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Various Artists: Ost-Kraut! – Progressives aus den DDR-Archiven [1970-1975], Teil 1 (Review)

Artist:

Various Artists

Various Artists: Ost-Kraut! – Progressives aus den DDR-Archiven [1970-1975], Teil 1
Album:

Ost-Kraut! – Progressives aus den DDR-Archiven [1970-1975], Teil 1

Medium: Do-CD/Media-Book
Stil:

Progressiver und eigenartiger Ost-Rock, als Krautrock verkauft

Label: Bear Family Productions
Spieldauer: 139:59
Erschienen: 02.09.2022
Website: [Link]

„Zugegeben: diese CD-Reihe ist ein kleiner Etikettenschwindel – der Begriff 'Kraut' war in der Musik-Szene der DDR ungebräuchlich, wie dort auch 'Rock' noch bis Mitte der 70er-Jahre als 'Beat' tituliert wurde.“ (Nachzulesen im 76-seitigen Booklet zu „Ost-Kraut – Progressives aus den DDR-Archiven [1970-1975], Teil 1“)

Endlich! Endlich! Endlich!
Nach all den Jahren des permanenten Ignorierens des Ostrocks oder der Musik aus der Zone, wie man sie oftmals abfällig einschätzte und genauso degradierte wie alles, was aus dem Osten zu kommen schien, nur weil die Leute in ihrem Land oder Ländern gefangen waren. Die Mauern wirkten wohl in Richtung beider Seiten (auch wenn die eine, größtenteils desinteressierte, viel weniger davon betroffen war) – und warum die Neugier des Westens auf den Osten nicht ähnlich ungebremst war wie umgekehrt bleibt ein großes Rätsel. Na ja, vielleicht hatte man im Westen einfach die Neugier auf den sich gezwungenermaßen im Mangel solidarisierenden Osten durch den ungebremsten Konsum und die Erhöhung des eigenen Egos ersetzt. Gerade wenn man sich aber für Musik begeistern konnte, ist dieses Verhalten komplett unverständlich, denn im Osten entwickelte sich Anfang der 70er-Jahre eine Musik-Szene, die zwar massiven zensorischen Zwängen unterworfen war, aber locker die Qualität erreichte oder gar überbot, die aus dem Westen in den Osten überschwappte. Schließlich wollten die Musikfreunde hinter der Mauer eine ordentliche Alternative für das haben, was ihnen von politischen Beton-Köpfen, nur weil es aus dem Westen kam, verboten wurde.

Doch nachdem die Mauer 1989 gefallen und eigentlich alles möglich geworden war, schien sich keine Sau mehr für die Musik aus dem Osten zu interessieren, denn die Leute aus dem Osten stürzten sich auf die Musiker, die ihnen bis dahin aus dem Westen vorenthalten worden waren, und der Westen schien sich weiterhin in seiner gewohnten Musik-Blase, die nur in westlichen Gefilden dahinblubberte, bequem eingerichtet zu haben.
Was interessierte da schon der Kram aus dem Osten?
Da lebten doch nur verpeilte Sozis und Kommunisten – das musste plattgemacht werden, indem man die eigene Käseglocke, obwohl es auch unter der schon erheblich müffelte, drüberstülpte. Lernen von den (angeblichen) Siegern war angesagt – obwohl doch gerade die aufgeweckten 'Ossis' mit der Friedlichen Revolution diesen Sieg errungen hatten und nicht die zögerlich abwartenden und beobachtenden 'Wessis'.
Ja, das ist Geschichte – aber leider auch eine Geschichte, die sich in der Musik fortsetzt.
Darum kann man diesen Sampler „Ost-Kraut – Progressives aus den DDR-Archiven [1970-1975], Teil 1“, aus dem Hause Bear Family Productions, der sich weit in Richtung Osten, über jeglichen Tellerrand, (ver)neigt, gar nicht genug beachten und größtenteils loben, auch wenn mitunter die eine oder andere schwerere Enttäuschung mit ihm verbunden ist.

Natürlich ist es wieder als erstes dieses Überstülpen eines Begriffs, der in der DDR nicht stattfand: Ost-Kraut. Allerdings versteht sich diese Doppel-CD samt des 76-seitigen Booklets als die Fortsetzung der vierteiligen Kraut!-Serie der musikalischen Bärenfamilie.

Im Osten jedenfalls existiert der Krautrock als solches nicht, obwohl es, wie hier zu hören, jede Menge Musik gab, die man locker diesbezüglich zuordnen konnte und die wir nunmehr auf diesem beachtlichen Doppel-Decker genießen dürfen. Nur sprachen wir damals von Kunst-Rock oder symphonischer Rockmusik und Klassik-Rock (also Klassik kombiniert mit Rock). Jede Menge Progressives vereinte sich darunter. Und diese Auswahl auf „Ost-Kraut! – Progressives aus den DDR-Archiven [1970-1975], Teil 1“ ist beachtlich, denn sie vereint größtenteils absolute Raritäten aus der DDR und Osteuropa in sich, vernachlässigt allerdings ein wenig die Klassiker dieser Zeit und enthält nur mit „Tritt ein in den Dom“ (zugleich mit 10 Minuten auch das längste Stück des Samplers) von der electra-combo sowie „Gib dir selber eine Chance“ von PANTA RHEI und „Steige nicht auf einen Baum“ von den PUHDYS echt bekannte Nummern aus der DDR.

