "Håbergoaß", und verbanden somit ihre Musik mit ausgesuchtem bayerischem Brauchtum. Inwiefern beeinflusste das Eure Ausrichtung mit DRUDENSANG und wie naheliegend war Eure Fokussierung auf Druden und Krampen, sowie Teufel und Geister Eurer Heimat – haben Euch einige dieser Gestalten bereits in jungen Jahren Schauer über den Rücken gejagt? Wenn ja, welche Begebenheiten haben Euch nachhaltig geprägt?

Lunar Aurora haben mit "Hoagascht" gezeigt, dass die heimischen Berge und Gestalten mehr Schrecken bergen als jedes nordische Pantheon. Doch Druden, Krampen und die Geister waren schon da, bevor wir Musik machten. Als Kinder hörten wir das Scharren im Dunkeln, sahen Hörner im Schatten, fühlten kalte Finger auf der Haut. Das hat uns nie verlassen – wir haben es nur endlich in Klang gebannt.
Wir verwenden bayerischen Dialekt, dies aber nur vereinzelt. Viele schreiben davon, dass wir hauptsächlich Mundart nutzen und von Lunar Aurora bzw. "Hoagascht" beeinflusst wären, dies ist jedoch ein Irrglaube. Wir nutzen Dialekt durchdacht und mit Bedacht, wenn es dementsprechend zu einem Song bzw lyrischen Konzept passt.

Rückblickend verwundert es nahezu, dass es knapp zwei Jahrzehnte gedauert hat, bis aktiv eine Brücke geschlagen wurde vom entmenschlichenden Corpse Paint im Black Metal zum Aufsetzen geisterhafter Masken in und rund um die Rauhnächte. Mit DRUDENSANG greift Ihr also Teile eines Brauchtums auf, das erheblich älter ist als der Black Metal, gleichwohl es gewisse Parallelen zu geben scheint. Geht das für Euch mit einer besonderen Verantwortung einher, also dass Ihr zum Beispiel darauf achtet, Krampen-Kultur nicht zu "mdonaldisieren" – immerhin tauchen Krampus-Gestalten derweil auch beim Wacken-Festival auf?

Ja, Verantwortung gibt es. Wer den Krampus zum Karneval degradiert und entweiht, raubt ihm die Zähne. Wir aber füttern ihn mit Blut. Wir sind nicht hier um das Brauchtum zu modernisieren oder zu vermarkten – wir sind hier, um seine ursprüngliche Frucht und Gewalt zurückzubringen. Der Krampus ist kein Maskottchen. Er ist ein Dämon und repräsentiert den Teufel. Kochendes Blut und die Gier nach Fleisch und Qual nährt die Wut des Gehörnten. Seine unbändige und chaotische Wut ist ein Symbol für das Streben nach Freiheit.

Vor einigen Jahren wurde mir als im Hinblick auf Land, Leute und Brauchtum weitgehend unkundigen Sauerländer das Vergnügen zuteil, dem Kirchseeoner Perchtenlauf beizuwohnen, und es bleibt mir bis heute als unvergleichliches Erlebnis in Erinnerung: dörflich, hölzern, rau, und irgendwie doch auch recht herzlich. In einem Museum in Bozen entwickelte sich einige Jahre später mein Eindruck von einer Vielfalt des Brauchtums, über die ich als Auswärtiger vor allem staune. Wie erlebt Ihr das, und kann Black Metal zur Brauchtumspflege beitragen?

Black Metal ist Brauchtum, wenn er ernst gemeint ist. Er bewahrt die Dunkelheit, die die moderne Welt verdrängen will. Wenn wir Druden, Luzier, Geister oder den Teufel besingen, dann sind wir nicht Folkloristen, sondern Priester. Unsere Musik ist nicht Pflege, sondern Wiedererweckung. Ein toter Brauch ist wertlos – nur ein blutender lebt.

Mittlerweile ist hier und dort die Forderung zu vernehmen, dass auch Black-Metal-Konzerte "safe spaces" bieten sollen, und bestimmte Riten im Brauchtum sehen sich derweil massiver Kritik ausgesetzt. Ich möchte keineswegs der Gewalt (insbesondere gegen Frauen) das Wort reden, doch ich neige zu der Ansicht, dass nicht jede Veranstaltung für jeden Menschen gemacht ist, und dass man im Zweifelsfall besser Abstand halten sollte, als sich in Gefahr zu begeben. Wie seht Ihr das?

Black Metal ist kein Safe Space. DRUDENSANG-Konzerte sind keine Safe Spaces! Unsere Konzerte sind keine Wellness-Oasen, sondern Fegefeuer. Wer dorthin kommt, soll zittern, soll sich verlieren, soll spüren, dass er sterblich ist und das Konzert mit allen Sinnen wahrnehmen. Wer Sicherheit sucht, soll sich Zuhause einsperren oder ins Einkaufszentrum gehen. Wer uns sieht, betritt den Kreis aus Feuer und Blut, den Zyklus von Tod und Teufel – und das ist nie "sicher"!

Habt Ihr bei Konzerten bereits erlebt, dass jemand einen Drudenstein / Hühnergott wider die Bühne gerichtet hat oder wird Abwehrzauber gegen Eure Musik bislang eher von schwerhörigen Menschen am Mischpult bewirkt?

Nein, sowas haben wir tatsächlich noch nicht erlebt aber wer uns abwehren will, öffnet sich nur tiefer. Magie zieht Magie an. Kein Stein, kein Spruch kann verhindern, dass der Teufel in dir etwas erkennt – und es mitnimmt. Letzteres bewahrheitete sich wahrscheinlich schon mal, aber der Sound ist natürlich auch oft ausschlaggebend vom Hörer und manchmal sind Zuschauer anwesend, die Musik wie ein Produkt konsumieren wollen – sauber, steril, perfekt abgemischt. Unsere Konzerte sind kein Produkt, sondern eine Kommunion. Wer bei uns Studio-Perfektion erwartet, hat nichts verstanden. Feuer, Rauch, Blut und Schwefel verschlingen jede Klarheit, und genau das ist die Essenz: Chaos, Sturm, Finsternis.
Was wir erschaffen, ist kein Konzert im üblichen Sinne, sondern eine Beschwörung. Der Klang auf der Bühne ist wie der Atem des Teufels selbst: roh, schneidend, unberechenbar. Er soll überwältigen, nicht klar und perfekt sein. Wenn es dröhnt und dich zerreißt – dann war der Sound genau richtig.

Wie geht es weiter bei DRUDENSANG, welche Ziele wollt Ihr noch mit der Band erreichen?

Wir haben keine Ziele im weltlichen Sinn. Unser Ziel ist Opferung. Mehr Blut, mehr Feuer, mehr Gestalten aus der Tiefe. Jeder Auftritt, jedes Album, ist ein weiteres Tor. Solange wir noch atmen, werden wir weiter öffnen – bis das, was hinter den Toren wartet, uns ganz verschlingt.

Danke für Eure Zeit und für Musik und Bilder, die unter die Haut gehen!

Stay morbid!

Fotografie: NecrosHorns

Thor Joakimsson (Info)
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