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Michael Moravek & Electric Traveling Show: Georg (Review)

Artist:

Michael Moravek & Electric Traveling Show

Michael Moravek & Electric Traveling Show: Georg
Album:

Georg

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Folkpop, Singer-Songwriter, Deutschpop, Americana, Folkrock

Label: TYXart
Spieldauer: 37:10
Erschienen: 10.04.2026
Website: [Link]

"Mit dem Scheitern seiner Tat nahm das Leben Georg Elsers einen Verlauf, der an eine griechische Tragödie erinnert. In seiner Geschichte begegnet man unweigerlich sich selbst", schreibt MICHAEL MORAVEK, der hochgelobte Singer-Songwriter aus Ravensburg am Bodensee, als Anmerkung im Booklet zu seinem neuen Album. Man kämpft schon beim Lesen dieser beiden Sätze gegen den Kloß im Hals an. Und so geht es weiter, wenn man die elf Stücke von Moraveks vielleicht bester, ganz sicher aber wichtigster und berührendster Platte hört. Denn auf "Georg" geht es um die wirklich wichtigen Dinge: Mut (auch und gerade zum Nein-Sagen), Standfestigkeit gegen Feindseligkeit und Hass, intakte Werte und hohe Moral in unmenschlichen Zeiten.

Denn MICHAEL MORAVEK erzählt auf diesem vorbildlichen Konzeptalbum zusammen mit seiner Langzeit-Band ELECTRIC TRAVELING SHOW von einem im Nachkriegs-Deutschland zeitweise (vermutlich ganz bewusst) vergessenen Widerstandshelden, dem Schreiner Georg Elser (1903-1945), der 1939 versuchte, Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller mit einer selbstgebastelten Bombe zu töten. Auf Hitlers persönlichen Befehl wurde der mit dem Attentat und dem Tyrannenmord knapp gescheiterte Süddeutsche kurz vor Kriegsende nach langer Leidenszeit im KZ Dachau per Genickschuss getötet.


Ein historischer Stoff, der in mehreren Filmen gewürdigt wurde, von denen der letzte von 2015, mit einem herausragenden Christian Friedel in der Titelrolle, wohl der beste ist. Ein Stoff aber auch, der mit Klischees und Kitsch, mit krampfhaften Versuchen einer Modernisierung beschädigt werden könnte. Nichts davon bei MORAVEKS "Georg", einem Album, das bei aller zauberhaften Folkpop-Melancholie der Melodien und bei aller eloquenten Ernsthaftigkeit der Texte doch stets den Menschen Elser - und oft, auf sehr zarte, stets angemessene Weise, seine Gefühle - ins Zentrum stellt. 

Klar, man erkennt Parallelen zur Gegenwart, man denkt heutige totalitäre Tendenzen in aller Welt (und leider auch, ausgerechnet, hierzulande) mit, wenn man diese Lieder hört. Doch letztlich gelingt MICHAEL MORAVEK das Kunststück, vor allem ein so individuelles wie zeitloses Schicksal zu schildern. "Für mich stehen seine menschlichen Eigenschaften im Vordergrund", sagt der Songschreiber im "Musikreviews"-Interview. "Für mich verkörpert Georg Elser nicht den Helden, sondern das, was es heißt, ein Mensch zu sein."


Die Platte ist die erste deutschsprachige in der Solo-Karriere von MORAVEK, sie hat ihren Ursprung in seiner am Theaterhaus Stuttgart zusammen mit dem Schauspieler Bernd Wengert aufgeführten Bühnenproduktion "13 Minuten - Wie Georg Elser beinahe die Welt verändert hätte" von 2024. "Um ehrlich zu sein: Ich wollte diese Songs ursprünglich gar nicht veröffentlichen", erzählt der Musiker. "Dass sie gut sind, das wusste ich schon nach den ersten Vorstellungen. Die starken Reaktionen auf sie wiederholen sich ständig. Selbst nachdem wir die Aufnahmen im Januar abgeschlossen hatten und das Regensburger Label TYXart die Veröffentlichung vorbereitete, haderte ich damit. Ich fragte mich, wer diese schweren Songs überhaupt hören wollte - losgelöst vom Theaterstück, für das sie entstanden waren." 

