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Anathema: We're Here Because We're Here (Review)

Artist:

Anathema

Anathema: We're Here Because We're Here
Album:

We're Here Because We're Here

Medium: CD
Stil:

Alternative Rock

Label: kscope
Spieldauer: 58:07
Erschienen: 04.06.2010
Website: [Link]

Eine Tautologie führt den Weg in absoluten inneren Frieden. "We're Here Because We're Here" – wir sind hier, weil wir hier sind. Es hat einen Schlag von Agnostizismus, wenn ANATHEMA auf ihrem Comeback über das Wesen und den Sinn des Lebens philosophieren. Kein Wort, weder in noch zwischen den Zeilen, verlieren die Briten über die Zeit ihrer Abwesenheit, über kommerzielle Nichtigkeiten wie nicht vorhandene Plattenverträge. Sie tun, was sie immer getan haben: Sie erschaffen ihre ureigene Atmosphäre. Aus ihrem eigenen Selbst heraus, wie das neue Album entlarvt.

ANATHEMA sind mehr denn je personifiziertes Seelenbalsam. Dass sich ein Gefühl der Geborgenheit einstellt, wenn man ihrer Musik zuhört, gehört zu ihren Besonderheiten. Inzwischen, so viel hat sich geändert, eignet man sie sich mit den ersten Klängen an, ohne sie erarbeiten zu müssen: mit tatkräftiger Unterstützung von Steven Wilson, der eine äußerst zugängliche Abmischung beisteuerte, funktioniert "We're Here Because We're Here" auf Anhieb. Die Rezeptur des Albums: aus brüchigen, mühsamen ersten Takten, die von Vincent Cavanaghs Stimme nur noch verletzlicher gemacht werden, formen sich alsbald unverhofft mächtige Monumente, die mitnichten von böse gestimmten Gitarren alleine errichtet werden, sondern zu gleichen Teilen auch von wallenden Keyboardteppichen und variablen Schlagzeugwellen. Schon "Thin Air" ist ein solches Monument, steigert es sich als Opener doch orgiastisch und besingt dabei die Annäherung an das Unerreichbare; "Summernight Horizon" wechselt anschließend Traurigkeit und Düsternis fließend miteinander ab.

Überhaupt ist das Fließende ein ständiger Begleiter. Nicht weniger als meisterhaft ist es, wie "Angels Walk Among Us" mit Cavanaghs Gesang (und Ville Valos [HIM] Backing Vocals, man möge davon halten, was man möchte… aber hey, es funktioniert) sich in das melodisch ähnliche, aber langsamere "Presence" ergießt, das mit den weiblichen Vocals von Lee Douglas einen dramaturgischen Big Point schießt. Zuvor war Douglas bereits im Duett mit Cavanagh in der melancholischen Ballade "Everything" zu hören. Mit der Hymnenhaftigkeit von "A Simple Mistake" möchte man dann am liebsten selbst zerfließen, kann man die Schön- und Reinheit dieser Riffs doch kaum ertragen. Und schließlich ist das noch nicht alles - es folgt mindestens ein weiterer Höhepunkt. Wüsste man das zu diesem Zeitpunkt bereits, man würde vermutlich vor Verzücken explodieren.

Einzig das Stück "Get Off Get Out" hindert die Explosion an ihrer Entfaltung. Mit seiner exzentrischen Rhythmusuntermalung passt es gar nicht in den Schwung des Gesamtwerks, wodurch es fehl genug am Platz wirkt, um kurzzeitig aus der Urgewalt zu reißen, mit der ANATHEMA einen bis dahin in der Hand hatten. Umso brachialer schlägt dafür das Epos "Universal" ein und drückt die Faust wieder schmerzhaft zu. Es klingt leise an und wieder aus, doch dazwischen ergießt sich ein Meer aus Farben wie der letzte Erinnerungsstrahl kurz vor dem eigenen Tod, und inzwischen würde man sich wünschen, dass ANATHEMA den Soundtrack spielen, wenn man irgendwann mal selbst an der Reihe ist. "Hindsight", die instrumentelle Reminiszenz an den Vorgänger, geleitet das Album mit einem unwiderstehlichen Gitarrenmotiv in vielen Haushalten vermutlich in die Dauerschleife, denn wie könnte man es hier bei einem Durchlauf belassen?

