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Interview mit Endstille (24.05.2011)

Endstille

ENDSTILLE, Mk II. Nach dem Ausstieg von Iblis war lange unklar, wer neuer fester Frontmann bei der Kieler Black-Metal-Fregatte werden würde. Letztendlich war es dann doch ein alter Bekannter, nämlich Zingultus, den man von Nagelfar, Graupel und Graven kennt. Auf "Infektion 1813" gibt der vielleicht beste Black-Metal-Shouter Deutschlands einen formidablen Einstand und im ausführlichen Gespräch entpuppt er sich als sympathischer und redseliger Zeitgenosse, der tiefe Einblicke in seine Band gibt.

Hallo Zingultus. Wie ist es für dich, jetzt Interviews für Endstille zu geben? Ist das eine Umstellung oder doch eher tägliches Geschäft?

Eigentlich ist es keine Umstellung. Zwar ist die Thematik bei ENDSTILLE von der Priorität her eine andere, als in anderen Bands in denen ich spiele, aber das ist ja in jeder Band unterschiedlich, aber als Person ändere ich mich natürlich nicht.

Auf einer Skala von eins bis zehn: wie viel Spaß macht es dir, Sänger von ENDSTILLE zu sein und warum?

Ich würde sagen: neun, wobei das natürlich auch noch nach oben gehen kann, das lasse ich mir offen. Es ist mit viel Energie und Stress verbunden, so dass ich jetzt nicht sage, dass es das absolute Mega-Highlight ist, aber definitiv das, was mir zurzeit am meisten Spaß macht. Das ist in erster Linie vom persönlichen Untereinander abhängig. Wir haben aktuell ein sehr, sehr gutes und enges Bandgefüge, was der Band in letzter Zeit doch eher verwehrt blieb. Man merkt bei aller Professionalität und dem Status, dem ENDSTILLE gerecht werden müssen, ist immer noch oder mittlerweile wieder ein deutlicher Faktor an Spaß und Integrität da. Wir genießen aktuell tatsächlich die Zeit, die wir miteinander haben. Die ist für mich natürlich geringer, als für die drei oben in Kiel, aber umso mehr freue ich mich jedes Mal, wenn wir uns bei Konzerten oder sonstigen Aktivitäten treffen.

Wie kam es dazu, dass du Sänger bei Endstille geworden bist?

Das war im Sommer 2009, kurz nachdem Iblis im Frühjahr ausgestiegen ist. Es war ja so, dass einige Konzerte anstanden, wie in Wacken oder in Kaltenbach, so dass die Band schnellstmöglich einen Ersatz brauchte, um diese Termine wahr zu nehmen. Da haben sie mich schon angerufen und gefragt, ob ich nicht einspringen könnte für diese Konzerte, zudem stand ja noch im Herbst die Tour mit Hollenthon und God Dethroned an. Da hab ich aber dann gesagt, dass mir das zu kurzfristig ist und dass ich zurzeit nicht für drei Wochen auf Tour gehen kann, weil die Prioritäten für mich ganz klar im privaten Bereich liegen und Musik Hobby bleibt. Deshalb war das Thema erst mal vom Tisch. Sie haben dann weiter gesucht und hatten zwischenzeitlich mit Manevond von Koldbrann und Lugubrem aus Mexiko Interimssänger, die für die Gigs eingesprungen sind. Einen festen Sänger hatten sie aber immer noch nicht gefunden.

Auf besagter Drei-Wochen-Tour hab ich die Band dann in Köln besucht und da war es so, dass sie sich selber gar nicht mehr einig waren, ob sie noch mal so lange auf Tour gehen wollen. Man merkt, dass diese Touren einfach nicht mehr laufen, weil die Wochentermine sowieso schlecht besucht sind und sich das nicht mehr lohnt. Daraus resultierte, dass sie dann entschieden haben, dass sie gar keine langen Touren mehr machen und dadurch war ich letztendlich wieder im Gespräch, weil ich gesagt habe, dass ich unter den Umständen durchaus bereit wäre, darüber nachzudenken, mitzumachen. Dann war da aber noch dieser Distanzfaktor, Kiel – Aachen sind ja immer noch so 600, 700 km und die Frage, wie wir das machen, aber da vertrauten sie letztendlich auf die Professionalität der einzelnen Musiker an sich. Dann hatte ich das Angebot wieder auf dem Tisch und nach kurzer Überlegung habe ich dann zugesagt. Zu dem Zeitpunkt war auch in allen anderen Bands, in denen ich spiele, nicht mehr gegeben und ich wollte neue Ufer erreichen.

