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Interview mit October File (27.01.2008)

October File

Methadon für nimmersatte Hörer tödlicher Witze haben die Briten October File mit „In The Arms Of Devastation“ zusammengemischt; hinzu kommen aber hartkernige Fleischbeilagen, wo Jaz Coleman in seiner Giftküche eher den Wave einrühren würde. October-File-Frontmann Ben Hollyer spricht über das Selbstverständnis seiner Band, Meinungen und Inselaffen mit schlechtem Musikgeschmack – und freut sich auf eine Tour, die wegen eines kranken Bassisten nicht stattfindet.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jaz von Killing Joke? – Hat er an seine Parts selbst Hand angelegt, oder gehen die Songs ganz auf eure Kappe?

Letztes Jahr waren wir mit Killing Joke auf Tour und haben zehn Gigs gespielt. Die Zeit mit Jaz und der Band war toll, und wir haben uns die Nächte beim Quatschen über alles Mögliche um die Ohren gehauen, was man normalerweise nur im drogenbenebelten Zustand bespricht. Es war allerdings zehn mal aufregender, nüchtern über diese Dinge zu reden! Jaz ist von seiner Moralauffassung und seinem Wesen her ein Fall für sich. Wir freuten uns, als er zusagte, auf unserem Album in Erscheinung zu treten. Es war uns eine Ehre, mit ihnen zusammenzuarbeiten, und der Song ist bei weitem unser Lieblingsstück auf der Scheibe. Wir hatten den Text bereits davor geschrieben, aber mit dem Hintergedanken, dass er in singen würde. Sein Zugang zum Gesang und die Strukturen des Tracks sind mehr oder weniger sein Beitrag, und das Resultat gefällt uns sehr.

Wie ist es derzeit in Großbritannien um Bands wie euch bestellt? – Man sieht hier einerseits den anhaltenden Britpop-Hype sowie diesen neuerlichen Metal-Enthusiasmus, der sich leider auf Kopisten der x-ten Generation a la Bullet For My Valentine beschränkt...

Du willst sicher wissen, wie es in Zukunft um Gruppen wie uns hier bestellt ist, und ob wir in diesenOctober File UK-Topf passen. October File sind eine Band, die man liebt oder hasst, versteht oder nicht. Wir hatten nie das Anliegen, bekannt zu werden und sind glücklich damit, in unserem eigenen Tempo voranzuschreiten und Konzerte zu spielen. Zugegeben: wir fühlen uns, als schwämmen wir in einem Becken voller Scheiße, und das ist die Musikszene hier. Was ist aus den alten Zeiten geworden? – Es scheint nur eine neue Generation der Soundalikes und Copycats zu geben. Wir dagegen zocken einen Stil, den man am besten mit den Bands umschreibt, mit denen wir bisher auf Tournee waren. Ich will nicht sagen, dass diese neuen Gruppen Kacke sind – es gibt nur einen allgemeinen Mangel an aufregender Mucke in unserem Land. Viele Mädels singen mit starkem englischen Akzent, und Bands über ihre Freundinnen – wir nicht. Uns geht es um Sachen, zu denen wir einen Bezug haben: Dinge, die der konventionelle Denker nicht so einfach beschreiben kann. Braucht die Welt echt noch mehr Songs über Regentage und Liebe?

Was steckt hinter dem Coverartwork eurer neuen Scheibe? – Hätten Faschobands einen Sinn fürs Ästhetische, dann wäre es wohl perfekt um rechtslastige Ideologien zu verbreiten.

Wir schreiben Musik rein aus dem Grund, ihr Ehrlichkeit, Brutalität und eine Vision angedeihen zu lassen. Jedes Lied ist gespickt mit Anspielungen und voller Groll. Deshalb wollten wir etwas, das zu unseren Songs passt. Steve ist durch die Zusammenarbeit mit Killing Joke vor einiger Zeit auf den Künstler gestoßen, und wir haben ihn etwas für die Platte zusammenstellen lassen. Die Vögel auf dem Arm der Soldaten zeigen, dass Krieg auch etwas Friedliches sein kann. Wir müssen manchmal kämpfen, um den Frieden zu bewahren. Mental wie körperlich strebt man nach einem bestimmten Niveau, auf dem man sich glücklich im Leben fühlen kann. Die Patronenhülsen werden ebenfalls zu Vögeln; das symbolisiert die Befreiung mit jedem Schuss, oder allgemein etwas ins Leben zu entlassen. October File leben für das Offensichtliche, Ehrliche und Gerechte – du wirst keine Gruppe aus vier Leuten finden, die entschlossener ist, die Dinge beim Namen zu nennen. Seid ihr organisiert politisch aktiv? – Bei derart engagierten Lyrics sollte man das meinen... Wir haben unsere Ansichten, aber du wirst uns keine Brandsätze werfen oder Greenpeace-Bänder wedeln sehen. Wir sind wohl realistisch; Leute sagen, wir seien negativ oder defätistisch. Ich weiß nicht, woran das liegt: es ist doch nicht verwerflich, das Schlechte im Leben unter die Lupe zu nehmen, um die Dinge besser zu machen. Bei einem Auftritt in London kam ein Mädchen zu mir und sagte, sie fühle sich von unserem Shirt-Aufdruck „I’m a special needs child“ angegriffen, weil ihr Bruder behindert sei. Ich dankte ihr dafür, dass sie sich Gedanken gemacht hatte, woraufhin sie überrascht war. Dann erklärte ich ihr die Bedeutung des Shirts. Wir haben alle Bedürfnisse im Leben – Geld, Essen, Wärme – alles Besondere, und den Wunsch, uns so zu fühlen, wie vor zehn, 20 oder 30 Jahren, egal wie alt man gerade ist. Ich finde es gut, wenn die Leute ihre Meinung kundtun, auch wenn ich nicht unbedingt damit übereinstimme. Sind wir ehrlich: es gibt viele Deppen da draußen!