FAZIT: ANATHEMAs Wiederauferstehung 2010 teilt viele Eigenschaften mit KATATONIAs "Night Is The New Day": Nicht unbedingt haben sich die Briten in ihrer Pause neu erfunden, aber das, was sie hatten, haben sie bis ins Unermessliche perfektioniert. Die Sehnsucht nach Größe und Universalität, nach absoluter Erkenntnis und totalem Bewusstsein fällt angesichts der vollkommen runden Kompositionen von "We're Here Because We're Here" sogar noch größer aus als bei den Schweden. So sieht Zeitlosigkeit aus.

Anmerkung: Neben der Standardvariante gibt es noch ein Doppel-Disc-Set, das auf einer zweiten Scheibe einen 5.1-Mix beinhaltet. Verpackt ist das Ganze als typisches kscope-Digibook mit 16-seitigem eingeklammerten Booklet in der Mitte und den beiden Discs jeweils auf der Innenseite der hochwertigen Verpackung.

Sascha Ganser (Info) (Review 6912x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Wertung: 13 von 15 Punkten [?]
13 Punkte
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Tracklist:
  • Thin Air
  • Summernight Horizon
  • Dreaming Light
  • Everything
  • Angels Walk Among Us
  • Presence
  • A Simple Mistake
  • Get Off get Out
  • Universal
  • Hindsight

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
Kommentare
Andreas
gepostet am: 11.06.2010

Ich finde die Scheibe sehr blass nach so langer Zeit.
Sascha [Musikreviews.de]
gepostet am: 11.06.2010

Jip, das hab ich von einigen gehört, vor allem von denen, die schon lange dabei sind. Ich nehm mal an, das liegt dran, dass sich das glatter anhört als vorher...
Nils [musikreviews.de]
gepostet am: 11.06.2010

Ich fand den Vorgänger ("A Natural Disaster") auch zuerst schwach und hab ihn dann lange Zeit nicht mehr gehört. Ein Jahr später hab ich es dann noch einmal probiert und es hat "Klick" gemacht. Bei der aktuellen Scheibe ist der Effekt bisher derselbe. Vielleicht zündet das Ding ja in einem Jahr bei mir. ;)

Meine Lieblinge sind "Alternative 4" und "Judgement".
Sascha [Musikreviews.de]
gepostet am: 11.06.2010

Da muss ich ja sagen, dass "A Natural Disaster" bei mir bis heute nicht funktioniert. Hab's aber auch lange nicht mehr ausprobiert.
Bei der neuen Platte bezweifle ich irgendwie, dass die nach längerer Zeit wächst... ich glaube, da zündet es entweder sofort oder gar nicht. Mag mich da aber auch täuschen. Ein Bekannter sagte immerhin, er habe anfangs gar nix damit anfangen können, sei aber dann doch relativ schnell drin gewesen.
"Judgement" steht bei mir auch ziemlich weit oben.
MJJ
gepostet am: 11.06.2010

User-Wertung:
13 Punkte

Ich teile jedes Wort der Review! Ich habe von Anathema genau das bekommen, was ich wollte. Im Gegensatz zu vielen fand ich "Natural Disaster" aber auch grandios und finde deshalb die Fortführung dessen Konzepts sehr gut. Anathema kann mich zur Zeit so berühren wie keien andere Band (ausgenommen Dredg vielleicht). Fans der älteren Alben mögen den neuen Sound als Weichspülerei abtun, mir aber wärmt es das Herz. "Alternative4" und "Judgement" sind geile Alben, aber sie können einen schon ziemlich runterziehen. Seit "Fine Day to Exit" gibt es da auch so etwas wie Hoffnung, einen Lichtschein, dem ich nur zu gern entgegeneile...
Andreas
gepostet am: 11.06.2010

ich finde nicht, dass sie ND fortführen; eine Steigerung dessen war sowieso nicht mehr drin, denn niederschlagender ging es wirklich nicht mehr. Die neue enthält einfach keine Brechungen undplätschert gefällig vorüber.
Sascha [Musikreviews.de]
gepostet am: 11.06.2010

Brechungen waren mit Blick auf den Titel allerdings auch gar nicht zu erwarten gewesen und hätten auch nicht wirklich in das Konstrukt der Platte gepasst. Sicher ist sie "gefällig", als Dahinplätschern habe ich persönlich das aber nicht im Geringsten empfunden, wenngleich es ähnlich klingende Alben gibt, die tatsächlich dahinplätschern.
Andy [musikreviews.de]
gepostet am: 11.06.2010

