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Jethro Tull - Saarbrücken, Garage - 20.08.2009

Schade, es hätte ein so schöner Abend werden können... doch das Konzert war kurzfristig vom Saarbrücker E-Werk in die sehr viel kleinere Garage verlegt worden. "Aus technischen Gründen" ;-)) Quatsch, es waren einfach nicht genug Karten verkauft worden! Ein gut gefülltes Konzert im E-Werk hätte niemals in einen mittelgroßen Club verlegt werden können! Naja, es hält sich ja bekanntlich hartnäckig das Gerücht, dass wir Rockfans blöd wie ein Sack Schrauben sind.
Ergo war die Garage überfüllt, sodass noch nicht einmal alle Besucher in den Saal gelangen konnten. Zudem staute es sich vor dem einzigen Eingang. Abhilfe hätte hier die Aufforderung von der Bühne, durchzurücken, geschaffen. Die Lüftung war am heißesten Tag dieses Jahres obendrein hoffnungslos überlastet und gegen Ende der Show klappten reihenweise Besucher kreislaufmäßig zusammen.

Zunächst wundert ihr Euch sicher, dass es in diesem Konzertbericht keine Fotos gibt. Ich konnte und habe Fotos gemacht, stelle sie aber nicht online! Warum?
IAN ANDERSON, Mastermind von JETHRO TULL, ist für seinen divenhaften Umgang mit Fotografen bekannt. Aber die Bedingungen für das Shooting in der Garage waren ein Witz! In einem winzigen Bereich von max. Ian_Anderson_Jethro_Tullzwei Metern am rechten Rand der Bühne drängelten sich gut 15 Fotografen im etwa einen Meter breiten Fotograben. In dieser Sardinenbüchse konnte man sich zwar nicht bewegen, aber das Tourmanagement bat dann doch ausdrücklich darum, die Fotografen mögen doch bitte die Plätze tauschen - hahaha! Selten so gelacht: Wer den brutalen Kampf im "Haifischbecken Fotograben" kennt, wird fröhlich mitlachen. Doch das Schärfste war die Begründung des Tourmanagers: IAN ANDERSON möchte nicht, dass seinen Fans direkt vor der Bühne, die stundenlang vor der Halle gewartet haben, um die besten Plätze zu ergattern, der freie Blick auf die Bühne verstellt wird. Hallo? In welcher Zeit lebt der Mann? Vor dreißig Jahren, als JETHRO TULL noch die Frankfurter Festhalle oder die Dortmunder Westfalenhalle zum Platzen brachten, zog dieses Argument vielleicht. Dear Mr. Anderson: Noch nicht einmal 1000 Saarländer [samt Franzosen, Belgiern, Luxembourgern und sogar Pfälzern, ;-)) die ebenfalls zahlreich anwesend waren!!] wollten Sie offenbar sehen und die haben ganz bestimmt nicht tagelang in Schlafsäcken vor der Garage 'rumgelungert, um einen der begehrten Plätze im Blickfeld des großen IAN ANDERSON zu ergattern.
Ein solches Verhalten sollte nicht auch noch durch einen optisch aufgewerteten Bericht unterstützt werden. Es kann nicht angehen, dass wir Presseleute zunehmend wie lästige Bittsteller behandelt werden. Wir machen lediglich unsere Arbeit, für unsere Leser und für die Fans, die letztendlich die Kassen aller an solch einem Event Verdienenden füllen...

Der Altmeister ließ es sich nicht nehmen, die französische Folk-Rock-Pianistin SAORI JO anzukündigen, die im Elsass beheimatet ist. Die stimmgewaltige farbige Schönheit, musikalisch irgendwo zwischen KATE BUSH und TORI AMOS verortet, überzeugte auf der ganzen Linie. Ihr hämmerndes Piano wurde von den virtuosen Künsten ihres Partners Miguel Ruiz an der akustischen Gitarre perfekt ergänzt. Sehr emotional auch ihre Gesangseinlagen: herb-raue, ja wilde Momente wechselten mit nachdenklichen und gefühlvollen Stimmungen ab - eine Verve und ein Timbre im Organ, wie es unverwechselbar für unsere gallischen Nachbarn ist. SAORI JO sollte jeder auf der Rechnung behalten, der mit den Referenzkünstlerinnen etwas anzufangen weiß. Es lohnt sich! Leider war die gute halbe Stunde für diesen überzeugenden Support etwas knapp bemessen.

Kurze Umbaupause und um 21:00 Uhr kamen JETHRO TULL, um die beiden alten Haudegen aus der Gründergeneration Martin Barre und Ian Anderson formiert, auf die Bühne. Über vierzig Bühnenjahre haben die beiden jetzt auf dem Buckel. Drummer Doane Perry ist immerhin auch schon fast 25 Jahre dabei, während David Goodier (Bass) und John O'Hara (Keys) erst seit zwei Jahren im Boot sind.
Bandleader IAN ANDERSON war und ist natürlich nach wie vor eine beeindruckende Persönlichkeit. Der 62-jährige Multiinstrumentalist, der munter zwischen Querflöte, Tin Whistle, Harp, Acoustic Guitar und Mandoline wechselte, stand natürlich im Mittelpunkt der Show, in seiner Strahlkraft bestenfalls vom kongenialen Martin Barre (Lead-Guitar) erreicht.
Den vierzigsten Geburtstag JETHRO TULLs zum Anlass nehmend, bediente sich die Setliste aus diesem tiefen Fundus. Wobei natürlich die älteren Nummern wie "Fat man" oder "Heavy horses" oder "the worst song I ever wrote", "Bouree", die großen Begeisterungstürme entfachten. Variantenreich und mit gewaltiger Expression ist der breite stilistische Umfang der Band, der neben Folk und Klassik eine gewaltige Portion Rock zu einer elektrisierenden Mixtur verbindet. "Verkopft" zwar, aber Anderson brachte immer dieses erdige Element ein, das der Name [J.T.: ein britischer Agronom des 18. Jhds] suggeriert. Eloquent und "very british" führte der Meister durch sein Programm, auch wenn er sich manche skurile politische Äußerung durchaus hätte sparen können. Aber auch für diese Eigenart ist der Mann bekannt...
Mit dem sehr proggigen "Thick as a brick" und DER Monster-Nummer des Abends, "Aqualung", steuerte die Show nach ziemlich genau 90 Minuten auf ihren Abschluss zu. Als Nachschlag gab es natürlich den JETHRO TULL-Song schlechthin, "Locomotive Breath", und der Bühnen-Derwisch Anderson zog noch einmal gewaltig vom Leder.

FAZIT: Schade, es hätte ein so schöner Abend werden können... nein: das hatten wir schon. Viel gute Musik gab es unter widrigen Bedingungen in der Saarbrücker Garage. Ob ich mir noch einmal einen Konzertbericht von JETHRO TULL zumuten werde? Only "The Whistler" knows...

Steve Braun (Info)