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Interview mit The Haunted (23.04.2011)

The Haunted

Nein, mit ihrem neuen Album "Unseen" haben sich THE HAUNTED nicht nur Freunde gemacht. Während die Presse (einschließlich des Verfassers) das neue Werk bejubelt, tun sich viele Fans mit der fortschreitenden Abkehr vom Thrash hin zu alternativ-metallischen Klängen schwer. Mehr als zufrieden mit dem Album ist aber Sänger Peter Dolving, der sich als gut gelaunter, unkonventioneller Interviewpartner präsentiert.

Hallo Peter, wie geht es Dir?

Mir geht es gut. Ich bin natürlich ein bisschen müde nach einem ganzen Tag voller Interview?

Wieviele hast Du denn gegeben?

Es waren zehn.

Aber es macht doch sicher Spaß, über das neue Album zu reden, oder?

Ja, wenn es denn darum geht, schon.

Ok, dann fange ich doch am besten direkt mit dem neuen Album an. Kannst Du "Unseen" so genau wie möglich mit drei Adjektiven beschreiben?

Ähm, nein (lacht).

Du könntest es aber versuchen.

Ich kann es nicht. Es ist ein gutes Album. Es ist ein großartiges Album. Es ist ein brillantes Album.

Würdest du auch sagen, dass es ein mutiges Album ist?

Aus meiner Perspektive gesehen nicht.

Warum nicht?

Für uns ist es ein sehr, sehr natürliches Album. Ein sehr definiertes Album und es hat einfach sehr viel Freude gemacht, es entstehen zu lassen. Nein, nicht mutig. Es ist sehr ehrlich, sehr direkt und ein wahrheitsgemäßes Album.

Mir ist aufgefallen, dass das Album recht positiv und weniger aggressiv klingt und generell weniger negativ, als eure vorherigen Veröffentlichungen.


Es steckt Hoffnung in diesem Album. Das ist schwer zu verstehen, aber es steckt wirklich mehr Gefühl der Hoffnung darin. Im Bezug auf die Realität ist es ein raueres Album, aber insgesamt weniger dystopisch und kommunikativer.

Ich würde bei "Unseen" von einer Änderung in eurem Sound sprechen. Wie kam es zu diesem Wechsel oder dieser Entwicklung? Wie war der Prozess ab dem Punkt, an dem ihr euch über das neue Album unterhalten habt?

The Haunted(zieht hörbar Luft ein) Das ist eine ganz natürliche Reaktion oder Antwort darauf, wie wir uns als Menschen verändert haben und gewachsen sind. Wenn man seit 15 Jahren als Band existiert und man sehr, sehr, sehr oft um die Welt getourt ist, wirkt sich das natürlicherweise auf einen aus. Wir wurden beeinflusst von den Menschen, die zu unseren Shows gekommen sind, das wirkt sich einfach auf einen aus. Wenn man es auf einer globalen Skala betrachtet, ist es wirklich seltsam, zu sehen, dass es auf der ganzen Welt Menschen gibt, die lieben, was du selber machst, die das, was du machst, ernst nehmen und sich wirklich Gedanken um jemanden wie mich machen. Ich bin nur irgendein Typ, eine Person. Ich bin ein Kerl, der in ein Mikrofon singt und auf diesem Album singe ich wirklich in ein Mikrofon. Wir machen das schon unser ganzes Leben lang und es ist so erstaunlich, so seltsam und das verändert einen sehr. Man wächst an dem, was mir machen. Jemand, der sein ganze Leben nur an einem Ort verbringt, kann von so etwas noch nicht einmal träumen. Wir sind sehr, sehr dankbar dafür und fühlen uns privilegiert durch die Liebe und die Zuwendung, die wir von den Leuten bekommen.

Habt ihr denn gar keine Sorge, dass diejenigen, die eure thrashigeren Sachen mögen, euch nun komplett den Rücken kehren?


Ich denke nicht, dass das passieren wird. Die meisten unserer Fans und auch die, die die Thrash-Sachen lieber mögen, werden mit dem Album sicherlich klarkommen. Es ist so eine gute Platte, es ist eine dieser Platten, denen man anhört, dass sie gut gespielt ist, gut produziert und gut gemixt wurde und einfach in jedem kleinen Detail gut ausgearbeitet ist.

