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Marten Kantus: Apostle (Review)

Artist:

Marten Kantus

Marten Kantus: Apostle
Album:

Apostle

Medium: CD/Download
Stil:

Instrumentale Klang-Reise ohne religiöse Bekehrungsversuche

Label: Eigenvertrieb
Spieldauer: 48:05
Erschienen: 01.02.2013
Website: [Link]

Endlich mal wieder ein echtes Novum unter unseren Seiten!
Hier gibt’s nicht etwa das nunmehr schon zur beliebten Tradition gewordene Massen-Review zu einem Album, sondern erstmals ein „Duo-Review“ von zwei sich ziemlich einigen Kritikern zu dem neusten Album von MARTEN KANTUSApostle“: Jochen König und dem diese Kritik Unterzeichnenden.

*****JOCHEN*****

„Ich weiß nicht, ob du Lust hast, auf die Betitelung des Albums einzugehen.
Mir ist da wenig eingefallen!“

°°°°°THORALF°°°°°

Mir schon – und während MARTEN KANTUS vorsorglich feststellt: „Eventuelle Ähnlichkeiten mit religiösen Überlieferungen sind rein zufällig.“, wird mir so seltsam warm ums atheistische Herzchen, während mich ein paar blasphemische, boshafte Gefühle überkommen, eben „rein zufällig“! Deshalb möchte ich mich schon im Vorfeld meines Kritik-Anteils bei allen entschuldigen, die das Osterfest tatsächlich noch mit Jesus Christus statt mit dem Eiersuchen in Verbindung bringen und nicht, so wie ich manchmal, das dringende Bedürfnis haben, gewissen Leuten ins Weihwasser zu pinkeln.

„Ist dieses Album ein weiteres Meisterwerk? Lasst uns abwarten, was die Kritiker dazu sagen!“

Eine Bemerkung, die jeder, der auf diesen absoluten Ausnahmemusiker und Multiinstrumentalisten, der allein auf „Apostle“ 24 (!!!) Instrumente im Alleingang spielt und damit quantitativ nunmehr locker einen MIKE OLDFIELD ins Abseits drängt, aufmerksam geworden sein sollte, auf dessen Homepage lesen darf.

Und dieses Multitalent Kantus, das außerdem komplett autark komponiert, arrangiert, aufnimmt und produziert, weiß ganz genau, was es da schreibt – denn wir haben es beinahe mit einem weiteren „Meisterwerk“ zu tun, das mir jedenfalls erst einmal ein Erschrecken abrang, als ich den Titel des Albums las. „Apostle“ - bitte nicht wieder irgendwelche musikalischen Kirchenlehren oder instrumentalen Glaubensbekenntnisse. Keine Schein-Heiligkeit von wasserpredigenden Weinanbetern oder Vergewaltigungsopfer-Ablehnern oder pädophilen Messdiener-Vernaschern, fanatischen Schwarz-Weiß-Rauchsehern und Waffen-Seligsprechern. Die Kirche als Institution mag ich eben nicht, weil sie Lehren nachhängt, die allgemeine Menschenrechte verletzt. Ja, Jungs, auch Homos sind Menschen, genauso wie Frauen, die abtreiben und alle anderen Leute, die an etwas Anderes als eure Glaubensgrundsätze oder eben gar nicht glauben. Auch wir können gut sein, selbst wenn wir am Karfreitag tanzen oder zu Ostern die Eier lieber schaukeln als in finsteren, kalten Gebäuden rumzuhängen und einen grausam Hingerichteten anzubeten.

Oder wir hören uns einfach „Apostle“ von MARTEN KANTUS an und wundern uns darüber, wie sehr dieser Berliner Multiinstrumentalist allein mit einem Albumtitel provoziert, hinter dem sich nicht etwa ein göttliches Märchenbuch-Wesen, sondern eine Lehre von NIETZSCHE versteckt.