Wo siehst du denn die größten Unterschiede zu deiner Tätigkeit als Sänger von Graupel?

EndstilleEs ist eine komplett andere Kiste. Bei Graupel sind für mich viel mehr Emotionen verwurzelt. Ich habe irgendwann mal den Spruch getätigt "Graupel ist für mich Therapie", weil ich da wirklich sehr, sehr viel an Gefühl und Willen aufgebracht habe. Auch die enge Freundschaft untereinander, die damals noch zwischen den einzelnen Musiker bestand, war eine ganz spezielle, wir haben ja über 14 Jahren konstant in einer Besetzung gespielt. Graupel ist ja immer noch eine Undergroundband, während Endstille viel mehr in dem kommerziellen Bereich vorkommen, insofern kann man die eine Geschichte gar nicht mit der anderen Vergleichen. Graupel ist von der Pike auf eine Black-Metal-Band, während ich sage, dass ENDSTILLE vielleicht von der Basis her Black Metal ist, aber in erster Linie eine extreme Metalband und ich mich dort eigentlich freier fühle in meinem Handeln.

Das hast du ja auch im Graupel-Interview im Legacy gesagt, dass du ENDSTILLE gar nicht als Black-Metal-Band siehst. Was haben denn die anderen dazu gesagt?

Da hat keiner einen Kommentar zu abgegeben, letztendlich ist es aber auch scheißegal, wie man die Musikrichtung nennt. Das ist mir letztens noch mal aufgefallen, als ich darüber nachdachte, welche Band am besten zu ENDSTILLE passt , um mit ihr Tour zu gehen. Mir fiel wirklich niemand ein. Das heißt jetzt nicht, dass wir supereinzigartig sind, sondern wir füllen definitiv eine große Lücke zwischen Underground und kommerziellem Black Metal und sind dabei wirklich extrem. Vielleicht gehen noch Belphegor in diese Richtung, zwar nicht thematisch, da sind wir ja sowieso eine ganz eigene Kategorie. Aber etwas musikalisch wirklich Vergleichbares ist mir nicht eingefallen.

Das mit Belphegor kann ich nachvollziehen, weil die auf ihre Art und Weise extrem sind und ihr Ding konsequent durchziehen und keine Rücksicht auf Verluste nehmen, dabei aber immer noch erfolgreich sind.

Letztendlich ganz ähnlich wie bei ENDSTILLE. Klar, Belphegor sind auch nicht nur mit Ruhm beschüttet wurden, weil man spaltet. Entweder hasst man Belphegor oder man liebt sie und bei ENDSTILLE ist es genauso. Das ist eine gegebenen Sache, der wir uns auch bewusst sind. Wir sind aber glücklich mit dem was wir machen und das ist, was zählt und letztendlich sprechen die Konstanz und die Präsenz dar Band dafür, dass man nicht unbedingt etwas falsch macht.

Warum ist eigentlich Lugubrem nicht neuer Sänger geworden?


Da war die Distanz dann wohl doch zu groß. Er wohnt halt in Mexico City und es schien auch nicht 100%-ig gepasst zu haben. Er ist aber noch ein enger Freund und Vertrauter der Band und gern gesehener Gast, wenn er mal in Europa ist, weil die Band ihm auch unheimlich dankbar dafür ist, dass er damals kurzfristig diese drei-Wochen-Tour realisieren konnte und der Band definitiv den Arsch gerettet hat.

Ich hab ihn letztes Jahr ein paar Mal auf der Bühne mit euch gesehen und hatte immer das Gefühl, dass der Typ total wahnsinnig wäre. Wie ist der denn so?


Der ist ein verrückter Mexikaner, das ist richtig. Das ist einfach die Mentalität da unten. Da sitzen das Messer und das Bestechungsgeld locker und mehr braucht man dazu auch nicht zu sagen. Das haben wir ja auch innerhalb unserer Grenzen, du kannst den Hamburger nicht mit dem Münchener vergleichen und das südamerikanische Temperament spricht einfach für sich in dem Moment.

Kommen wir zum neuen Album. Wie groß ist dein Anteil an "Infektion 1813"? Welche Texte sind von dir und hast du auch Musik beigesteuert?

