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Interview mit Indukti (11.09.2009)

Indukti

Wer spielt denn da die erste Geige? Bei INDUKTI ist es Ewa Jablonska. 2005 hat sie mit ihrem - in Progkreisen - eher exotischen Saiteninstrument für Furore gesorgt. Bislang war INDUKTI für viele einfach nur “Die Band mit der Metal-Violine”. Auf dem neuen Album “Idmen”, das sämtlichen Online-Magazinen vor Begeisterung die Schuhe ausgezogen hat, kommt allerdings Konkurrenz. Violine vs. Hackbrett vs. Trompete, dazu gleich drei Gastsänger und ein Haufen Chaos. Musikreviews.de im Gespräch mit der Violinistin über innere und äußere Einflüsse, Musik als Kunst und als Medium.

Indukti-Idmen-Interview-1
Hallo Ewa. Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Album! Meiner bescheidenen Meinung nach ist “Idmen” die beste progressive Veröffentlichung des bisherigen Jahres. Auch sonst kommt ihr in der deutschen Elektronikpresse nicht gerade schlecht weg; Album des Monats bei den “babyblauen Seiten”, erster Platz im Juli-Soundcheck von “Powermetal.de”, ganz zu schweigen von den durch die Bank herausragenden Kritiken. Entsprechen die teilweise euphorischen Reaktionen euren Erwartungen im Vorfeld?

Um ehrlich zu sein - ja und nein. ;) Wir wussten, dass wir ein sehr gutes Album aufgenommen haben. Die Vorbereitungen und das Komponieren der Musik für dieses Album sind mit sehr viel Sorgfalt vonstatten gegangen. Aber mal ehrlich - fünf Jahre! In dieser Zeit sind die Erwartungen unserer Hörerschaft natürlich extrem in die Höhe geschossen. Deswegen waren wir einfach nur glücklich, als man unser Album als beste progressive Veröffentlichung des Jahres 2009 bezeichnete.

Ist die Resonanz in den verschiedenen Ländern ähnlich oder gibt es auch Unterschiede?

Wir warten immer noch auf den US-Release. Aber ansonsten bekommen wir bisher sehr positive Resonanz von überall her. Gut, manchmal schreiben die Leute, dass sie enttäuscht sind, dass das Album zu heavy sei, zu schwierig und so weiter. Aber genau das ist der Kern von Indukti, der sich vielleicht erst jetzt zeigt. Es ist schwierig, ihn nach nur einem Album zu erkennen. Letztendlich sind wir einfach ehrlich in dem, was wir tun. Wir könnten gar keine anderen Sounds oder Melodien aufnehmen. Genau hier und jetzt fühlen wir die Art von Emotion, die du erlebst, wenn du dir “Idmen” anhörst. Sie sind sozusagen durch uns durch auf das Album geflossen.

Das klingt sehr nach Medientheorie. Betrachtet ihr euch als Medium? Wenn ja, wie würdest du “Medium” definieren?

Wie bei den meisten Musikern ist Musik für uns eine Ausdrucksform. Alles, was wir erleben, stecken wir in unsere Musik. Manchmal bewusst, und manchmal passiert es einfach. Wenn du mich also fragst, ob wir uns als Medium betrachten - ja, im Grunde wie jeder Musiker. Sogar der aktuelle Titel handelt davon. “Idmen” kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet “Wir haben gesehen”, “Wir wissen”. Das Wort stammt aus dem zwölften Buch von Homers Odyssee und wird von Sirenen gesungen. “Idmen” ist der Beleg für all das Geringe und Gekämpfe in uns und um uns herum. Indem man es hört, wird man Zeuge dessen. Wir können sagen “Wir haben es gesehen” und jeder, der das Album hört, wird sich uns anschließen können.

Indukti-Idmen-Interview-2Gehen wir mal ins Detail und nähern uns der neuen Platte an: Auf “Idmen” entwickelt ihr einen neuen Sound, der sich stark von dem Vorgängeralbum “S.U.S.A.R.” unterscheidet - stärker als man es nach den markanten Eigenschaften von “S.U.S.A.R.” angenommen hätte, die man schon als “typisch Indukti” klassifizieren wollte. Ein solcher Richtungswechsel muss viel Umdenken erzwungen haben. Ist es euch schwer gefallen, jetzt so anders zu klingen?