*****JOCHEN*****

Apostle“ ist MARTEN KANTUS zwölftes Album in zehn Jahren. Was die Vorgänger bereits begannen, setzt sich auf „Apostle“ fort: eine Entwicklung weg von MIKE OLDFIELD, der die Frühwerke relativ deutlich beeinflusste, hin zu einem größer angelegten Entwurf, der sich aus neuer Klassik, Jazz und instrumentaler progressiver Musik nährt. Als Inspiration bezeichnet MARTEN KANTUS die Aufarbeitung der Lektüre Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ während einer Wanderung. „Von sich absehen lernen ist nötig, um viel zu sehen – diese Härte tut jedem Berg-Steigenden not“, steht (auf englisch!) als Motto über dem Album, das sich auch als assoziative Naturbetrachtung versteht, die das „Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde, zwischen Erkenntnis und Erlebnis, Wissen und Glauben“ durchmessen möchte.

Dem kann man folgen, muss man aber nicht.
KANTUS pendelt, dem Thema angemessen, zwischen ruhigen Passagen und expressiven Momenten, die auch Dissonanzen nicht ausschließen. Richtig schräg und vor allem krachlaut wird es nie, einlullende New-Age-Besinnlichkeit wird aber auch vermieden. Prägendes Instrument ist das Klavier, doch erweitert KANTUS sein Instrumentarium im Alleingang mitunter bis zu orchestraler Größe. Dabei gelingt ihm ein organischerer Klang als PAT METHENY mit seinem grob vergleichbaren „Orchestrion“-Experiment. Näher dran sind ANTHONY PHILLIPS symphonische Exkursionen, wobei Kantus selbst bei vollem Orchestereinsatz intimer bleibt.

°°°°°THORALF°°°°°

Was Jochen hier so schön beschreibt, entspricht dem Musiknagel, dem man mit dem Notenschlüssel auf den Klang-Kopf trifft. Aber Kantus greift auch ein weiteres Zitat von Nitzsche auf, welches er in seiner Presseinfo verwendet und die Beschreibung seiner Gefühlswelt, die er in Form seiner Musik zu verwirklichen versucht, noch intensiver darstellt: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden.“

So wandern wir also wirklich durch eine Landschaft aus musikalischen Stimmungen, die sich mal wie Berge erheben oder tief in die Täler sinken, wo Seen voller Ruhe in ihrer ganzen Schönheit die Bilder der Natur widerspiegeln. Kantus fungiert dabei als religionskritischer Bergführer, gibt das Tempo und den Schwierigkeitsgrad der Steigung bzw. des Abstiegs vor. Und er bleibt Mensch und Musiker, der mit 24 Instrumenten, die er allesamt geschickt einzeln einspielt und zu kleinen Symphonien verbindet – kein überirdisches Wesen, das seine heimlichen Jünger oder Apostel dazu bringt, Instrumente einzuspielen, die er als Überwesen für sich selbst beansprucht. Kantus ist eben ein Multiinstrumentalist, in dem ein kleiner Perfektionist schlummert, der immer dann wach wird, wenn es darum geht, ein Album zu verwirklichen, das mit so hohem instrumentalen Aufwand entsteht, dass im Grunde genommen ein komplettes Orchester dafür notwendig gewesen wäre.
Kein Wunder also, wenn MARTEN KANTUS als Reaktion auf meine Frage nach seiner Beherrschung der vielen Instrumente antwortet: „Da ich mitleidige Blicke aber gewöhnt bin, wenn ich sage, dass ich mich nicht nur auf´s Klavier konzentriere, komme ich auch damit zurecht. Und dass viele Instrumente leichter zu lernen sind, als ihr Ruf es behauptet, ist eine Erkenntnis, die man erst erlangt, wenn man´s probiert. Bisschen Training und etwas Fleiß sind freilich auch dabei.“ Vielleicht wendet sich gerade darum Kantus auf „Apostle“ immer stärker der klassischen Musik zu, so dass der Eindruck entsteht, wir hätten es, wie beispielsweise auf „On Camel's Back“, „Rondo In Green“ oder „Apostle“, mit regelrechten Mini-Symphonien zu tun.