Endstille "Infektion 1813" CoverFür die Musik ist immer noch Wachtfels in erster Linie verantwortlich. Er kommt mit entsprechenden Ideen in den Proberaum und die werden dann gemeinsam ausgearbeitet. Da es auch so ist, dass ich an den Proben nicht teilnehme, ist es letztendlich so, dass ich keinen großartigen musikalischen Anteil habe. Ich kann hingehen und sagen "Hier, dies und das Riff gefällt mir und das nicht", weil ich auch immer Aufnahmen und Outtakes der Proben zugeschickt bekomme. Ich kann an der Struktur der Lieder Einfluss nehmen, aber es ist nicht so, dass ich in irgendeiner Art und Weise Riffs oder so beisteuere, dazu bin ich auch musikalisch zu untalentiert. Ich weiß auch nicht immer, was da von mir erwartet wird. Bei Graupel ist es ja genauso, da habe ich genauso wenig Anteil an der Musik, da ist es Gnarl, der in erster Linie die Musik schreibt. Da wird vieles fehlinterpretiert und meine Person ein wenig zu hoch stilisiert.

Was die Texte angeht, da ist es so, dass ich mittlerweile Haupttexter bei ENDSTILLE bin. Bei den neuen Liedern hab ich von acht regulären Texten vier geschrieben. Es ist nicht so, dass ich ein Monopol beherberge, aber es ist so, dass ich lieber eigene Texte singe, als die von anderen Leuten, weil ich mit den Texten an sich entsprechende Emotionen und Variationen im Voraus im Kopf habe und die auch entsprechend umzusetzen versuche. Im Bezug auf "Infektion 1813" ist es so, dass ich "Anomie" geschrieben habe, "When Kathaaria Falls", "World Aflame" und "Bloody H (The Hurt-Gene)".

Mir sind ein paar neue Elemente wie die Backing Vocals im Refrain von "Bloody H", die hardcore-mäßigen Shouts in "The Deepest Place On Earth" oder der "burn, burn"-Part in "World Aflame" aufgefallen. Waren das deine Ideen?

Alles was im Bezug auf die Lyrics bzw. auf den Gesang zurück zu führen ist, ist letztendlich meine Idee. Das ist die Freiheit, die mir die Band gegeben hat und die ich auch eingefordert habe. Am Anfang hab ich ein wenig zurückgesteckt, weil ich gedacht habe, ich kann jetzt nicht hingehen und einen Schreihals erster Güte wie Iblis ersetzen und anfangen clean zu singen, das ist eine ENDSTILLE-Platte. Die Jungs meinten dann aber "Mach! Wenn Du da Bock drauf hast, dann mach das. Dafür haben wir dich geholt. Wir wollten eine Veränderung in der Band und die ist mit dir gegeben, sonst hätten wir auch jeden anderen Hinz und Kunz nehmen können, aber wir wollten einen variablen Sänger." Letztlich durfte ich machen was ich wollte und ich sollte es auch tun, sie haben mich also auch darin bestärkt, solche Dinge auszuprobieren. Beim Hardcore-Part in "Deepest Place On Earth" meinte Wachtfels "Um Gottes Willen, das hatten Destruction schon auf der "Release From Agony", müssen wir das jetzt auch noch bringen?" Da meinte ich nur "Ey, ich finds geil und das bleibt so." Er war dann auch einverstanden, ich rede ihm ja auch nicht in irgendwelche Riffs rein und sage ihm, wie er Gitarre zu spielen hat. Dieses Vertrauen der anderen habe ich in dem Moment einfach genossen und das hat mich bestärkt, auch neue Sachen auszuprobieren. Es ist zwar eindeutig immer noch ENDSTILLE, aber es sind auch musikalisch ganz neue Facetten aufgetaucht, an die vorher gar nicht zu denken war. Jetzt ist nicht mehr nur stumpfes Gebolze und Geboller an der Tagesordnung.