Mein persönlicher Ansatz im Hinblick auf eure Musik bezieht sich nicht auf den Stil an sich, sondern auf die Tatsache, dass eure Musik sehr emotional ist und immer in der Lage ist, mich zu berühren. Eure ersten Platten waren sehr hart und ich erinnere mich an eine Show von Euch aus dieser Zeit auf dem Wacken Open Air, die mich völlig weggeblasen und nachhaltig beeindruckt hat. Eure späteren Alben, die teilweise melodischer und emotionaler sind, berühren mich sogar noch mehr. Ist das der Grund, warum ihr Musik macht? Um die Menschen im Inneren zu berühren?


Wow. Absolut. Es bewegt mich aber auch selber. Das ist eines dieser unglaublichen Geschenke des Musikmachens. Ach scheiße, das ist so ein verdammtes Klischee, von dem ich jetzt rede, aber es ist wirklich eines dieser Dinge. Musikmachen bewegt etwas in mir und in den anderen Jungs in der Band. So ist es bei uns. Ich weiß nicht, wie es für andere Leute ist, aber für mich ist es so. Und wenn das passiert, inspiriert es mich und ich will mehr machen und das ist die Schönheit daran. Es verändert uns Menschen, Musikmachen programmiert dein Gehirn in gewisser Weise um.

Meiner Meinung nach ist "Unseen" die logische Konsequenz eines Album wie "The Dead Eye". Siehst du das auch so?


Natürlich. Bei uns als Band gibt es eine sehr klare Linie. Wir sind mit dieser Band beim siebten Album angelangt und vorher haben wir alle sehr verschiedene Dinge gemacht. Es ist klar, dass verschiedene Einflüsse und Ausdrucksweise zusammen kommen und dass daraus etwas völlig Eigenständiges entsteht.

The Haunted"Unseen" klingt in gewisser Weise amerikanischer. War das eine Intention, die ihr hattet oder war das eher ein Nebeneffekt?

Sicherlich eher ein Nebeneffekt und nichts, das wir absichtlich gemacht haben. Wir wollten eine Platte machen, die einen gewissen natürlichen Fluss hat. Ob sie jetzt dadurch amerikanischer klingt, ich weiß es nicht. Wir lieben es, Musik zu machen und ich denke, dass wir es geschafft haben, eine tolle Platte zu machen. Es ist so schwierig mit den musikalischen Referenzen und zu beschreiben, wie etwas klingt. Wenn man über Musik spricht und ein ganzes Schloss aus Worten baut, ist es doch meist so, dass es doch etwas völlig anderes ist, was man da hört, wenn man ein Album dann auflegt. Das ist interessant, aber irgendwie auch eine seltsame Sache.

Der wichtigste Aspekt an "Unseen" ist aber, dass es immer noch zu 100% nach THE HAUNTED klingt...

Richtig.

... weil ihr einen gewissen Geist verkörpert, den meiner Meinung nach keine andere Band hat.

Ja, das stimmt, es gibt da schon eine gewisse Umrandung, eine gewisse Bösartigkeit, selbst in den softeren Nummern. Da ist ein Funke oder auch ein Feuer zwischen uns fünfen, es passiert etwas, wenn wir gemeinsam Musik machen. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es so ist, auch wenn man sich seiner Sache niemals zu sicher sein darf. Ich denke, es kommt daher... ich weiß nicht. Wir wollen, dass die Leute zuhören... (bricht in schallendes Gelächter aus). Ich lache, aber es ist wahr, wir wollen wirklich, dass die Leute uns zuhören. Hier, hört euch das an. Ihr werdet es lieben, bitte, hört euch das an.

Ich kann mir vorstellen, dass die Gesangsaufnahmen herausfordernder und anstrengender waren, als bei euren anderen Alben.