Habt ihr schon negatives Feedback aus den USA bekommen wegen der provokativen Shirt Designs? Wer ist dafür überhaupt verantwortlich?

Die Band selbst entwirft das Merchandise, und wir möchten etwas von Bedeutung damit kreieren – wie mit unserer Musik. Ein paar wenige Leute aus den USA haben uns kritisiert, aber wir haben ihnen erklärt, dass wir uns gegen ihren Präsidenten und den Kongress richten, nicht gegen sie persönlich. Die Songs sind auf ihre Art mitfühlend, weil wir alle wissen, auf welche Art die Amerikaner regiert werden, und wie wenig sie im eigenen Land zu sagen haben. Wir hätten das gerne anders und schreiben Songs, die sich eher mit den Bewohnern dort solidarisieren als gegen sie gerichtet zu sein. Es gab einige klasse Reaktionen von Amerikanern, die völlig mit uns einig waren in dem, was wir ansprechen. Es ist nur ironisch, dass eine britische Band die Aufmerksamkeit auf derlei Dinge richten muss. Es wird immer Menschen geben, die in den falschen Hals bekommen, was wir machen. Wir hören ihnen zu und urteilen dann.

Kommt euer Bandname eigentlich von dem Die-Kreuzen-Album mit dem gleichen Titel, und was bedeutet er euch?

Für mich hat der Name nichts mit irgendetwas zu tun, was ich zu sagen habe. Matt und Steve haben ihn sich vor meinem Einstieg ausgedacht, und ich denke, der Name wurde seitdem nie in Frage gestellt. Ich bin froh damit, denn er ist recht bizarr und bringt dich dazu, nach seiner Herkunft zu fragen.

Würdet ihr noch Musik machen, wenn es nichts mehr gäbe, über das man sich beschweren könnte? Wie würde das dann klingen?

Du denkst wohl , unsere Musik sei nur ein Ventil für unsere Wut und Depression... Es wird immer Dinge geben, über die man reden muss, denn Diskussionen und Redefreiheit werden gewissermaßen immer bestehen. Vieles läuft auf der Welt falsch, und der Wahnsinn wird von Geld- und Machthunger angetrieben. Das wird sich niemals ändern. Wir beschweren uns nicht oder heulen rum, denn wer so was macht, hat keine Eier, für sein Anliegen aufzustehen und die Konsequenzen zu tragen. Wir aber machen das, reden über Völkermord, Weltkriege und korrupte Regierungen. Das sind natürlich negative Themen, doch solche Ereignisse geschehen unnötigerweise oft nur wegen einzelner Personen. Liebe, grüne Wiesen, Blumen und Tiere braucht man nicht in noch mehr Songs...

Seht ihr euch eher als Mucker, oder wollte es nur der Zufall, dass ihr eure Gedanken gerade durch das Medium Musik herauslassen müsst?

Ein Musiker definiert sich wohl dadurch, dass er Musik erschafft; in dieser Hinsicht sind wir wohl Musiker. Wenn wir zusammenkommen, gibt es keine vorgefertigten Meinungen darüber was wir schreiben. Es wird sich wohl allgemein zu sehr auf das Theoretische hinter den Songwriting konzentriert. Ich würde in einem Satz sagen: Wir sind eine Band, die ihre Freundschaft hoch schätzt und Musik schafft, die unsere Persönlichkeit widerspiegelt – kompakt, heavy und unbarmherzig. Ich stimme dir dahingehend zu, dass Musik ein Ventil für Aggressionen ist. Nach einem harten Tag ist anständiger Lärm sehr befreiend! - Gute Frage also.

Sind eure Texte vielleicht nicht manchmal etwas zu direkt, etwa, wen nihr euch gegen Überbevölkerung aussprecht. Wie viel Metapher verträgt politischer Aktivismus?

Manchmal vermeidet man als Mensch Konfrontationen und die Notwendigkeit, Dinge beim Namen zu nennen. Ich sähe es gerne, wenn die Leute unsere Texte lesen und sich ihre Meinung dazu bilden würden. Die meisten nehmen sich heute allerdings nicht mehr die Zeit, sich eingehender mit der Musik zu beschäftigen, die sie kaufen. Das kommt der Musikindustrie entgegen, die Produktionslinien mit dem immer gleichen leeren Pop für Leute fährt, die stumpf dasitzen, um zu konsumieren.

Was erwartet ihr von euren Shows mit Prong? Kennt ihr die Band persönlich?

Viel Bier und zwei Wochen Chaos. Wir können kaum erwarten, in europaweit und in für uns neuen Ländern zu spielen. Wir haben viel positive Presse bekommen und sind dankbar dafür. Prong kennen wir als Band nicht so gut, mögen aber ihre Musik und freuen uns auf einige exzessive Nächte! Danke für das Interview, tolle Fragen!

Andreas Schiffmann (Info)
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