Sträflich vermisst wird allerdings auf dieser Zusammenstellung die HORST KRÜGER BAND, die mit ihrer „Tagesreise“ 1975 einen der besten progressiven, stark jazz-soul-rockigen, Titel raushauten, der prägend für die damalige Zeit war.

Dafür aber kommen mit einer seltsamen Version von „Zeit“ der Gruppe WIR und dem nicht ganz so angesagten „Was mit fehlt“ von der KLAUS RENFT COMBO sowie die Single-B-Seite „Roter Stein“ (A-Seite war das großartige „Mein Herz soll ein Wasser sein“) von LIFT weitere Stücke von in der DDR sehr erfolgreichen Bands, die man aber vordergründig nicht mit den hier gewählten Songs in Verbindung bringt. Okay, sie sind eben besonders 'krautig', aber das sind viel weitere Stücke dieser Bands auch.

Dafür aber entdeckt man eine Vielzahl anderer Jazz-Rock-Größen aus der DDR auf dem Sampler, von denen viele verboten und aus den Musik-Radio-Stationen entfernt wurden.

Leider unterläuft den Machern auf der CD 1 ein dummer Fehler bei den Titelangaben, denn da werden OMEGA und BREAKOUT von der Reihenfolge her vertauscht.

Ein echtes Highlight von „Ost-Kraut!“ ist die Fusion der KLOSTERBRÜDER aus Magdeburg mit der STERN-COMBO MEISSEN, die auf der zweiten CD mit „Gedanken an Fusion: Aktivität“ präsentiert wird. Ein extrem rares und ungewöhnliches Instrumental, das allerdings die typische Seite beider stark progressiv ausgerichteten Bands nicht wirklich repräsentiert.
Wenn das keine Rarität ist!!!

Obwohl ja eine Rarität nach der anderen während dieser 150 Musik-Minuten die Hand reicht – und dabei leider auch auf Musik aus den DDR-Archiven zurückgreift, die selbst in der DDR unfreiwillig komisch oder gar peinlich wirkten. Gemeint sind hierbei die erfolgreichen osteuropäischen Bands aus Polen, Ungarn oder der CSSR, die zwar großartige Musik machten, aber, um in der DDR aufgeführt zu werden oder gar eine LP veröffentlichen zu dürfen, dazu gezwungen wurden, in deutscher Sprache zu singen, was oftmals unfreiwillig komisch wirkt und am Ende die Gesamtwirkung der einzelnen Stücke schmälert oder gänzlich versaut. Schlimmstes Beispiel hierbei „Zerbrechlicher Schwung“ von OMEGA. Mit diesen 'Sprachvergewaltigungen' taten sich die Bands, wie BREAKOUT, ILLÉS, SKALDOWIE usw., keinen Gefallen und auch dieser „Ost-Kraut!“-Doppeldecker nicht, denn hier hätte man unbedingt auf die beeindruckenden Original-Versionen zurückgreifen sollen, um die musikalische Authentizität zu bewahren.
Zum Glück gibt’s aber von den großartigen tschechischen COLLEGIUM MUSICUM 'nur' eine Instrumentalversion mit „Hommage à Johann Sebastian Bach“ (auch wenn deren Sänger PAVOL HAMMEL gemeinsam mit PRUDY auf dem Sampler seinen deutschsprachigen Extra-Auftritt bekommt) und bei BLUE EFFECT wird in der Muttersprache gesungen, auch wenn gerade dieser an SANTANA erinnernde Titel nicht zu deren besten gehört.

So wird man als waschechter 'kampferprobter' Ossi mitunter ungläubig mit dem Kopf schütteln, wenn man erlebt, welch deutschgesungener Käse einem hier mitunter als 'Ostkraut' untergejubelt wird.

Nicht umsonst hat ein NIEMEN immer abgelehnt, dieser Forderung nach deutschen Texten nachzukommen, sodass ihm diese Peinlichkeit erspart blieb. Und er war nicht der einzige.
Doch gerade ein NIEMEN, der überhaupt seit „Enigmatic“ aus dem Jahr 1969 die progressive Vorzeigegröße ganz Osteuropas war, hätte wie Horst Krüger auf dem Sampler nicht fehlen dürfen, genauso wenig wie die einige echt großartige Longtracks, die wie selbstverständlich auf den vier 'westlichen' „Kraut!“-Samplern enthalten waren.
Diesbezüglich gibt es gleich noch einen weiteren Kritikpunkt. Denn gerade bei dieser Ausgabe 'östlichen Krauts' sind die Infos mehr als spärlich im Vergleich zu den vier anderen West-Samplern ausgefallen, die jeweils etwa 130 Seiten umfassende Booklets enthielten, bei denen grundsätzlich auch die Album- und Bandbesetzungen aufgeführt und umfangreich über die Historie geschrieben wurde. Das fehlt aber in dem fast nur halb so umfangreichen Booklet von „Ost-Kraut! – Progressives aus den DDR-Archiven [1970-1975], Teil 1“. Gerade wo es so viel Nachholbedarf in puncto Ostrock gibt, ist diese 'Sparsamkeit' zugleich größte Schwäche des trotzdem extrem wertvollen Samplers.