Es hat mehr Spaß gemacht als alle anderen Gesangsaufnahmen, die ich je gemacht habe, ehrlich. Es hat mir alle meine vorherigen Erfahrungen abverlangt und ich musste mich wirklich mental sehr schärfen. Das war anstrengend, ja. Ich habe pro Tag ungefähr neun Stunden daran gearbeitet und ich habe einen Song pro Tag gemacht. Ich bin früh aufgestanden, habe gefrühstückt und mich dann aufgewärmt. Ich bin ein paar Kilometer zum Studio gelaufen und wenn ich angekommen haben wir direkt losgelegt. Wir haben uns dann immer auf einen Song konzentriert und ein paar wirklich gute Takes gemacht. Dann habe ich eine Pause gemacht, ein paar Stunden geschlafen, zu Abend gegessen – also einfach ausruhen – dann bin ich noch mal kurz spazieren gegangen, hab die Stimme wieder aufgewärmt und noch mal für vier, fünf Stunden gearbeitet. Es war großartig, und ich habe es geliebt, so zu arbeiten. Das hat mich auch unserem Produzenten Tue als Freund näher gebracht und es hat mir sehr viel mehr Selbstvertrauen als Sänger gegeben.

Würdest du sagen, dass du stolz auf das bist, was du auf diesem Album geleistet hast?

Ich bin stolz auf uns, stolz auf die Band. Wir haben alles dafür getan, ein gutes Album zu machen. Ich denke schon, dass ich gute Arbeit geleistet habe, aber Stolz wäre das falsche Wort. Ich bin überglücklich, dass es so gut geworden ist. Stolz ist ein bisschen gefährlich und ein bisschen arrogant und ich bin zu alt, um arrogant zu sein.

Aber ich denke schon, dass man stolz auf etwas Gutes sein kann, das man selber geleistet hat.

The HauntedDer Punkt ist aber doch, dass ich es ja gar nicht allein gemacht habe. Ich habe es mit der Unterstützung und der Liebe, der Fürsorge und dem Respekt der anderen Vier und unserem Produzenten gemacht. Wir haben jahrelang alle möglichen Wege ausprobiert, wie wir es machen können und es ist wirklich keine Frage von Stolz, weil ich es definitiv nicht alleine gemacht habe. Auch wenn ich der Typ bin der singt. In einem kreativen Prozess macht man eigentlich nie irgendetwas allein. Das macht vielleicht jetzt keinen Sinn und hört sich komisch an, aber je länger ich das alles mache, desto mehr denke ich, dass es sich alles um die Gruppe dreht, die Gruppe von Leuten, die etwas erschafft. Und wenn die Gruppe nicht zusammenarbeitet, kommt am Ende auch nichts sehr gutes heraus.

Also würdest du sagen, dass die Gruppe nun besser ist als je zuvor?

Absolut.

Und deshalb heißt der erste Song auf "Unseen" auch "Never Better"?

(lacht) Dem ersten Song den Titel "Never Better" zu geben ist ein sehr sarkastisches Statement. Sollte es nicht alles besser werden? Er hat eine bittere Stimmung, schon fast eine bittere Wut.

Könntest du kurz erklären, worum es in den Texten geht? Gibt es einen roten Faden oder steht jeder Song für sich?

Auf unserer Homepage stehen alle Texte, am besten machst du das selber. Es ist wirklich schwer, über Texte sprechen. Auch wenn ich meine Ansichten teile, ist es nicht zwangsläufig das, was der Hörer letztlich wahr nimmt und was er fühlt.

Die letzten beiden Songs auf dem Album heißen "All Ends Well" und "Done". Das ist hoffentlich keine Andeutung auf das Ende von THE HAUNTED?

Nein. "All Ends Well" ist zweifellos ein Song über Sex. Und in "Done" geht es darum, zu einem Abschluss zu kommen, nachdem man gewisse Dinge für sich verstanden hat.

"All Ends Well" erinnert an Megadeth Mitte der 90er...


Oh.

Kannst du dem zustimmen?

Ich weiß nicht. Als wir den Song geschrieben haben, hat Jonas mir diesen Entwurf geschickt, den er "Heavy Metal Boogie" nannte. Ich liebte es, aber wir wussten zum Verrecken nicht, was wir daraus machen sollten. Ich habe dann daran getüftelt und hab alle möglichen Sachen ausprobiert und das ist dann dabei herausgekommen.

Welche Songs auf "Unseen" bedeuten dir denn am meisten und warum?

Auf dieser Platte habe ich nicht diesen einen Song, der mir mehr bedeutet, als die anderen. Ich fühle wirklich, dass sie alle zusammen gehören und ich habe für alle von ihnen starke Gefühle. Das ist die beste Arbeit, an der ich je mitgewirkt habe und es ist einfach toll.

Werdet ihr in 2011 auch noch auf eine größere Tour gehen? Bisher sind ja eher so ein paar Minitouren angedacht.

