Musikreviews.de bei Facebook Musikreviews.de bei Twitter

Partner

Statistiken

Interview mit DARBEN (01.02.2026)

DARBEN

Die Geschichte des Black Metal ist ebenso geprägt von exzentrischen Ideen seiner Wegbereiter wie von ihrer Verflachung durch die unvermeidlichen Epigonen, von der radikalen Entfremdung vom Massenstrom der Menschen ebenso wie von der Reduktion der Musik auf banalen Konsum. In diesem an Widersprüchen keineswegs armen Spannungsfeld lässt das Schweizer Duo DARBEN mit seinem Debüt-Album "Karg" in wenigstens zweierlei Hinsicht aufhorchen: Die Interpretation klassischer Motive des Nordischen Black Metal der Neunziger Jahre gelingt DARBEN auf kraftvolle und eigenständige Weise. Nicht minder ausdrucksstark und persönlich sind allerdings auch die Songtexte geraten, in denen LVR (Gitarre & Bass) und HNS (Gitarre, Bass & Gesang) eindringlich ihren Unmut über soziale Ungerechtigkeiten formulieren und somit im Black Metal dezidiert politische Botschaften transportieren. Ich wollte wissen, was die beiden zu diesem Kraftakt antreibt, und stieß auf Musiker, die nicht aufs Maul gefallen sind.

Hallo DARBEN! Schön, dass Ihr Euch die Zeit nehmt, Euer Studioprojekt ein wenig näher vorzustellen, zumal unlängst Euer Debüt-Album "Karg" erschienen ist. Das Sprichwort "was lange währt, wird gut" lässt sich auf selbiges zweifelsohne anwenden, und unabhängig davon, wie einem die Scheibe gefallen mag, kann Euch niemand einen ebenso konsequenten wie garstigen Ausdruck absprechen, und das ist anno 2025 nicht selbstverständlich. Ich schätze, Ihr seid mit alledem im Großen und Ganzen zufrieden?

DARBEN: Vielen Dank für das Kompliment! Ja, der Entstehungsprozess hat sich über eine längere Zeit gezogen, aber das war für uns völlig in Ordnung – wir wollten uns bewusst keinen Druck machen. Unser Ziel war es, ein Album zu schaffen, hinter dem wir in jeder Hinsicht stehen können. Und wir sind beide sehr glücklich mit dem Ergebnis.

Musikalisch zehrt Ihr vom Nordischen Black Metal aufrührerischer Machart, und die Songs auf "Karg" wirken einerseits angriffsfreudig, andererseits auch "gut abgehangenen", also unverschämt groovend. "Mäander" hätte so ähnlich auch ein Album von Helrunar beschliessen können, und der Einfluss von Darkthrone ist nicht von der Hand zu weisen. Spielt Ihr die Musik, die Ihr auch seit rund 20 Jahren am liebsten hört und die sich deshalb natürlich anfühlt?

LVR: Ich denke, wer sich ernsthaft mit Black Metal beschäftigt – sei es als Musiker oder als Hörerin – kommt kaum daran vorbei, die alten nordischen Bands als Maßstab zu nehmen. Sie haben nicht nur das Genre geprägt, sondern auch für viele von uns den Zugang zu dieser musikalischen Welt überhaupt erst eröffnet. Für mich persönlich waren es genau diese wenigen Bands, die mich damals gepackt haben – und bis heute nicht loslassen. Seit über 25 Jahren begleiten sie mich, und obwohl sich mein musikalischer Horizont erweitert hat, verlieren sie für mich weder an Relevanz noch an emotionaler Tiefe. Es ist eine Verbindung, die bleibt.

Den Kontakt zu Euch vermittelt hat mir KOV, der nicht nur das Schlagzeug eingespielt oder besser gesagt unerbittlich eingetrommelt, sondern "Karg" auch gemischt hat, jedoch nicht zum Kern von DARBEN gehört, den nur Ihr beiden bildet. Kann KOV nahtlos an Eure Song-Ideen anknüpfen, oder braucht es manchmal auch sein Korrektiv?

DARBEN: Schon früh war für uns klar, dass Darben ausschliesslich aus uns beiden bestehen sollte. Als wir mit dem Schreiben begannen, hat sich diese Entscheidung schnell bewährt: Wir ticken in vielerlei Hinsicht ähnlich – musikalisch wie thematisch – und konnten das Album ohne große Kompromisse entwickeln. Dennoch spielt KOV auf unserem Debütalbum KARG eine zentrale Rolle. Zum einen ist er ein herausragender Drummer, dessen Aufnahmen uns begeistert haben. Zum anderen teilt er unser politisches Grundverständnis, was für uns – und auch für ihn – von großer Bedeutung ist. Auch wenn er nicht direkt an den Kompositionen beteiligt war, hat er immer wieder wertvolle Impulse gegeben, die wesentlich dazu beigetragen haben, dass KARG zu dem geworden ist, was es heute ist.