Wobei ich auch sagen muss, dass ich mir nur äußerst wenige Alben von ENDSTILLE an einem Stück anhören kann, die gehörten definitiv nicht zu meinen persönlichen Favoriten. Aber sie waren immer enge Freunde von mir und ich mochte auch die Musik an sich, aber ich sah auch, dass es Schwachpunkte in der Band gab und es war für mich auch ein Ziel, die Band persönlich für mich wertvoller zu machen. Hätte ich da eine perfekte Band gehabt, die mich gefragt hätte, dann hätte ich gesagt "Was soll ich denn bei euch, ihr seid doch geil wie ihr seid" und dann hätte ich auch nicht diese Motivation gehabt. So aber habe ich eine Aufgabe für mich gefunden und ich bin froh, dass es so gekommen ist. Definitiv ist "Infektion 1813" mein persönliches Lieblingsalbum, auch unabhängig davon, dass ich da drauf bin, weil ich so was normalerweise auch überhaupt nicht im Bezug auf Veröffentlichungen, auf denen ich drauf bin, sage. Mal abgesehen von der letzten Graupel, dem Album jetzt und vielleicht noch der Graven kann ich mir alles andere, wo ich drauf zu hören bin, nicht mehr anhören. Das ist für mich abgeschlossen.

Es war also eine Voraussetzung für dich, dass du dich gesanglich voll einbringen kannst oder hast du vielleicht auch gesagt "Ok, ich guck erst mal, was die von mir erwarten"?


Auf jeden Fall. Im Vorfeld wurden ganz klar die Grenzen abgesteckt, ich habe meine Vorstellungen und Erwartungen an die Band offen kund getan, auch weil sie in gewisser Hinsicht dem widersprachen, wofür die Band in der Vergangenheit gestanden hat. Die Band hat mir aber entsprechende Zugeständnisse gemacht und das war für mich auch klar der Grund zu sagen, dass ich mitmache.

Ihr habt ein Shirt, auf dem "The most aggressive Punks in Black Metal" steht, auf dem Album findet sich ein Song mit dem Titel "Satanarchie".

Das Shirt heißt ja genauso und basiert auf dem Text.

Inwieweit sind ENDSTILLE denn Punk?

Im Endeffekt ist es ja so, dass die komplette Metalkultur auf dem Punk basiert. Es gibt kein größeres "Fuck You" als den Punk. Wir sprechen jetzt nicht von Green Day oder so was, sondern von richtig ekelhaftem Straßenpunk. Es ist dreckig, asozial und aggressiv. Es sind alle Attitüden vorhanden, die bei aller Evilness und Trueness rüberkommen. Jeder Punk hat doch mehr Stil als irgendwelche Postrock-Black-Metal-Bands. Punk und Black Metal gelten heutzutage ja schon fast als Paradoxon, weil der Black Metal ja auch immer wieder in die rechte Ecke geschoben wird. Aber wenn man sich rein stilistisch den Aufbau von Black Metal anguckst, ist das letztendlich nichts anderes als schneller Punk, ähnlich wie Speed Metal. Vom Wertesystem her sind wir näher am Punk als an sonstigem.

Worum geht es sonst in dem Song? Der fängt ja mit Ausschnitten aus der Thelema und mit Zitaten von Aleister Crowley an.


Genau. Wobei das kein Sample ist, sondern eine Hommage meinerseits an Aleister. Ich habe da versucht, seine Stimme ein wenig zu imitieren. Ansonsten geht es tatsächlich darum, die Anarchie in Form des Satanismus klarzustellen. Es ist für mich schwierig, das Ganze in Worte zu fassen, weil der Text nicht von mir ist, sondern von Mayhemic.

Dann allgemeiner: inwieweit ist das Thema "Satanismus" für dich oder für ENDSTILLE mehr als nur ein Stilmittel?

EndstilleBislang war es so, dass ENDSTILLE wenig mit Satanismus zu tun hatten. Es gab immer irgendwelche anti-religiösen Texte, in denen aber dieses Klischee-Bösesein, um es mal ganz ketzerisch zu sagen, mitschwang, es war kein philosophischer Hintergrund dabei. Das ist bei mir ganz anders. Ich habe ja weniger mit dieser Kriegsthematik am Hut, da ist Wachtfels der erste Ansprechpartner, er ist ja wirklich auch eine wandelnde Enzyklopädie was das betrifft. Klar, ich habe aber versucht, mich dem in irgendeiner Weise anzupassen und habe auch mit "Anomie" und "Bloody H" Kriegstexte verfasst. "World Aflame" geht vom Inhalt mehr in diese antikosmische Richtung, trotz des Intros. Das war ganz komisch, ich hatte dieses Lied fertig gestellt und eingesungen und die Intention des Textes ist eine ganz andere, als das Intro vermuten lässt, aber es passt einfach wie Arsch auf Eimer. Das ist so eine Gratwanderung zwischen meinen Stilmitteln in Form von meiner eigenen Philosophie, die ein bisschen in Richtung Satanismus geht, auch wenn es kein ritueller Satanismus und kein Okkultismus ist und dem Stil von ENDSTILLE. Ich will auch niemanden mit solchen Texten bekehren, ENDSTILLE ist eine Band, die unterhalten soll und was auch wieder ein Unterschied zu Graupel ist, die ein Bedürfnis jeden einzelnen Musikers sind.