Es ist in der Tat witzig, wenn jemand den Ausdruck “typisch Indukti” benutzt, nachdem wir gerade mal ein Album veröffentlicht haben. ;) Aber um auf deine Frage zurück zu kommen: Das war überhaupt nicht schwierig. Wir spielen eben diese Musik und versuchen sie konstant zu entwickeln, zu erweitern, auszudehnen und sind immer auf der Suche nach neuen Eindrücken. Deshalb könnte ich dir auch gar nicht sagen, ob das dritte Album weich oder hart wird, laut oder leise, schwarzweiß oder buntgescheckt. Wir wissen noch nicht, was uns inspirieren wird oder wo wir emotional in zwei oder vier Jahren stehen.

Knapp fünf Jahre stehen zwischen den beiden Alben. Welchen Effekt hatte die relativ lange Entwicklungszeit auf die Platte? Hätte sie anders geklungen, wenn ihr euch nur zwei Jahre Zeit gelassen hättet?

Schwer zu sagen, weil ich in so einer Situation noch nie gewesen bin. Vielleicht hätte die Evolution der Band nicht ganz so viel von einer Revolution. ;) Wir agieren in einer besonderen Form, und die ist zwar zeitraubend, aber effektiv. Indukti ist eine Independent-Band und wir versuchen unser Möglichstes, dieses System beizubehalten. Wir sind nicht daran interessiert, Alben zu veröffentlichen, nur um irgendwas zu veröffentlichen - um die Medienaufmerksamkeit oder Popularität zu wahren oder so. Dazu ist Musik zu wichtig. Musik ist Kunst, deshalb veröffentlichen wir nur, wenn wir glauben, dass unsere Arbeit vollendet ist.

Du spielst die Violine in der Band und hast “S.U.S.A.R.”  mit am meisten geprägt, weil das Instrument in Einbettung mit klinischen TOOL-Riffs einen exotischen Kontrast erzeugt. Die Violine kommt immer noch zum Einsatz, wird aber nun von aufregender Konkurrenz bedroht: Hackbrett und Trompete sind neu dabei. Wie beurteilst du diese Erweiterung?

Mit Marta und Robert (Marta Maslanka - Hackbrett, Robert Majewski - Trompete; Anm.d.Red.) zu arbeiten war fantastisch, eine sehr inspirierende Erfahrung. Sie haben “Idmen” beide einen spezifischen und einzigartigen Sound verschafft. Ich hoffe, dass ich nochmal die Möglichkeit bekomme, mit ihnen zu arbeiten.

Sowohl Hackbrett als auch Trompete kamen schon auf dem letzten Album von Sleepytime Gorilla Museum zum Einsatz. Hat Gastsänger Nils Frykdahl die Idee eingebracht, mit diesen Instrumenten zu arbeiten?

Ich wusste ja gar nicht, dass die Instrumente da auch schon zum Einsatz gekommen sind. Was für ein interessanter Zufall! Nein, die Idee kam schon von uns.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Gastsänger Maciej Taff (Rootwater), Nils Frykdahl (Sleepytime Gorilla Museum) und Michael Luginbuehl (Prisma) ausgewählt?

Unsere erste Wahl sind immer Künstler, deren Arbeit wir gut kennen. Maciej  ist schon lange ein guter Freund von uns. Wir kennen seine Band und waren von seinem Gesang schon immer sehr beeindruckt. Er ist einer der besten Sänger des polnischen Rocks - ausdrucksstark, energiegeladen und voller Power. Nils - ich bin ein großer SGM-Fan und Nils’ Stimme hat mich in ihrem Bann. Auf einem SGM-Gig in Warschau waren wir als Support Act auch zugegen und da hatten wir die Chance, ihn persönlich zu treffen. Das war ein netter Austausch, Nils erwies sich als beeindruckt von unserer Musik. Als wir ihn ein paar Monate später fragten, ob er zu einem unserer Songs den Gesang beisteuern würde, sagte er ja - einfach so. Was er mit “Tusan Homichi Tuvota” gemacht hat, ist Wahnsinn. Wir hoffen, dass es bald mal wieder zum Rematch mit ihm kommt. Und Michael - Wir sind eingeladen worden, an der Tour seiner Band Prisma teilzunehmen. Da haben wir angefangen über Musik zu sprechen und irgendwann schlug er vor, dass er auf einem der Tracks singen könne. Er ist ein sehr talentierter Bursche mit sehr viel Gefühl.