Wir werden sehen, was passiert. Es geht darum: mit einer Band wie THE HAUNTED ziehen wir einfach unser eigenes Ding durch. Wir planen einfach so, wie wir es für richtig halten. Wenn wir zum Beispiel auf einem Festival spielen, können wir doch einfach auf dem Weg zum Festival auch noch ein paar Shows spielen. Warum nicht? Wir spielen lieber, als dass wir nicht spielen. Das richtige Touren fängt ja nie an, bevor das Album draußen ist bzw. bevor es nicht ein paar Wochen zu haben ist. Die ganzen Tourkreisläufe funktionieren auf so mysteriöse Art und Weise. Wir halten lieber dem Ball flach, machen hier und da ein bisschen was. Ja, wir diskutieren über ein paar Touren, was aber wiederum nicht heißt, dass wir die auch fahren werden.

 
The Haunted


I
ch habe noch drei Fragen, die etwas persönlicher sind. Ich hatte immer den Eindruck, dass es dir hilft, der Welt zu sagen, wie du dich fühlst und was mit dir los ist. Ist dieser Eindruck richtig?

Ich bin das, was man wohl "attention whore" nennt, stehe also gerne im Mittelpunkt, ja. Es geht nicht so sehr darum, dass ich Erwiderungen brauche, sondern mehr darum, den ersten Ruf zu machen (er bezieht sich auf das Call-and-Response-Prinzip, das man z.B. im amerikanischen Spirituals hört). Ich habe als Kind nicht sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, vielleicht liegt es daran. In gewisser Hinsicht genieße ich das sehr, es geht dabei aber nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern auch um meine tiefes Bedürfnis, mich auszudrücken. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und sehr wissbegierig und wenn ich nicht Musiker geworden wäre, wäre ich ganz sicher Journalist geworden. Ich habe große Freude daran, Dinge zu sagen, die andere Leute nicht als Vorrecht wahrnehmen, das ist die Schönheit der Provokation, wenn sie denn funktioniert, wie sie soll. Sie erschafft eine Antwort. Und nicht unbedingt nur eine, sondern viele. Ich bin niemand, der herumläuft und der Meinung ist, etwas zu wissen. Ich habe keine Ahnung, deshalb stelle ich Fragen. Ich will einfach wissen, was du denkst. Wenn man eine Person ist, die meist zurückgezogen lebt, wie macht man das dann? Ich kann im wahren Leben nicht gut mit anderen Menschen umgehen, ich bin keine hypersoziale Person. Ich bevorzuge es, allein zu sein und zu arbeiten, denn durch meine Arbeit kommuniziere ich.

Das Internet gibt ja die Möglichkeit, mit Menschen in der ganzen Welt zu kommunizieren. Machst du das? Kommunizierst du mit Fans und mit Leuten, die an dir interessiert sind?


Ich denke, das ist mehr zu einem Netzwerk von Leuten ausgewachsen, die an größeren Themen interessiert sind. Leute, die an Kommunikation, Kunst, Politik und Machtstrukturen interessiert sind. Das sind die Gebiete, wo ich auch aktiv bin.

Letzte Frage: was muss passieren, damit du deinen Bart abrasierst?


Damit ich meinen Bart abrasiere? Puuh. Hier geht es um tieferes Verständnis. Ich bin wirklich glücklich mit meinem Bart und mag ihn. Er ist groß und anspruchsvoll. In der westlichen Gesellschaft hat man vor Leuten, die einen großen Bart tragen, generell erst mal Angst. Die Leute fragen einen ganz ängstlich "Warum hast du so einen Bart?" Traditionell sind es eher konservative Menschen die einen solchen Bart tragen oder eben welche, die sehr revolutionär sind. Ein paar der bizarrsten Menschen haben einen. Darwin hatte einen und zwar einen der besten. Karl Marx hatte einen guten Bart.

Der Gitarrist von Endstille hat einen tollen Bart, einen großen, roten.


Ist er ein netter Typ?

Ich glaube schon, eine Freundin kennt ihn gut.

Mein Freund Tomas Haake von Meshuggah hat auch einen tollen Bart. Ein toller Bart muss verdient sein. Man kann keinen großen Bart tragen, wenn man ihn sich nicht verdient hat.

Andreas Schulz (Info)
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