Wer hatte denn die Idee zum "Text" von "Volkerschlächter"?

Die Idee kam von Cruor. Das basiert auf dem Cover von "Verführer", wo wir Kaiser Wilhelm als Metzger hatten. Wir hatten dieses ellenlange Stück und ich hatte erst vor, den zweiten Teil von "Bloody H" da drauf zu setzen. Das Stück fiel aber soweit aus dem Rahmen, dass es prädestiniert war für das "Endstille"-Stück, welches ja immer in gewisser Weise abseits der anderen Stücke eines Albums stand. Wachtfels war der Meinung, da gar nichts drauf zu setzen und das Stück instrumental zu lassen. Cruor kam dann an und hatte die Idee, da ein paar Völkerschlächter aufzuzählen und ich bin dann einfach in die Kammer und habe einen One Take gemacht, bei dem es auch geblieben ist. Die Namen hatte Cruor aber im Vorfeld gesammelt und selektiert. Im Nachhinein fällt einem aber immer noch der eine oder andere ein, den wir noch hätten mit rein nehmen können.

War es eine große Umstellung für dich, Kriegstexte zu schreiben oder fiel es dir eher leicht?


Nee, das war schon schwierig. Bei Graupel habe ich aus eigenen emotionalen Bedürfnissen und mir Sachen von der Seele geschrieben. Ich bin kein Geschichtenerzähler, sondern jemand der Sachen heraus schreibt, die ihn ankotzen. Ich musste mich da ein Stückweit hineinfinden und bin im Bezug auf "Bloody H" nicht so 100%-ig zufrieden, weshalb der Text auch nicht im Booklet abgedruckt wird. Ich habe einen hohen qualitativen Anspruch an Lyrik und der war für mich da nicht gegeben. Bei "Anomie" ist es eine andere Geschichte, weil das einen gesellschaftlichen Hintergrund hat und da habe ich mich dann eher wiedergefunden als in einer reinen Kriegsthematik.

Du singst nicht gerne Texte anderer Leute. Gibt es ENDSTILLE-Songs, die du nur ungern singen würdest?


Grundsätzlich spielen wir keine Lieder live, die mir wirklich nicht gefallen, da können mich die anderen auch nicht umstimmen. Wir haben so einen großen Topf, dass wir auch keine Rücksicht darauf nehmen müssen, weil einer ein Lied toll findet und wir dann irgendwelche Kompromisse eingehen müssen. Ich hatte anfangs ein Stück weit Probleme, Lieder von Iblis zu singen, weil ich mit ihm in Kontakt war, als es soweit war, dass ich den Posten übernehme. Er war darüber ein bisschen enttäuscht, dass ich es gemacht habe, konnte es aber nachvollziehen. Er konnte nachvollziehen, dass die Band mich gefragt hat, weil er auch meinte, dass sie keinen besseren hätten nehmen können, auf der anderen Seite hätte er als Freund von mir erwartet, dass ich es nicht mache und nicht in seine Fußstapfen trete. Ich habe aber gesagt, dass ich keine Iblis-Kopie sein werde, weil ich ihn respektiere und habe mit ihm abgesprochen, welche Lieder die er geschrieben hat, ich singen darf und welche ich verändern muss. Er hat mich letztendlich darum gebeten, alles, was er geschrieben hat, zu verändern und so habe ich Lieder, die wir live spielen und deren Texte er geschrieben hat, dann auch umgeschrieben. Es werden also nicht mehr die Originaltexte auf der Bühne gespielt.

Kannst du dich an die erste Show mit ENDSTILLE erinnern? Wie war das, warst du sehr aufgeregt?