Auf “S.U.S.A.R.” war ausschließlich Mariusz Duda von Riverside zu hören. Habt ihr mit dem Drei-Sänger-System eine Dezentralisierung des Sounds bezweckt? Immerhin kann man jetzt nicht mehr behaupten, Indukti klinge nach einer härteren Version von Riverside.

Indukti-Idmen-Interview-3Indukti und Riverside sind komplett unterschiedliche Bands. Das haben wir spätestens mit “Idmen” bewiesen. Wenn wir Gastsänger einladen, kennen wir ihre Fähigkeiten. In dem Moment, wo wir ihnen anbieten, Teil unserer Musik zu werden, wissen wir bereits, an welchem Song sie arbeiten sollen. Mariusz hat in “S.U.S.A.R.” perfekt reingepasst, aber da war uns schon klar, dass “Idmen” etwas anderes brauchte. Hysterisch, verrückt und unvorhersehbar musste es sein.

Welchen Einfluss haben die Gastsänger generell auf euch als Band? Als wie wichtig seht ihr äußere Einflüsse an?

Mit anderen Künstlern zu arbeiten stimuliert dich grundsätzlich immer für die Zukunft. Es öffnet deinen geist für neue Sounds, neue Experimente und eine neue Wahrnehmung deiner eigenen Musik. Durch die Einladung von Gastmusikern entdecken wir unsere Musik aufs Neue, was es uns erlaubt, sie wieder und wieder zu spielen, immer mit neuen Emotionen. Ich schätze, sie haben das ähnlich erlebt. Ich meine hey, mit unterschiedlichen Stilen zu arbeiten ist nicht nur inspirierend, sondern dient auch der Entwicklung.

Neben den Gästen habt ihr sicherlich noch andere externe Quellen. Ihr seid eine wilde Mischung aus studierten Musikern, Psychologen und praktizierenden Bandmitgliedern. Du selbst hast Musik studiert und bereits unterschiedlichen Gruppen angehört. Was hast du aus dem Studium und deinen früheren Bands Kokszoman, Halucyna und dem Indukti-Vorgänger Vein mitgenommen?

Jede dieser Bands war anders. Gelehrt haben sie mich aber alle, dass ich die Violine nicht in ihrer klassischen Form verwenden sollte. Die Tatsache, dass ich Violine spiele, durfte mich in keiner Weise beschränken. Durch Benutzung von Distortiongeräten und Effektpedalen kann ich sowieso jeden Sound produzieren, den ich möchte. Es gibt keine Grenzen, abgesehen vom Himmel.

Als Musikkritiker ist man ja manchmal hilflos den Angriffen von Musikfans mit anderslautenden Meinungen ausgeliefert. ;) Hilf mir doch mal beim Argumentieren: Was soll ich entgegnen, wenn mir jemand sagt, “Idmen” wirke viel zerfahrener als der in sich geschlossene Vorgänger und wisse nicht, worauf er hinauswolle?

“S.U.S.A.R.” und “Idmen” sind zu unterschiedliche Geschichten, um sie miteinander zu vergleichen undIndukti-Idmen-Interview-4 zu sagen, die eine ist besser als die andere. Extreme Reaktionen sind immer noch das Beste. Wenn vom Gefühl der starken Enttäuschung bis hin zur Liebe auf den ersten Hördurchlauf alles dabei ist, haben wir gute Arbeit geleistet.

Möchtest du zum Abschluss  noch irgendwas loswerden, was dir gerade durch den Kopf rattert?

Hm, ich hoffe, dass diese kleine Unterhaltung die Musikreviews.de-Leser dazu motiviert, sich mit unserer Musik zu beschäftigen. Ich glaube, sie ist es wert, dass man ihr eine Chance gibt. ;)

Ewa, ich bedanke mich vielmals für deine Zeit und wünsche viel Erfolg bei der Promotion!

Ich danke dir, Sascha! Take care and stay indukted!:)

Sascha Ganser (Info)
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