DARBEN wurde 2019 gegründet, sechs Jahre später liegen uns sechs Eigenkompositionen und ein Coversong vor. Spricht das für eine gewisse Gelassenheit, einen hohen Anspruch an Veröffentlichungen – oder für beides? Wann könnt Ihr Euch darauf einigen, dass ein Song wirklich gut genug ist, um ihn mit einer Aufnahme zu verewigen?

LVR: Wie schon erwähnt, wollten wir uns beim Arbeiten an DARBEN keinerlei Druck machen – im Vordergrund stand für uns der Spass am gemeinsamen Prozess. Zu Beginn war noch völlig offen, wohin die Reise gehen würde: KARG war ursprünglich als EP gedacht. Erst im Laufe der Entstehung haben wir uns bewusst dafür entschieden, doch ein vollständiges Album daraus zu machen – und uns entsprechend mehr Zeit genommen. Die letzten anderthalb Jahre waren wir vor allem mit den begleitenden Arbeiten beschäftigt: Artwork, Postproduktion und all das, was rundherum dazugehört. Da wir sämtliche Songs gemeinsam schreiben, ist es für uns essenziell, dass sie für uns beide stimmig sind. Viele Riffs wurden wieder verworfen, neu gedacht oder umarrangiert – das war auch ein Lernprozess für uns. "Hexenmal" zum Beispiel war relativ schnell fertig, während "Permafrost" deutlich mehr Zeit und Feinarbeit gebraucht hat.

HNS: Parallel zur Arbeit an “Karg” war ich auch noch in mehreren anderen Bands aktiv, was einen Großteil meiner Freizeit beanspruchte. Richtig Fahrt aufgenommen hat dieses Projekt deshalb erst im Sommer 2023. Dass es genau jetzt erscheint, war nicht direkt so geplant, sondern hat sich aus einer Kombination aus verschiedenen Faktoren ergeben.

35 Jahre nachdem mich King Diamond mit dem Konzeptalbum "The Eye" in seinen Bann gezogen hat, rennt Ihr bei mir mit "Hexenmal" nicht nur thematisch offene Türen ein, sondern der Song trifft auch musikalisch ganz feist ins Schwarze. Könnt Ihr eigene Favoriten auf "Karg" benennen, und falls ja, was zeichnet die Songs besonders aus?

LVR: "Hexenmal" ist für mich persönlich einer der zentralen Songs – nicht zuletzt, weil es der erste vollständig ausgearbeitete DARBEN-Track war und damit den Startschuss für das gesamte Album gegeben hat. Dennoch würde ich nicht von Favoriten sprechen. Jeder Song muss für uns in sich stimmig sein und das Gesamtbild tragen. Nur so fühlt sich das Album für uns wirklich vollständig an.

Vor einem Jahr habe ich in Mørkeskye #20 über die Ausstellung "Mit Feuer zu strafen!" über "Hexenwerk und Teufelsbund im Aachener Raum" berichtet, und bei mir überwiegt bis heute das Grauen, zu welcher Niedertracht Menschen fähig sind, die sich bei diesem Thema vor allem in fürchterlichster Frauenverachtung Bahn bricht. Was hat Euch dazu getrieben, "Hexenmal" zu schreiben?

DARBEN: Vielen Dank für deine Frage – und auch für den Hinweis auf die Ausstellung, deren Thema uns sehr nahegeht. Das Grauen, das du beschreibst, ist leider kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Der Begriff ‚Hexe‘ steht für uns nicht nur für die historischen Verfolgungen, sondern auch für die bis heute wirksamen Mechanismen, mit denen Frauen kleingehalten, kontrolliert und entmenschlicht werden. Ob Kopftuchzwang, die Reduktion auf häusliche Rollen oder die Behauptung, Frauen seien das ‚schwächere Geschlecht‘ – all das sind Ausdrucksformen eines patriarchalen Systems, das sich oft religiös tarnt, aber letztlich Macht sichern will.
‚Hexenmal‘ war der erste Song, den wir für KARG fertiggestellt haben, und er entstand aus dem Bedürfnis, dieser strukturellen Gewalt eine Stimme entgegenzusetzen. Der Hexenbegriff dient uns dabei als Metapher für all jene, die sich nicht fügen – und dafür bestraft werden. Der Song ist keine historische Nacherzählung, sondern eine emotionale Verdichtung: Wut, Trotz, Unbeugsamkeit. Wir wollten keine romantisierende Erzählung, sondern eine, die die Ambivalenz spürbar macht – zwischen Schmerz und Widerstand, zwischen Stigma und Selbstermächtigung.
Vielleicht ist "Hexenmal" deshalb so zentral für uns: Der Song markiert nicht nur den Anfang des Albums, sondern auch eine Haltung, die sich durchzieht – eine Absage an jede Form von Herrschaft, die sich als Moral verkleidet.