Der erste reine Gig mit ENDSTILLE war in Lübeck auf dem Rocktower Festival im März oder April 2010. Ich bin selten wirklich aufgeregt, bevor ich auf die Bühne gehe, das ist einfach nur eine gewisse Anspannung, aber oben auf der Bühne selber macht ein Schalter "klick" und ich lasse dann allem freien Lauf. Das ist mir auch auf dem Wacken aufgefallen. Ich hab da erst gedacht "Ey scheiße, du spielst da vor 40.000 Leuten und wirst dir in die Hosen machen". Als die Reiter gespielt haben, bin ich mal auf die Bühne und hab geguckt und dachte dann nur "Oh! Das ist schon ein ziemlicher Hammer". Als wir dann aber hinter der Bühne standen und das Intro lief und von den 40.000 noch 20.000 "ENDSTILLE" gerufen haben, da bekam ich schon ein Gänsehaut. Von dem Gig an sich hab ich aber überhaupt keinen Film mehr. Es macht aber für mich keinen Unterschied, ob ich im kleinen Club vor 100 Leuten spiele oder auf großen Festivals, weil ich tatsächlich auf der Bühne in eine Art Trance falle und meinen eigenen Film fahre und nicht viel von dem realisiere, was um mich herum passiert. Deswegen renne ich wahrscheinlich auch auf der Bühne alles um und wirke wie besoffen.

Gerade im Bezug auf Graupel war es oft so, dass die Leute mich als total besoffen auf der Bühne dargestellt haben, obwohl ich immer derjenige war, der am wenigsten Alkohol getrunken hat. Über solche Geschichten lache ich aber letztendlich. Es hat aber mit Sicherheit eine andere Magie, ob ich mit Graupel oder ENDSTILLE auf der Bühne stehe. Bei Graupel ist es so, dass ich mich mehr auf meine Mitstreiter verlassen konnte, weil wir eingespielter waren. Mit ENDSTILLE proben wir ja nie miteinander. In der ganzen Zeit wo wir jetzt zusammen spielen, haben wir einmal eine Stunde gemeinsam geprobt. Auf der Bühne herrscht einfach der Krieg, da ist es egal, ob mal eine Gitarre quietscht. Es ist aber schon etwas anderes, nicht seine eigenen Lieder zu singen. Ich habe auch mehr Spaß daran, die neuen Lieder auf der Bühne umzusetzen, weil ich da eine emotionale Bindung habe. Die anderen Lieder werden nur dargestellt, die neuen werden gelebt.

Wie hast du denn die Show auf dem letzten Summer Breeze empfunden? Es gab da ja ein paar Probleme mit Wachtfels’ Gitarre und man hatte das Gefühl, dass er mächtig angepisst war und seine Performance immer aggressiver wurde. Hast Du das auch so erlebt?

EndstilleNein, ich habe das gar nicht mitgekriegt. Aber ich war da glaub ich auch nicht ganz unschuldig, weil ich ihm... oder war es auf dem Wacken? Da habe ich es jedenfalls geschafft, ihm sein Effektgerät auszutreten und auf dem Summer Breeze bin ich ihm auch ein- oder zweimal in die Gitarre gelaufen. Aber wie gesagt, ich nehme da keine Rücksicht. Viele sagen, dass der Wacken-Auftritt besser war, als der auf dem Summer Breeze, aber ich habe da immer ein ganz eigenes Empfinden. Allein durch die Atmosphäre der Dunkelheit im Zelt fand ich den Auftritt besser, aber das ist ja auch rein subjektiv. Aber das ist es ja immer, besonders auch bei einer Band wie ENDSTILLE, die ja schon polarisiert. Summer Breeze war das beste Beispiel. Ich habe Berichte gelesen, wo drin stand, dass das Zelt halbvoll war und dass die Leute, die Behemoth erwartet haben, auch noch gegangen sind. Nach dem Gig trifft man dann aber jemanden, der dir sagt, "Hey, ich hätte euch gerne gesehen, aber ich bin nicht ins Zelt rein gekommen, weil es so rappelvoll war." Da denkt man schon, dass da irgendwas nicht stimmt und irgendjemand eine falsche Wahrnehmung hat, deswegen vertraue ich nur meiner eigenen.

Ich fand Aachen, wo ihr im Musikbunker mit Verdunkeln und Kilt gespielt habt, am besten. War das für dich etwas besonderes, mit deiner neuen Band "zuhause" zu spielen?