Am Ende ist diese ambitionierte Doppel-CD der pure Raritäten-Sampler geworden, der Einblicke in eine abstruse DDR- und Osteuropa-Musik-Szene der Jahre 1970 bis 1975 gibt und dabei leider einige wirklich großartige, ebenfalls vielen im Westen gänzlich unbekannte (längere) Stücke und Meisterwerke solcher Musiker wie NIEMEN, SBB, FERMATA, STERN-COMBO MEISSEN, M EFFEKT und und und ausspart.
Hoffentlich reicht der zweite Teil diesbezüglich noch etwas mehr als eine – selbst für viele im Osten Lebende – größtenteils unbekannte oder kurios wirkende Zusammenstellung von zwar hochinteressanten, aber in der DDR, Polen, Ungarn, CSSR usw. recht unbeachtete und wenig interessante Song-Zusammenstellung aus den DDR-Archiven der Jahre 1970-75 nach. Die Betonung liegt hier übrigens auf: DDR-Archiven, womit vor allem die Radio- und Rundfunk-Archive gemeint sind, denn das Platten-Label AMIGA litt gerade in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre einerseits immer unter einem Rohstoff-Mangel und andererseits unter deutlich härteren Zensur-Bestimmungen sowie anderen staatlichen Gängeleien, die man im Radio leichter umgehen konnte.

FAZIT: Eine ehrliche Reaktion der Macher hinter diesem ambitionierten Mega-Sampler „Ost-Kraut! – Progressives aus den DDR-Archiven [1970-1975], Teil 1“ um den 'krautigen', progressiv ausgerichteten Ost-Rock lässt diese Auswahl von Progressivem der Jahre 1970-75 aus den DDR-Archiven tatsächlich zu dem werden, was es nach den 140 Hörminuten geworden ist: „Ein kleiner Etikettenschwindel...“ Am Ende wird allerdings aus diesem 'kleinen' doch ein 'echt großer' Etikettenschwindel, zumindest wenn man sich der Erwartung hingibt, hier wahrhafte Highlights progressiver Ostrock-Geschichte, die man meinetwegen aus westlichen Maßstäben auch dem 'Krautrock' zuordnen könnte, zu erleben. Allerdings sind die hier maßgeblich ausgewählten Raritäten der DDR-Archive hochinteressante – oft progressive – Kleinode, die im Verborgenen schlummerten und es wert waren, unbedingt gehoben zu werden. Und noch dazu steigt schon jetzt die Spannung maßlos, denn einem ersten Teil muss ja garantiert auch noch ein zweiter Teil folgen! Aber bitte dann auch vom Booklet her in der Qualität wie es bereits die vier West-Kraut!-Sampler waren.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 935x gelesen, veröffentlicht am )

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  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Tracklist:
  • CD 1 (71:33):
  • Peter Holten Septett Weiter, Weiter
  • Wir Zeit
  • Die Skalden (Skaldowie) Kennst du das nicht
  • Bayon Input
  • Rote Gitarren Wachsein im Dunkel
  • Ekkehard Sander Septett Kein Märchen
  • Puhdys Steige nicht auf einen Baum
  • Joco Dev Sextett Stapellauf (Endfassung)
  • Pavol Hammel & Prudy Schluß mit den Märchen
  • Uve Schikora und seine Gruppe Deine Augen
  • Bürkholz Formation Sei kein Vulkan
  • Breakout Ich hab die Sonne
  • Omega Zerbrechlicher Schwung
  • Collegium Musicum Hommage à Johann Sebastian Bach
  • CD 2 (68:26):
  • electra-combo Tritt ein in den Dom
  • Nautiks Wir gehen am Meer
  • Lift Roter Stein
  • Blue Effect Clara
  • Klaus Renft Combo Was mir fehlt
  • Kati Kovács und die Juventus Gruppe Wind, komm, bring den Regen her
  • Panta Rhei Gib dir selber eine Chance
  • Hungaria Die Farben der Natur
  • Die Skalden (Skaldowie) Ein ferner Punkt
  • Set Eisen
  • Illés Hier stand die Sonne hoch
  • Klosterbrüder & Stern-Combo Meissen Gedanken an Fusion: Aktivität
  • Jürgen Kerth Nacht unterwegs
  • Modern Septett Berlin Sagen

Besetzung:

Interviews:

  • keine Interviews
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