Vor einigen Monaten habe ich den Punk und Buchautor Abo Alsleben interviewt, der in grauer Vorzeit und in Folge seiner Brieffreundschaft mit einem gewissen Euronymous eine Band namens Mayhem nach Leipzig holte. Auch über 30 Jahre später wird Abo nicht müde zu betonen, dass der Mitbegründer des Norwegischen Black Metal kein Nationalist war, sondern ein an Besessenheit grenzendes Interesse am Kommunismus hegte. Hilft Euch ein solcher Umstand, DARBEN heuer als "anticapitalist, antipatriarchal & antifascist black metal" zu präsentieren?

DARBEN: Spannende Frage – und ja, diese Aussage über Euronymous ist uns auch schon begegnet. Ob sie uns „hilft“, DARBEN als antikapitalistisch, antipatriarchal und antifaschistisch zu positionieren, spielt für uns allerdings keine Rolle. Unsere Entscheidung, mit dieser Haltung an die Öffentlichkeit zu gehen, ist nicht taktisch motiviert, sondern Ausdruck dessen, was uns künstlerisch und politisch bewegt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, mit unserer Musik eine Stimme zu erheben – gegen Systeme der Unterdrückung, gegen die Normalisierung von Machtmissbrauch, gegen die ideologische Verbrämung von Ungleichheit. Wenn das jemandem nicht passt, umso besser. Black Metal soll nicht gefallen, sondern herausfordern. Er darf unbequem sein, darf anecken, darf wehtun. Für uns ist das kein Stilmittel, sondern eine Haltung. Und die ist nicht verhandelbar.

Ebenfalls in der vergangenen Ausgabe des Mørkeskye (und auch hier auf Musikreviews.de) kam das dezidiert linke Black-Metal-Projekt Uprising zu Wort, und das Interview führte mancherorts zu erstaunten Reaktionen frei nach dem Motto "so etwas hätte ich im Black Metal nicht erwartet". Das wiederum erstaunt mich ein wenig, denn unabhängig von allen ideologischen Verirrungen kann doch kaum Zweifel daran bestehen, dass Black Metal irgendwo tief in seinem Inneren auch auf ökologischen Wahrnehmungen gründet, was sich nicht zuletzt in unzähligen Album-Covern von Nebelschleiern umhüllter, verschneiter Wälder oder anderer Naturlandschaften spiegelt – oder ist das eine zu naive Sichtweise?

DARBEN: Nein, das ist überhaupt keine naive Sichtweise. Die Verbindung von Black Metal zur Natur ist tief und vielschichtig – und sie geht weit über ästhetische Mittel hinaus. Nebel, Wälder, Kälte, Einsamkeit: Das sind nicht nur Bilder, sondern Ausdruck einer Sehnsucht nach etwas, das sich der Kontrolle entzieht. Etwas Unverfügbares, das nicht vermessen, verwertet oder beherrscht werden kann. Dass linke Positionen im Black Metal manche überraschen, zeigt eher, wie stark das Genre über Jahre hinweg von rechten oder reaktionären Stimmen geprägt wurde. Dabei ist die Natur im Black Metal oft gerade kein Ort der Reinheit oder Herkunft, sondern ein Raum der Auflösung – von Identität, von Ordnung, von Macht. Für uns ist dieser Raum auch politisch. Nicht im Sinne eines Programms, sondern als Widerstand gegen Systeme, die alles vereinnahmen wollen: Kapitalismus, Patriarchat, Faschismus. Und wenn das bedeutet, dass manche irritiert sind, dann ist das völlig in Ordnung.