*****JOCHEN*****

Abwechslungsreich wandelt der „Apostle“ seines Weges, versteht es Klassik, Jazz, Volksliedhaftes, Kaffeehausmusik und sanften (Progressive)-Rock einzubinden, ohne dass er in disparate Einzelteile zerspringt. Die ganz großen, mitreißenden Motive fehlen zwar, doch bleibt das Album über die gesamte Laufzeit abwechslungsreich und gelegentlich überraschend, ohne seinen insgesamt kontemplativen Charakter zu verlieren.

Klanglich hat sich KANTUS gegenüber seinen Anfängen erstaunlich gemausert; produktionstechnisch ist das höchst individuelle Werk, das wie eine vielköpfige Zusammenarbeit wirkt, unter den gegebenen Umständen, eine Meisterleistung. Dass sein Schöpfer es auch wieder kostenlos zum Download (oder als CD on Demand) zur Verfügung stellt, ist höchst erstaunlich, sollte aber keinesfalls von einem freiwilligen Obolus abhalten.

FAZIT:
°°°°°THORALF°°°°° Ein Album, das die Götter heraufbeschwört, ohne an sie zu glauben und ihnen mit der Musik huldigt, die sie verdienen – Reibung und Wohlklang, Ernst und Ironie, Symphonie und Plattitüde, Klassik und Jazz, Gott und Teufel. Hier darf der Hörer seine Entscheidung treffen, für welche Seite er sich entscheidet oder einfach nur als Musik-Wanderer zwischen Himmel und Hölle fungieren, der (s)einem Apostel folgt.
*****JOCHEN***** Man kann "Apostle" natürlich auch wunderbar hören, während man sich wieder oder neu den philosophischen Schriften Friedrich Nietzsches zuwendet. Und sei es um zu erfahren, dass sein philosophischer Diskurs weit mehr beinhaltet als: "Boah, ist das nicht der mit dem Übermenschen?!" Nur im Marvel-Universum.
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Thoralf Koß (Info) (Review 1869x gelesen, veröffentlicht am )

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  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Wertung: 11 von 15 Punkten [?]
11 Punkte
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Tracklist:
  • Aura
  • On Camel's Back
  • Sermon
  • Triptych
  • Rondo In Green (For Piano & Orchestra)
  • Morality
  • Idiot's Increase
  • Posterity
  • Twelve Men On The Moon
  • Apostle

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
Kommentare
Thomas
gepostet am: 03.04.2013

Ich finde diese Form der Rezension gelungen; dies sollte auch funktionieren, wenn 2 oder auch 3 Rezensenten gegensätzliche Meinungen vertreten
Andy [musikreviews.de]
gepostet am: 03.04.2013

Ich muss ja gestehen, dass ich es nur schwer glauben kann, dass es ein Musiker schafft, im Jahres-Rhythmus wirklich gute Alben zu erschaffen...
0815-Progger
gepostet am: 05.04.2013

Weniger ist mehr! Marten Kantus produziert zwar schöne Musik, die zwischen pflegeleichtem Wohlklang und gefälligen leichten Kanten pendelt, macht es dem Hörer aber nicht leicht, sich jedes Jahr einem neuen Album zu widmen. Da fehlen mir auf Dauer die Höhepunkte. Er bedient sich doch wohl auch einer Art von "virtuellem Orchester", so dass einige Instrumente möglicherweise auch "aus der Dose" kommen.

Weniger ist mehr! Die Rezi ist zu lang geraten und der Rundumschlag von Thoralf zu Religion und Ostern ist unpassend und völlig von einer seriösen Kritik losgelöst. Sprachlich ist das ohne jede Frage gelungen und vom Zynismus her sogar in den Grundzügen auch nachvollziehbar, wenn auch recht drastisch. Die Ansichten von Thoralf zur Institution Kirche will hier keiner lesen und haben mit dem Album nichts zu tun. Das ist rein sprachlich ein abgedroschenes polemisches Blogger-Gehabe, das in einer Musikrezension rein gar nichts zu suchen hat. Ansonsten ist die Rezi von beiden Schreibern gelungen. Bitte aber keinen Rundumschlag zu Kirche usw. Will keine Lebensweisheiten in einer Musikkritik lesen, weder von theistischer noch von atheistischer Seite. Das langweilt!
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
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