Zum Glück ließ sich MICHAEL MORAVEK überzeugen, dass "Georg" - nach den Vorgängerwerken "November", "Lost", "Dream" und "Night Songs" - ein weiteres Vorzeigeprojekt sein könnte. Mitte 2025 habe er "daher beschlossen, die Songs auch für den englischsprachigen Markt umzudichten. Auch diese sind bereits in komplett neuen Arrangements aufgenommen und liegen nun bereit für eine Veröffentlichung Ende des Jahres."


MORAVEKS feiner, heller Gesang, Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug prägen diese wunderbar reduzierte Produktion, hinzu kommen Tupfer von Bratsche, Banjo, Mandoline und Zither (im einzigen Instrumental "Ich hör die amerikanische Artillerie"). Den Lyrics merkt man an, dass der Songwriter intensiv zum Leben von Georg Elser und zu dem um Haaresbreite gescheiterten Anschlag auf Hitler kurz nach Kriegsbeginn recherchiert hat. Im ersten Stück "Postkarte aus München" geht es letztlich um die eher zufällige Verhaftung des Attentäters in Konstanz am städtischen Grenzübergang zur Schweiz - wegen einer Postkarte an seinen Vater. Später imaginiert sich MORAVEK auch in Elsers Beziehungen zu den Geliebten Maria Schmauder ("Marie") und Elsa Härlen ("Alles ist gut").


Den eingangs erwähnten Kloß im Hals spürt man besonders beim Lied "Und brechen die Finger" über die Perversion der Nazi-Mörder, deren "Banalität des Bösen". MICHAEL MORAVEK sagt dazu: "Es bleibt ein ungelöstes Rätsel, ein Paradoxon, wie ein Mensch seinen Nächsten Liebe und Zuneigung weitergeben und gleichzeitig ein unmenschliches Monstrum sein kann." Im Closer "Ich hab dich geträumt, Elsa Härlen" gehe es um Elsers letzten Gang zu seiner Hinrichtung am 9. April 1945. "Der Song fiktionalisiert seine letzten Gedanken, während er zur Richtstätte geführt wird. Was geht einem Menschen durch den Kopf, der weiß, dass es unmittelbar zu Ende geht?"

Ja, das hochambitionierte Album "Georg" enthält natürlich mehrere "schwere Songs", wie MORAVEK einräumt. Einige Lieder, wie "Höllenmaschine" (über die in aller Heimlichkeit und Zurückgezogenheit gebaute Zeitbombe), sind hingegen fast fröhlich, spürbar durchströmt von Elsers Hoffnungen auf Hitlers baldigen Tod ("Und wir werden tanzen und frei sein und glücklich dabei"). Der Quasi-Titelsong "Georg Elser" verbinde seine "prophetischen Ahnungen, seine Entschlusskraft und die Einsamkeit, in der alles geschah", und "Von der Freiheit ein Mensch zu sein" handele schlicht und einfach "von Haltung in Zeiten der drohenden Finsternis". Damit passt "Georg" definitiv ins Hier und Jetzt.


Oder, wie MICHAEL MORAVEK selbst sagt: "Ich schreibe Songs, weil mich etwas bewegt, und die Geschichte von Georg Elser hat mich tief bewegt. Sie ist ein mehrdimensionales menschliches Drama, das bis in unsere Zeit hineinreicht."

FAZIT: Kann man vom traurigen Schicksal eines gescheiterten Hitler-Attentäters mit einem musikalisch leicht ins Ohr gehenden Folkpop-Album und ganz ohne Pathos oder Kitsch erzählen? Ja, wenn man die Klasse eines MICHAEL MORAVEK hat. Sein "Georg" ist eine Platte, die Bestandteil des Musik- und Geschichtsunterrichts von Schulen werden sollte. Und für den Ravensburger Künstler hoffentlich der verspätete Durchbruch als deutscher (und jetzt auch deutschsprachiger) Singer-Songwriter der Extraklasse bei einem größeren Publikum. Denn warum sollte ihm nicht vergönnt sein, was zuletzt Tristan Brusch gelungen ist.

Werner Herpell (Info) (Review 85x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 13 von 15 Punkten [?]
13 Punkte
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Tracklist:
  • Postkarte aus München
  • Georg Elser
  • Wie spät ist es wo du jetzt bist?
  • Marie
  • Schlaf, müder Mann
  • Von der Freiheit ein Mensch zu sein
  • Höllenmaschine
  • Und brechen die Finger
  • Alles ist gut
  • Ich hör die amerikanische Artillerie
  • Ich hab dich geträumt, Elsa Härlen

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

  • Georg (2026) - 13/15 Punkten
Interviews:
  • keine Interviews
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