Ich hab den ersten Durchlauf hinter mir und bin zufrieden. Ein Urteil geht natürlich noch nicht, aber dem Fazit kann ich schon mal teilweise widersprechen, denn Katatonia haben auf NITND ihre Melancholie beibehalten, während Anathema diese auf WHBWH zu großen Teilen hinter sich gelassen haben.
Andreas
gepostet am: 11.06.2010

Okay, ich scheide aus, weil mir Katatonia schon nach Viva Emptiness nichts mehr gegeben haben ...
Sascha [Musikreviews.de]
gepostet am: 11.06.2010

Jahein ;), da kann ich dir ja im Grunde zustimmen - Katatonia haben wirklich in jeglicher Hinsicht feingeschliffen und sind folglich düsterer denn je, während Anathema ganz offensichtlich einen Schwung Optimismus (Booklet-Zitat: "And if you could love enough, you would be the happiest and most powerful person in the world") verteilt. Das schließt den Beibehalt der Melancholie aber nicht aus. Das Album besteht aus unzähligen Passagen, in denen Melancholie zum Tragen kommen soll. Und die zentrale These, dass der Tod nicht das Gegenteil von Leben ist, sondern das Gegenteil von Geburt, und dass das Leben somit ewig sei, mag für das erwähnte Geborgenheitsgefühl sorgen, Friede Freude Eierkuchen wie im Auenland bei den Hobbits herrscht deswegen aber noch längst nicht. Die Melancholie ist diesmal nur bedingt an der Düsternis der Instrumentierung abzulesen, sie ergibt sich auf WHBWH eher im Subtext. Vermutlich empfinde ich es deswegen als emotional schwerer als manch anderes Album der Band.
Sascha [Musikreviews.de]
gepostet am: 11.06.2010

@Andreas bzw. Katatonia: ich würde die Parallelen dann letztendlich aber sowieso nicht als sonderlich essenziell einstufen, mir ging es bei dem Vergleich im Grunde nur durch die Vorgehensweise, die mir bei beiden Bands jüngst sehr ähnlich erschien. Vielleicht erklärt das ja auch dein Nichtgefallen der neuen Platten. Nur Nils gibt mir dann noch Rätsel auf, er hat die letzte Katatonia-Platte schließlich mit Begeisterung besprochen. ;)
Mark
gepostet am: 14.06.2010

User-Wertung:
10 Punkte

Mir auch zu lau. Zu viel Geheule. Ganz nett trotzdem.
Andreas
gepostet am: 14.06.2010

Ja, Geheule trifft es ganz gut. Es ist bei vielen Bands so, dass man nach einigen Alben Weltschmerz fragt, weshalb die eigentlich nicht glücklicher werden. Was zuvor so authentisch wirkte, klingt dann irgendwie nach Fake. "Judgement" etwa ist großes Leidekino, aber die hier klingt seltsam selbstgefällig ... mehr vom selben Alten ...
Nils [musikreviews.de]
gepostet am: 14.06.2010

Mit der gleichen Berechtigung kann man fragen, warum andere Bands, die fröhliche Musik machen, nicht trauriger werden oder Death-Metal-Bands nicht sanfter oder politische Bands nicht unpolitischer. Die Band drückt halt das aus, wonach es sie drängt (finanzielles Kalkül kann man bei Nischenmusik ja kaum vorwerfen).

Allgemein scheint bei manchen eine Aversion gegen traurige Musik vorzuherrschen. Warum? Was macht das Empfinden von Trauer minderwertiger als das Empfinden von Freude, Wut oder Aggression? Schwingt da noch ein mittelalterliches "wer Trauer zeigt ist ein Schwächling" mit? :-)
Andreas
gepostet am: 14.06.2010

Es ist keine Aversion, aber man merkt doch, wenn ein bestimmtes Gefühl (ob Trauer oder das Gegenteil) aufrichtig hervorgekehrt wird oder eben nur Stilmittel ist. So kommt es mir halt bei Anathema vor, aber das kann einfach auch daran liegen, dass der Ausdruck nunmehr bekannt ist. Auf der letzten Scheibe war dieses vollkommen Hoffnungslose ganz neu, aber jetzt klingt es zumindest für mich irgendwie aufgesetzt.
Nils [musikreviews.de]
gepostet am: 14.06.2010