Dem Fratzenbuch zufolge gründet der Text zum Song "Narrenschiff" auf dem Buch "Superyachten" von Grégory Salle, in welchem der Soziologe die Luxusschiffe als Symptome "obszöner Ungleichheit" und einer exzessiven Verschwendung beschreibt. Vielleicht vergleicht sich unser derzeitiger deutscher Bundeskasper Friedrich Merz, der bereits mit dem Privatflugzeug zur Promi-Party anreiste, mit den "lucky few" der Superyachten-Besitzer und bezeichnete sich deshalb als "gehobener Mittelstand"? Wenn solche abgehobenen Typen letztlich nicht so verheerend zum Raubbau an unserer Erde beitragen würden, wären sie in ihrer seelischen Armut, ihrem Mangel an Empathie und und an Tuchfühlung mit dem Leben an sich schon fast zu bemitleiden, oder? Träumt Ihr manchmal davon, Eure Musik könnte derlei Narren bekehren und ihre Schiffe – ohne Schaden für die Ökosysteme – sinken lassen?

DARBEN: Ja, der Text zu "Narrenschiff" nimmt Grégory Salles Analyse als Ausgangspunkt, aber für uns geht es um mehr als nur um Superyachten. Sie sind ein Symbol für eine Welt, in der sich eine kleine Elite völlig von der Realität der Mehrheit entkoppelt hat – ökologisch, sozial, emotional. Wenn sich Politiker wie Friedrich Merz als ‚gehobener Mittelstand‘ bezeichnen, während sie mit dem Privatjet zur Promi-Party fliegen, zeigt das vor allem eines: Die politische Klasse hat den Bezug zu denen, die sie eigentlich vertreten sollte, längst verloren. Ob unsere Musik solche Figuren bekehren kann, bezweifeln wir. Aber sie kann benennen, was falsch läuft. Sie kann Wut artikulieren, die sonst keinen Ausdruck findet. Und sie kann sich vorstellen, dass diese Schiffe – metaphorisch gesprochen – untergehen. Nicht aus Zerstörungswut, sondern als Zeichen dafür, dass dieses System an seine Grenzen stösst. Denn es wird nur so lange funktionieren, wie genug Menschen noch mitziehen. Wenn das kippt, wenn die soziale Ungleichheit weiter wächst, wenn die ökologische Zerstörung weiter ignoriert wird, dann steuern wir zwangsläufig auf einen Bruch zu. Und ob der leise oder laut kommt, liegt nicht an uns – sondern an denen, die glauben, sie könnten sich ewig über alles hinwegsetzen.

Als Schulsozialarbeiter begegnen mir ab und zu Narren in Straßenschiffen, also in so hoch gebauten SUVs, dass mein Eindruck von solchen Vehikeln oft ein monströser ist: Das Fahrzeug als Waffe, mit dem das Kind zur Schule gefahren wird, ganz gleich, wie unsinnig – und gefährlich für andere Kinder – das in mehrerlei Hinsicht auch sein mag. Mir tut die Ansicht solch grotesker Größenunterschiede – riesige schwere Autos in enger Schulstraße, durch die sich kleine Menschen bewegen – manchmal fast sinnlich weh. Welche Narren machen Euch in Eurem Alltag ähnlich zu schaffen und lassen Euch mit einigem Groll im Proberaum ankommen?

DARBEN: Danke für diese eindrückliche Beschreibung – das Bild der 'Straßenschiffe' in engen Schulgassen ist tatsächlich schwer zu ertragen. Und ja, wir kennen dieses Gefühl gut: diese Mischung aus Wut, Fassungslosigkeit und Ohnmacht, die sich manchmal nur noch in Musik kanalisieren lässt. Einzelne Narren zu benennen, fällt uns schwer – nicht, weil es an Beispielen mangelt, sondern weil die Auswahl fast schon überwältigend ist. Was uns wirklich zu schaffen macht, sind die Strukturen dahinter: ein allgegenwärtiger Materialismus, der alles in Besitz und Status übersetzt; ein Narzissmus, der sich selbst zum Mass aller Dinge macht; und ein Egoismus, der jede Form von Rücksicht oder Solidarität als Schwäche abtut. Ob es der SUV vor der Schule ist, der Investor, der den letzten bezahlbaren Wohnraum aufkauft, oder der Politiker, der sich selbst als 'gehobenen Mittelstand' inszeniert – sie alle sind Ausdruck desselben Denkens: Ich zuerst. Ich über alles. Und wenn dabei andere zu Schaden kommen – Kinder, Natur, Gemeinschaft – dann ist das eben Kollateralschaden. Was uns antreibt, ist nicht die Reaktion auf einzelne Vorfälle, sondern die Erfahrung, dass dieses Denken überall durchscheint – in der Stadt, im Alltag, in den Nachrichten. Unsere Musik ist ein Versuch, diesem Groll eine Form zu geben. Nicht um zu versöhnen, sondern um sichtbar zu machen, was falsch läuft. Und um daran zu erinnern, dass die eigene Freiheit dort endet, wo sie die Freiheit anderer verletzt. Wenn dieser Grundsatz verloren geht, wird das Zusammenleben zur Kampfzone – und genau dagegen richten wir unsere Stimme.