Ja, weil letztendlich dieser Gig auch auf unserem Mist gewachsen ist. Aachen hat eine unheimlich komische Szene, die sehr arrogant ist und nur sehr schwer motivierbar. Hinzu kommt, dass wir mit dem Bunker eine Lokalität haben, die eigentlich für mehr stehen könnte. Der Gig damals, den Ván mit The Devil’s Blood, Urfaust und Graupel organisiert haben, hat gezeigt, dass das Klientel für extreme Musik in Aachen da ist. Wir sind am Dreiländereck, wir hätten die Möglichkeit, auch aus dem Ausland Leute zu ziehen, was da auch der Fall war, 80% der Leute die da waren, hatte tatsächlich eine Anreise von über 100 km. Wir haben uns dann ins Fäustchen gelacht, weil die ganzen Aachener draußen standen und nicht mehr reingekommen sind, weil das Ding ausverkauft war. Die Leute denken immer "Ach ja, gehe ich mal hin und hol mir an der Abendkasse eine Karte", aber dass die Stadt und die Szene unterstützt werden müssten, das sieht ja kein Schwein bei uns. Das ist diese Arroganz, die ich Aachen ankreide. Und wir wollten einfach, dass der Musikbunker als Lokalität für extreme Musik zieht, was auch teilweise geklappt hat, wir hatten ja zum Beispiel Napalm Death hier. Das ebbt aber leider auch schon wieder ab, da ist die Identifikation der Szene sehr gering.

Also warst du nicht gerade verwundert, dass es nicht ausverkauft war.


Nein, eigentlich nicht. Es war ein abwechslungsreiches Line-up, es ist klar, dass du mit Black-Metal-Bands den Saal nicht komplett füllen kannst, erst recht nicht mit einer Band wie ENDSTILLE, die früher an jeder Ecke gespielt hat. Dann eine Band wie Verdunkeln, die eine hochqualitative Black-Metal-Band ist, aber auch eine ganz andere Sparte anspricht, als ENDSTILLE und dann noch Kilt als rhythmische Death-Metal-Band. Eigentlich hätte das Ding voll sein können, aber im Endeffekt hat es mich nicht gewundert.

Was sind das für Typen, mit denen du in der Band bist? Kannst du die charakterisieren? Fangen wir bei Wachtfels an.

Puuh, der Wachtfels, der hat nicht umsonst seine roten Haare, das ist einfach ein Irrer. Aber das ist eine Sache, die mir schwer fällt, andere Leute öffentlich zu kategorisieren oder zu bewerten. Sie sind definitiv Freunde, aber wir haben auch vier sehr starke Individuen in der Band, aber bei aller Individualität haben wir keine Exzentriker in der Band. Es harmoniert unheimlich gut zusammen und in erster Linie ist es die Freundschaft, die da zählt. Da werden dann auch Kompromisse geschlossen, die man vielleicht nur zähneknirschend mitnimmt, aber es macht keinem etwas aus.

Letzte Frage: Wie wichtig ist der Faktor Humor bei ENDSTILLE?

Oh, der ist ganz, ganz groß. Wir nehmen uns zwar ernst, aber da spielt ganz klar auch jede Menge Zynismus und Sarkasmus mit. Natürlich haben wir diese Kriegsthematiken, aber es ist ja nicht so, dass wir hingehen und den Leuten diese Themen um die Ohren hauen und sagen "Hier, Krieg ist geil", sondern wir setzen uns auch mit der Thematik auseinander. Du wirst kein einziges kriegsverherrlichendes Stück bei ENDSTILLE finden, weil wir uns schon über die Ausmaße des Krieges bewusst sind. Bei allem Humor, den wir mit tragen müssen, ist es ein Stück weit auch das, was die Band am Leben erhält, manche Dinge musst du einfach mit Humor nehmen. Man sieht aber auch anhand von Plattenkritiken, dass alles immer subjektiv ist. Du wirst den Papst auch nicht zum Crawley-Anhänger konvertieren können und man sieht einfach, wer uns mag und wer uns nicht mag. Wir geben da einen Scheiß drauf und ziehen unser Ding durch, wir sind einfach nur liebenswerte Bekloppte. Man darf uns nicht ans Bein pinkeln, da können wir mit Sicherheit ganz schön unangenehm werden, aber das hat im Endeffekt nichts mir der Band zu tun, sondern das sind die Persönlichkeiten an sich.

Andreas Schulz (Info)
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