Jetzt wirds philosophisch. ;) Woran merkt man, dass die Trauer nur aufgesetzt ist? Aufgesetzt bedeutet ja, dass die vermittelten Emotionen nicht echt und nur Mittel zum Zweck sind. Aber was für ein Zweck? Die Fans zu bedienen? DIE Fans gibts bei einer Band wie Anathema eh nicht, die stilistisch in ihrer Karriere eine ziemliche Bandbreite abgedeckt haben. Das dicke Geld machen? Ist bei dieser Musik eh nicht drin. Okay, vielleicht muss die Band ein Album veröffentlichen, um weiter als Band zu überleben. Dass man da auf das zurück greift, das man vermeintlich am besten kann, ist verständlich. Aber vielleicht stehen Anathema auch tatsächlich noch zu dieser Musik. Können wir alles nicht wissen.

Ich sehe das Problem eher bei mir, dass ich für diese Stimmungen grad nicht empfänglich bin oder ich mich einfach weiter entwickelt habe (völlig wertungsfrei).
Andreas
gepostet am: 14.06.2010

nein, ich nehme einfach an, das viele Menschen einfach nicht über ihren Gemütszustand hinwegkommen und hängenbleiben, was sich bei Musikern eben in der ewig emotional gleichen Musik wiederspiegelt. Ist man selbst über diesen Zustand hinweg oder möchte davon wegkommen, gefällt die Musik persönlich nicht mehr. Weiter muss ich nicht darauf eingehen, oder - nicht in aller Öffentlichkeit :-)
Sascha [Musikreviews.de]
gepostet am: 14.06.2010

Naja, dieser Argumentation zufolge wäre es ja grundsätzlich als unnatürlich zu bezeichnen, wenn eine Band stagniert. Genauso gut kann man aber im Umkehrschluss einer Band, die einen Stilwechsel versucht, dieses Unterfangen ankreiden, weil es sich künstlich anhöre. Im Stillstand per se kann die Kritik daher schon mal nicht begründet liegen, eher in der Art und Weise des Stillstands. Dafür, dass diese mißlungen ist, wurde aber noch keine plausible Begründung genannt. Die einzige Begründung, die bisher gekommen ist, ist die von Nils, und sie baut darauf auf, dass der Fehler nicht beim Album liegt, sondern beim Hörer. Hm. ;)

Ich glaube, wenn ich den Sound des Albums auf die Bandgeschichte anwenden würde, käme ich zu einem ähnlichen Resultat wie ihr; ich empfinde ihn aber eher als Ausformung des philosophischen Grundgedankens der Platte, und genau dadurch gefällt mir die Scheibe.
Nils [musikreviews.de]
gepostet am: 15.06.2010

Mittlerweile gibt mir das Album doch mehr als am Anfang. Mal sehen, ob es weiter wächst. ;)
Andreas
gepostet am: 15.06.2010

Immer schön gießen :-)
Sascha [Musikreviews.de]
gepostet am: 15.06.2010

Also bei meinem sind schon die Knospen aufgegangen. Kann's sein, dass dein Exemplar im Keller steht, Andreas? Da muss auch Sonne dran. ;)
Oger [Musikreviews.de]
gepostet am: 16.10.2010

User-Wertung:
7 Punkte

Im Vergleich zu "Alternative 4" und "Judgement" höchstens nett.
Plätschert meist irgendwie positiv gestimmt vor sich hin und packt mich einfach nicht. Schade.
oliver f
gepostet am: 12.12.2010

Leute Leute. Ich kenne Anathema erst seit ein paar Tagen. Die neueste, letzte Scheibe ist einfach.......unglaublich schön. So einfach. So tief. Danke für so etwas wunderbar schönes.
Nadeschda
gepostet am: 10.01.2012

User-Wertung:
13 Punkte

Oh, sehr interessante Betrachtungsweise mit der Geborgenheit. Aber ich muß sagen, du hast recht! Ich seh es auch so, hätte es nur nicht so in Worte fassen können. Die Musik von Anathema hat auf mich was unglaublich beruhigendes, wird dennoch nie langweilig. "A natural disaster" ist für mich das schönste Album von ihnen. Haben auch eine Rezi darüber auf unserer Seite:
www.resurrection-dead.de/dailydead/A-Natural-Disaster-Anathema-1964
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
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