"Das Irrlicht verbrennt unser Herz und Hirn", trotzdem seid Ihr mit DARBEN wie ich auch im Fratzenbuch vertreten – handelt es sich dabei um das viel zitierte "notwendige Übel", oder könnt Ihr das auch sportlich nehmen und versuchen, in all dem "Geplärr" etwas Gehaltvolleres anzubieten?

DARBEN: Das trifft den Nagel ziemlich gut auf den Kopf: Es ist ein Dilemma. Als kleine Band, die etwas zu sagen hat, stehen wir vor der Frage, wie wir unsere Inhalte überhaupt sichtbar machen können – und leider führt an Plattformen wie Facebook kaum ein Weg vorbei. Die Reichweite, die dort möglich ist, steht in keinem Verhältnis zu dem, was man ohne diese Kanäle erreichen würde. Insofern: ja, es ist ein notwendiges Übel. Gleichzeitig sind wir uns sehr bewusst, auf wessen Terrain wir uns da bewegen. Die grossen Techkonzerne, die solche Plattformen betreiben, haben längst jede moralische Orientierung verloren – sie fördern Polarisierung, Desinformation und eine Kultur der Selbstinszenierung, die mit echtem Austausch wenig zu tun hat. Und doch: Wenn wir dort präsent sind, dann nicht, um mitzuschreien, sondern um etwas entgegenzusetzen.

Das grossartige Cover-Foto von Dungeoncinth könnte auch ein ECM-Album zieren, und zumindest im alphabetisch sortierten Plattenregal ließe sich DARBEN unweit von David Darlings "Dark Wood" einsortieren. Fühlt Ihr Euch in der abgelichteten Szenerie wohler als unter (den meisten) Menschen und welcher Musik fühlt Ihr Euch nahe, obwohl sie stilistisch nicht naheliegend scheinen mag?

HNS: Mir sagt weder ECM noch David Darling etwas, aber ich sehe es als Kompliment, dass wir offenbar keine überholten Stereotypen bedient haben. Wir hatten bei der Arbeit am Album keine bestimmte Visualisierung im Sinn. Die Arbeit von Dungeoncinth war eine spontane Entdeckung, die ich über ihre Arbeit für verschiedene Schweizer Underground-Black-Metal-Bands gemacht habe. Ihre Landschaftsbilder haben mich direkt begeistert und eine kurze Korrespondenz führte rasch zu dieser wunderbaren Zusammenarbeit. LVR und mir beiden gefallen verschiedene und teilweise auch unterschiedliche Darstellungsarten. Die Arbeit von Dungeoncinth ist hier eine ideale “Schnittmenge”, die uns sofort überzeugte. Dass wir sie sowohl für das Bandfoto, wie auch fürs Layout gewinnen konnten, befriedigt unsere Vorliebe für sorgfältige und handgemachte Gestaltung. Zur zweiten Frage: Ich bin gern unter Menschen, schätze aber auch die Ruhe in der “unberührten” Natur sehr. Musikalisch bin ich stark dem Heavy Metal in all seinen Facetten verbunden, höre aber auch gerne Krautrock, Punk und Hardcore, experimentelle Musik wie Noise oder Drone und traditionelle indische Musik.

Zu Ton, Steine, Scherben werdet Ihr sicher noch so oft gefragt werden, dass ich mir das klemme. Herzlichen Dank für Eure Zeit und für ein so entschlossenes Debüt-Album! Wenn Ihr DARBEN nicht auf die Bühne bringt, unterstelle ich Euch zum Schluss, dass "Karg" nicht das letzte Lebenszeichen von Euch bleiben wird…?!

DARBEN: Danke für dein großes Interesse! Deine Fragen zeigen, wie intensiv und gründlich du dich mit dem Album und unseren Texten auseinandergesetzt hast und deine gesellschaftspolitischen Bezüge haben auch uns beim Beantworten immer wieder zum Nachdenken gebracht. Es freut uns sehr, hat das Album so viel in dir ausgelöst, dann haben wir wohl etwas richtig gemacht. Wie es weitergeht mit DARBEN, können wir jetzt noch nicht sagen. Aber es ist sicher nicht so, dass mit "Karg" bereits alles gesagt oder ausgedrückt wäre, was uns beschäftigt und umtreibt.

Thor Joakimsson (Info)
Alle Reviews dieser Band:
  • Darben - Karg (2025)